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WIR mittendrin - 2/2022

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6 2 | 2022 SCHWERPUNKT: SEXUALITÄT UND BEZIEHUNG Berühren, Kuscheln und Umarmen Für Menschen mit komplexeren Behinderungen bleiben sinnliche und sexuelle Wünsche nicht selten unerfüllt. Aktive Sexualassistenz ist eine Dienstleistung, die helfen kann, wo der Mangel an erotischem Körperkontakt zur Belastung wird. Nina de Vries gibt Einblicke in ihre Arbeit der aktiven Sexualassistenz. Die Fragen stellte Christine Beck, Liebenau Teilhabe. Frau de Vries, wer sind die Menschen, mit denen Sie als Sexualassistentin arbeiten? Ich arbeite mit Menschen, die meist eine schwerere kognitive Behinderung haben, mit Autismus-Spektrum-Störungen, häufig in Kombination mit einer kognitiven Behinderung und Menschen mit Demenz. Nina de Vries bietet Sexualassistenz für Menschen mit Einschränkungen. Was gehört zu Ihrem Angebot und was machen Sie nicht? Ich biete an: Massage, Hautkontakt, Kuscheln, Halten, Umarmen, Berühren, auch gegenseitig, wenn jemand das möchte. Keinen Geschlechtsverkehr und keinen Oralkontakt. Wer kommt auf Sie zu und aus welchen Gründen? Ich werde angerufen oder bekomme eine Mail von Ange- hörigen, in der Regel von der Mutter, von Einrichtungsleitungen oder Pflegedienstleitungen. Es geht meist um Menschen, die mit sogenanntem herausfordernden Verhalten auf sich aufmerksam gemacht haben. Aggression, Autoaggression, Übergriffe. Oder um Menschen, bei denen beobachtet wird, dass sie nicht selber herausfinden, wie sie masturbieren können, dies aber versuchen und wollen. Wenn sich jemand nicht ausdrücken kann, woher wissen Sie, was er oder sie wünscht? Alle Menschen, mit denen ich arbeite, können klar signalisieren, was sie wollen und was sie nicht wollen. Sie nehmen keine falsche Rücksicht. Und nur solchen Menschen kann man aktive Sexualassistenz anbieten. Wenn jemand das nicht deutlich angeben kann, passt vielleicht eher so etwas wie basale Stimulation. Was macht eine gute Sexualassistenz aus? Eigenschaften, die vorhanden sein sollten, sind die Bereitschaft, die eigene Haltung, Motivation und Herangehensweise transparent zu machen. Die Fähigkeit, geduldig und kreativ mit dem Umfeld zu arbeiten, wenn es um Menschen mit kognitiven Behinderungen geht. Ein Helfersyndrom ist nicht angebracht. Es muss eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und den eigenen Beziehungen stattgefunden haben. www.ninadevries.com Foto: privat SCHWERPUNKT: SEXUALITÄT UND BEZIEHUNG Paar erfüllt sich den Heiratswunsch Seit 13 Jahren sind Stephanie und Benjamin Utz ein Paar, haben Höhen und Tiefen miteinander erlebt und sich entschlossen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Unlängst haben die beiden geheiratet. Benjamin Utz (41) weiß noch genau, wie er sich vor 13 Jahren ein Herz fasste und seine Arbeitskollegin im Aufzug in einem Gebäude der Liebenau Service (LiSe) gefragt hat, ob sie seine Freundin sein möchte. „Das war schon überraschend“, erinnert sich Stephanie (37). Eine Nacht lang hat sie über diese Frage nachgedacht und am nächsten Tag geantwortet: „Ja, ich will.“ Zu diesem Zeitpunkt lebte sie noch bei ihrer Mutter und er in einer Wohnung in Liebenau mit Begleitung durch die Ambulanten Dienste der Stiftung Liebenau. Später zog sie in eine Ein- Ehepaar Utz im Glück. zimmerwohnung, und auch er erlebte verschiedene Wohnformen. In all diesen Jahren gab es gute und schwierige Zeiten einschließlich Krisen und Krankheiten. „Aber wir sind immer zusammengeblieben“, sagt Benjamin Utz. Vor gut zwei Jahren machte das Paar einen großen Schritt: Die beiden zogen zusammen in eine Zweizimmerwohnung. Kurz darauf kam Corona. Wegen des Infektionsrisikos durften sie nicht mehr zur Arbeit und mussten zuhause bleiben. Das war nicht nur ungewohnt, sondern auch ein Stresstest für ihre Beziehung. „Wir haben oft gestritten“, gibt Stephanie Utz zu. „Aber wir haben es immer auf die Reihe gekriegt oder jemanden gesucht, der uns helfen kann“, erzählt sie. Viel Unterstützung bekommen sie insbesondere von ihren ABW-Betreuerinnen, von der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) und in der Paartherapie, zu der sie einmal im Monat gehen. In ihrem Alltag haben sie sich gut arrangiert. Beide arbeiten nach wie vor in der LiSe-Werkstatt, inzwischen allerdings in verschiedenen Bereichen. Benjamin Utz ist im Lager tätig, Stephanie Utz arbeitet auf dem Lkw beim Ausliefern von Wäsche und Essen. Für die Hausarbeit haben sie eine klare Regelung getroffen: „Wer zuerst nach Hause kommt, kümmert sich um den Haushalt“, sagt der 41-Jährige. Weil er die regelmäßigeren und kürzeren Arbeitszeiten hat, übernimmt folglich er meistens das Staubsaugen, Waschen und Kochen. An gemeinsamen Unternehmungen steht Fahrradfahren an erster Stelle. Zudem besuchen sie gerne Eishockeyspiele. Auch Angebote der Offenen Hilfen wie Kegeln oder Kochen nehmen sie gerne an. „Ganz früher hatten wir auch einen Kinderwunsch“, erzählt Benjamin Utz. Doch er bestehe nicht mehr, seit sie sich damit beschäftigt haben, was das für ihr Leben bedeuten würde. „Ich bin dreifache Tante“, sagt sie. „Und ich bin vierfacher Onkel“, ergänzt er. „Das genügt uns“, sind sie sich einig. Text/Foto: Ruth Eberhardt

2 | 2022 7 SPORT UND BEWEGUNG Ich mache gerne Sport, weil... Längst widerlegt ist der Ausspruch „Sport ist Mord“, der vom früheren britischen Premierminister Winston Churchill stammen soll. Viele Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderungen – sehen das … die körperliche Tätigkeit mir sehr gut tut. Am liebsten gehe ich joggen, Fahrradfahren und manchmal auch schwimmen. Sport hilft mir auch bei meiner Borderline-Erkrankung sehr. Meine innere Anspannung kann ich damit gut regulieren und abbauen. Das Fußballspielen beim FC Rosenharz macht beim Training und bei Turnieren unglaublich Spaß. Ich schätze die Gemeinschaft, die gegenseitige Achtung und den Respekt voreinander. Ich weiß es zu schätzen, dass ich körperlich gesund bin und Sport treiben kann, was keine Selbstverständlichkeit ist. Anita Asal, Bewohnerin Fachzentrum Rosenharz der Stiftung Liebenau Thema Sport und Bewegung differenzierter. Und sehr positiv. Sie machen Sport alleine, meistens noch lieber in einem Team. Viele machen bei Wettkämpfen mit, um sich mit anderen Mannschaften zu messen ... ich mich da auspowern kann. Ich spiele regelmäßig Tischtennis und sehr gerne Fußball. Am Wochenende gehe ich oft Laufen, mache Nordic Walking mit meiner Mitbewohnerin, in der Gruppe oder allein. Ich würde auch gerne Krafttraining im Fitnessstudio ausprobieren. Ich bin gerne mit anderen zusammen, in der Mannschaft, bei Turnieren. Ich brauche die Bewegung dringend als körperlichen Ausgleich für die Arbeit im Sitzen. Sport tut mir auch innerlich gut, hilft mir nach einem stressigen Tag runterzukommen, der Kopf wird frei. Bewegung entspannt mich, ich bin viel besser drauf nach dem Sport. Heiko Hogrefe, 51 Jahre, Ambulante Hilfen Diakonie Pfingstweid und andere Menschen zu treffen. Und dies international. Die Special Olymics etwa bieten Menschen mit Handicap die Chance weltweit an Olympischen Spielen teilzunehmen. Sporttreibende berichten. … es mir Spaß macht, gesund ist und ich auf meinen Körper achte. Ich habe sehr viel Energie, irgendwo muss sie raus. Seit einem Jahr bin ich im Badminton-Team der Don-Bosco-Schule. Die Sportart gefällt mir gut, weil man im Einzel und im Team spielen kann. Sie ist gut auch für das Gefühl, etwas Neues dazu lernen zu können. Unser Team ist diesen Sommer nach Berlin zu den Nationalen Spielen von Special Olympics Deutschland gefahren, als erste Special Line Judges, also Linienrichter. Im Juni 2023 gehen wir als solche erneut nach Berlin. Plötzlich gehören wir zum offiziellen Ausrichtungsteam der Weltspiele. Alessio Bianco, 16 Jahre, Schüler der Don-Bosco-Schule SBBZ, Stiftung Liebenau … es mir sehr wichtig ist, dass ich Freunde um mich habe und neue kennenlerne. Im Team sind wir stärker. Ich habe jeden Tag Training mit Volleyball oder Fußball. Donnerstag ist mein einziger trainingsfreier Tag. Dann laufe ich oft bis zu drei Stunden. Beim Fußball spiele ich inzwischen in der 4. Mannschaft der Fußballgemeinschaft 2010 Wilhelmsdorf-Riedhausen-Zußdorf. Im Rahmen der Weltspiele der Special Olympics war ich schon in Athen, in Los Angeles sogar als Kapitän. Wir haben dort Gold gewonnen. In Abu Dhabi gewannen wir Silber. 2023 in Berlin wollen wir natürlich gewinnen. Dennis Kutzner, 28 Jahre, aktives Mitglied bei der Sportkooperation des TSG Wilhelmsdorf und „Die Zieglerschen“ ... für mich Sport in der Mannschaft Zusammenarbeit bedeutet. 1999 war ich in Nord-Carolina bei den Worldgames von Special Olympics Volleyball, 2003 in Dublin. Ich bin aktiv dabeigeblieben bis jetzt nach Corona. Ich bin noch im TSG-Gesamtausschuss fürs Volleyball dabei. Ich manage auch das „Team 4“ - die 4. Herrenmannschaft des TSG - mit. Seit letztem Oktober trainiere ich die Bambini, das ist ein witziges Training. Die Zusammenarbeit mit den beiden anderen Trainern funktioniert voll gut. Bald mache ich auch noch einen Trainerschein beim Fußballverband. Martin Bauer, 40 Jahre, aktives Mitglied bei der Sportkooperation des TSG Wilhelmsdorf und „Die Zieglerschen“ ...er mir hilft, fit zu bleiben. Seit über 20 Jahren gehe ich in meiner Freizeit leidenschaftlich gerne boxen. Ich gehe einmal die Woche zum zweistündigen Training in das Box Champ Ravensburg. Toll finde ich, dass immer laut Musik gespielt wird, das motiviert mich sehr. Aufgrund von Corona musste mein Training leider oft pausieren. Mein großer Traum, einmal bei einem Box-Wettkampf mitzumachen, hat sich vor einigen Jahren erfüllt. Ich durfte in der Ravensburger Oberschwabenhalle im Boxring gegen meinen Trainer antreten und habe gewonnen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Tobias G., wohnt bei der Arche Ravensburg und arbeitet bei der OWB Fotos: privat

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