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Zeittöne Herbst/Winter 2020/2021 - Stiftung Liebenau

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Lebenserfahrung Impuls

Lebenserfahrung Impuls Pünktlich komme ich in der Seniorenanlage an, in der sie inzwischen in einer einladend gemütlichen Dreizimmerwohnung lebt. Niemand öffnet. Ich rufe an. Niemand geht dran. Unruhe. Aber dann wird alles gut: »Ich habe geschlafen. Das kann ich mir jetzt leisten«, sagt sie grinsend. Die Türe zu ihrer Wohnung steht immer offen, das findet sie bequem und das ist auch ihre Lebenshaltung: Neugierig und offen bleiben, aber bitte möglichst keine Hausarbeiten. »Für Haus, Hof und Garten war ich immer ziemlich unbegabt.« Sie plaudert gerne, schaut dabei auf ihr langes, ereignisreiches Leben als Autorin, politische Aktivistin, Teil der Literaturszene, als Mutter und stellt zwischendurch ganz ohne Bedauern fest: »Ich wachse langsam aus der Zeit heraus.« Das fühle sich nicht schlecht an, denn »ich entbehre nichts.« Sie genieße es sehr, zu lesen oder ins Kino zu gehen. Auch die wöchentlichen Besuche bei Hans Küng, dem Lebensfreund ihres Mannes, der diese Freundschaft »auf mich übertragen hat« sind ihr sehr wichtig. Diese Routine verbinde das Gestern mit dem Heute, denn die meisten seien ja nicht mehr da. »Irgendwann kommt der Tag, an dem das Innen wichtiger wird als das Außen.« Sie werde kein Buch mehr schreiben und sie werde auch nicht mehr demonstrieren, obwohl es nötig sei. Sie erzählt von der jungen Inge, die den, aus dem brennenden Hamburg Geflohenen zur Seite stand und betont: »Ermuntern sie alle Alten. Die müssen erzählen. So etwas darf nie wieder sein.« Inge Jens ist fast 94 Jahre alt, sie hat so viel gelebt, sie muss es wissen. Orientierung Menschen brauchen und wollen Orientierung. Menschen wollen sich zurechtfinden und Menschen möchten sich nach etwas ausrichten und sich einrichten. Gerne haben wir Vorbilder, denen wir folgen dürfen. Orientierung ist gefragt. Das gilt für jeden Lebensbereich. Das gilt persönlich, beruflich, sexuell, religiös. Menschen suchen sich zu orientieren. Reden wir heute einmal über religiöse Orientierung. An was richten wir uns aus? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Dahinter steht immer die Frage: Was gilt eigentlich? Oder: Wie finde ich zu einem geglückten Leben? Was hält mich, was gibt mir Halt? Ich lade ein, bei der Frage der religiösen Orientierung, speziell für Christen, den Begriff ruhig wörtlich zu nehmen. Orientieren wir uns! Das heißt: schauen wir in den Orient. Mein Vorschlag: Vorderer Orient, Jordanebene, Nähe Jericho. Zeit: so gegen 29 nach Christus. Da könnten wir zwei Menschen treffen: Johannes den Täufer und Jesus, den aus Nazaret. Beide liefern Orientierung – allerdings höchst unterschiedliche. Bei Johannes können wir lernen und hören: Richtet eure Beziehung zu Gott neu, denn es kommt darauf an, vor Gott gut dazustehen. Und jede Rettung und alles Glück hinge daran, gut durchs Lebensgericht zu kommen am Ende der Tage. Jesus wird sich dagegen entscheiden. Seine Orientierung heißt: Ordnet eure Beziehungen zu den Menschen so, dass ihr aneinander glücklich und heil werdet. Unermüdlich kümmert sich Jesus um Menschen: Gebrochene, Blinde, Lahme. Er tut es, weil er seine eigene Orientierung ableitet von einem Verhältnis zu Gott, das einfach auf das Gut-Sein setzt. Also lassen wir uns orientieren. Ich entscheide mich jeden Tag neu für den Menschen. Prälat Michael H.F. Brock ist Vorstand der Stiftung Liebenau 10 zeittöne Lebenserfahrung zeittöne Impuls 11

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