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WIR mittendrin - 2/2022

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8 2 | 2022 GLEICHSTELLUNG Gleichberechtigung – jeden Tag Der jährliche Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember hat zum Ziel weltweit das Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderungen zu stärken sowie aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen zu thematisieren. Viele Menschen mit und ohne Behinderungen treten weltweit für Gleichberechtigung und für eine inklusive Gesellschaft ein. Dies geschieht nicht nur an bestimmten Tagen, sondern jeden Tag. Im Landkreis Ravensburg setzen sich verschiedene Institutionen, Organisationen und Personen seit Jahren für diese Rechte sowie für eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe ein. Dazu gehört, neben den Trägern der Behindertenhilfe und der Sozialverwaltung, auch der Kommunale Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen (KBB). Bis zur Bestellung im Hauptamt war es ein längerer Prozess. Von 2015 bis 2021 wurde das Amt des KBB im Landkreis Ravensburg im Ehrenamt ausgeübt. Die ehrenamtliche Stelle wurde damals im Zusammenhang mit den sogenannten Reinhard Friedel, Sozialdezernent im Landkreis Ravensburg. Inklusionskonferenzen geschaffen. Viele Jahre lang setzten sich die ehrenamtlichen KBB mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen für gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen ein. In Zusammenarbeit mit der Sozialverwaltung und dem Netzwerkpartner INIOS (Inklusion in Oberschwaben) entstanden 2020 und 2021 die ersten Jahresberichte der KBB und 2021 der Aktionsplan Inklusion. Ziel der neuen Berichterstattung war es unter anderem auch aufzuzeigen, dass die Tätigkeit der KBB nicht länger im Ehrenamt ausgeübt werden kann. Die zunehmende Themenvielfalt und -komplexität machte es unmöglich, diese enorm wichtige und herausfordernde Aufgabe im Ehrenamt gut auszufüllen. Der Kreistag des Landkreises Ravensburg hat am 18. Mai 2021 beschlossen, das Amt des KBB zukünftig hauptamtlich fortzuführen. Dies stellt eine enorme Wertschätzung der bisherigen Arbeit bei uns im Landkreis Ravensburg dar und freut mich als Sozialdezernent des Landkreises natürlich sehr. Text: Reinhard Friedel Foto: Landratsamt Ravensburg INKLUSION Mehr erkennen und noch mehr handeln Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen setzt für Jonas Buchhardt ein wichtiges Zeichen: Er ist der erste hauptamtliche Kommunale Behindertenbeauftragte (KBB) im Landkreis Ravensburg. Von Geburt an lebt er mit einer hochgradigen Sehbehinderung. Menschen mit Behinderungen, ihre Anstrengungen und Erfolge, aber auch die vielen Probleme, die es noch gibt, sollen an diesem Tag gesehen werden. Deshalb ist es wichtig, dass mehr Menschen mit Behinderungen in Positionen gelangen, wo sie auffallen und wo sich die Gesellschaft mit ihnen beschäftigen muss. So sehe ich meine KBB-Stelle als Möglichkeit, Themen aus einer selbstbe- Kontakt Jonas Buchhardt, KBB Landkreis Ravensburg Telefon: 0751 85 3136 E-Mail: j.buchhardt@rv.de Weitere Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen finden Sie auf der Internetseite des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg unter dem Stichwort „Beauftragte der Stadt- und Landkreise“. stimmten und durch das Landratsamt legitimierten Stellung heraus anzusprechen. Das ist anfangs unbequem und mühsam, aber führt langsam zu einer neuen Normalität, wo Einschränkungen vielleicht nicht mehr als unüberwindbares Hindernis gesehen werden, sondern versucht wird, neue Wege zu gehen. Alle profitieren Ich versuche immer Möglichkeiten aufzuzeigen, wie vielleicht nur durch eine kleine Haltungsänderung Themen anders angegangen werden können, damit mehr Menschen von inklusiven Lösungen profitieren können. Ein Beispiel ist der ÖPNV. Immer mehr Gemeinden erkennen langsam den Nutzen von umgebauten Haltestellen oder barrierefrei angelegten Wegen. Das ist nur ein Beispiel aus vielen Themen, bei denen ich versuche eine Änderung hin zu mehr Inklusion zu erreichen. Dafür braucht es nicht nur die Entscheiderinnen und Entscheider, sondern auch viele Menschen mit Behinderungen, die deutlich machen, was sie wollen und brauchen. Um mehr über die Themen zu lernen, möchte ich neue Gesprächsmöglichkeiten schaffen. Kommen Sie gerne auf mich zu. Text: Jonas Buchhardt Foto: privat

2 | 2022 9 GESELLSCHAFT Aktiv gegen Ungerechtigkeit Ungerechtigkeit schmerzt: Klaus Weisser hat dies selbst erfahren. Ein Grund, sich aktiv für eine gerechte Welt einzusetzen. Ich schreibe für Amnesty International (AI). Ich mache es, weil wir in einer sehr ungerechten Welt leben und ich gerne etwas dagegen tun möchte. Aus Erfahrung weiß ich, wie hilflos man sich fühlt, wenn man ungerecht behandelt wird. In der Vergangenheit wurde ich schon einmal zu Unrecht beschuldigt, Geld gestohlen zu haben, woraufhin ich in Hungerstreik getreten bin. Später kam heraus, dass ich unschuldig war. In manchen Ländern, zum Beispiel in denen der Islam Religion ist, haben Frauen und Mädchen so gut wie keine Rechte. Sie dürfen nicht einmal aus dem Haus gehen, sie müssen immer in Begleitung eines Mannes sein. Amnesty International macht Fälle bekannt, die gegen Menschenrechte verstoßen und die schnelle Hilfe erfordern. AI nennt das „Urgent Action“. In der Zeitschrift von Amnesty stehen immer drei aktuelle Fälle. Ich lese alles, dadurch sehe ich, welcher Fall am wichtigsten ist. Man soll immer innerhalb von sechs Wochen schreiben, sonst ist der jeweilige Fall nicht mehr aktuell. Schreibt man an die Regierung eines Landes, muss man immer eine Kopie an die jeweilige Botschaft in Deutschland schicken. Post aus Mexiko Auf mein Schreiben an die Regierung in Mexiko bekam ich erstaunlicherweise sogar mal ein Antwortschreiben, unterschrieben von der mexikanischen Regierung. In dem Fall wurde die Haftzeit eines zu Unrecht inhaftierten Menschen verkürzt. Bekommt man solch ein Antwortschreiben, muss man es immer zur deutschen Sektion von Amnesty International zur Kenntnis schicken, deren Sitz in Berlin ist. Es heißt pro Fall würden etwa 2500 Menschen schreiben. Wenn man Erfolg hat, ermutigt es mich immer wieder zu schreiben, wenn die nächste Zeitschrift erscheint. Sie erscheint sechs Mal im Jahr. Text: Klaus Weisser lebt in einem gemeindeintegrierten Wohnhaus der Stiftung Liebenau und ist Rentner Foto: Tim Gegner GESCHWISTERPFLEGE Ein möglichst alltägliches Leben in der Familie Die Schwestern Evelyne und Sylvie Besnard leben seit 2016 im Rahmen des „Betreuten Wohnens in Familien“ unter einem Dach in Aulendorf. Das Ziel des Umzugs, nämlich ein möglichst normales Leben und ein Plus an Lebensqualität für Evelyne, haben die beiden Schwestern erreicht. Begleitet werden sie von den Ambulanten Diensten der Zieglerschen. Mitten im Grünen liegt das Haus von Sylvie Besnard am Stadtrand von Aulendorf. 2016 zog ihre Schwester Evelyne im Rahmen des „Betreuten Wohnens in Familien“ bei ihr ein. Ihre zwei erwachsenen Kinder sowie drei Hunde, Pferde, Ziegen und Hühner gehören außerdem zur Hausgemeinschaft. Gern ist Evelyne Besnard bei der häuslichen Arbeit dabei – egal ob es zum Einkaufen geht, die Tiere gefüttert werden oder eine Lieblingsplatz Hollywoodschaukel: Evelyne Besnard (links) lebt seit sechs Jahren bei ihrer Schwester Sylvie Besnard (Mitte), hier mit ihren Töchtern. Gassi-Runde mit den Hunden ansteht. Vor ihrem Umzug lebte Evelyne Besnard in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen in der Bodenseeregion. „Sie war an jedem zweiten Wochenende und im Urlaub bei uns und der Abschied fiel jedes Mal schwer“, erinnert sich Sylvie Besnard. So sei die Aufnahme ihrer Schwester für sie eine Erleichterung. „Ich weiß ja nicht, wie viel gemeinsame Zeit wir noch haben.“ „Anders als in einer stationären Einrichtung liegt die volle Konzentration auf ihr“, sagt Sylvie Besnard. Bei der Betreuung erhält sie auch als Schwester Unterstützung durch die Ambulanten Dienste der Zieglerschen. „Als Fachdienst führen wir regelmäßig Beratungsgespräche, begleiten zum Beispiel zu Arztterminen, unterstützen bei Behördenangelegenheiten und organisieren Freizeitangebote“, erläutert Isabell Weiß von den Ambulanten Diensten die Wohnform „Betreutes Wohnen in Familien“. Egal ob verwandt oder nicht – die Familie erhält für die Aufnahme ihres Gastes eine steuerfreie Betreuungspauschale sowie Geld für Unterkunft und Verpflegung. Außerdem hat sie Anspruch auf 28 Tage Urlaub. Kontakte Geschwisterpflege Die Zieglerschen Tel.: 07525 93991-11 weiss.isabell@zieglersche.de Stiftung Liebenau Tel.: 0751 36633914; andreas. liehner@stiftung-liebenau.de Text/Foto: Claudia Wörner

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