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WIR mittendrin - 2/2022

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4 2 | 2022 Kontakte und weiterführende Informationen Betreute Menschen mit Behinderungen können sich mit Fragen rund um Sexualität und Beziehung an Fachkräfte wenden: Sowohl „Die Zieglerschen“ als auch die Stiftung Liebenau und die Diakonie Pfingstweid haben Fachkräfte, die zu diesen Themen speziell ausgebildet und geschult sind. Interessierte fragen wegen Kontakten am besten beim jeweiligen Sozialdienst nach. Veröffentlichungen • Leitlinien zum Umgang mit Sexualität und Behinderung; Nov. 2017; Stiftung Liebenau Teilhabe • Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch und Behinderung, Feb. 2022; Stiftung Liebenau Teilhabe • Leitfaden des Runden Tisches „Sexualität und Behinderung“ für Dienste und Organisationen für Menschen mit Behinderungen; eine Bremer Initiative von freien und öffentlichen Institutionen • Bosch, E. (2004). Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Ein Hand- und Arbeitsbuch. Tübingen: dgvt. • Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. (2014). Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen (6. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa. • Walter, J. (2004). Selbstbestimmte Sexualität als Menschenrecht – Standards im Umgang mit der Sexualität behinderter Menschen. In J. Walter (Hrsg.), Sexualbegleitung und Sexualassistenz bei Menschen mit Behinderungen (S. 15–30). Heidelberg: Winter. SCHWERPUNKT: SEXUALITÄT UND BEZIEHUNG Großer Beratungsbedarf Beratung und Aufklärung von Menschen mit Einschränkungen zum Thema Sexualität und Beziehung bleibt bislang eher Wunschdenken. Maximiliane Laplace, 32 Jahre, Sexualpädagogin für Menschen mit Behinderungen, Heilerziehungspflegerin im SBB Haslachmühle (Förder- und Betreuungsbereich), Mutter von drei Kindern, erklärt, warum sie wichtig sind. Frau Laplace, hat eigentlich jeder Mensch das Bedürfnis nach Sexualität? Körperliche Nähe und Sexualität zählen zu den Grundbedürfnissen eines Menschen. Jeder Mensch ist von Geburt bis zum Tod ein sexuelles Wesen – völlig unabhängig von Alter oder Assistenzbedarf. Ein erfülltes Sexualleben sorgt für Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Sie setzen sich insbesondere für die Beratung und Aufklärung von Menschen mit Behinderungen ein. Warum ist beides so wichtig? Menschen mit Behinderungen werden von der Gesellschaft oft ihr ganzes Leben lang wie Kinder behandelt, haben aber ebenso sexuelle Bedürfnisse wie alle anderen Menschen auch. Für sie ist es aber oft schwierig, an Informationen zu kommen. Auch Eltern, Angehörige und junge Mitarbeitende haben nicht selten Hemmungen, Gesprächspartnerin oder -partner zu sein. Dabei ist Aufklärung unverzichtbar und auch ein wichtiger Schutz vor sexueller Gewalt. Denn nur wer die eigenen Grenzen kennt, kann diese beachten und beispielsweise den Zugriff auf den Intimbereich verweigern. Darüber hinaus kann Wissen auch davor schützen, selber zum Täter von sexueller Gewalt zu werden. Maximiliane Laplace ist Sexualpädagogin für Menschen mit Behinderungen bei den Zieglerschen. Gibt es Anlaufstellen, wo sich Menschen mit Behinderungen zu diesem Themenbereich beraten lassen können? Leider nur ganz wenige hier im Süden. Ich sehe hier einen großen Handlungsbedarf. Vor allem Menschen mit geistigen Behinderungen haben sehr wenig Möglichkeiten, sich beraten zu lassen. Für sie ist es wichtig, dass genügend Zeit und auch die entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Menschen mit einer Hör- und Sprachbehinderung etwa benötigen entsprechende Gebärden und Kommunikationshilfen, um sich austauschen zu können. Wir sind in der Behindertenhilfe der Zieglerschen aktuell dabei, ein neues Gebärdenplakat zum Thema „Sexualität und Beziehung“ zusammenzustellen und die neuen Gebärden auch in die überarbeitete App unserer Gebärden- sammlung „Schau doch meine Hände an“ aufzunehmen. Hilfreich wäre darüber hinaus, wenn in einer Beratungsstelle nicht nur Einzeltermine vereinbart werden könnten, sondern bei Bedarf auch Folgetermine. Das können die Beratungsstellen aus ressourcentechnischen Gründen allerdings leider meist nicht leisten. Ich hoffe, dass der Schwung, der durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) entstand, auch in diesen Bereich rüberschwappt und es hier mehr Teilhabe gibt. Wunderbar wäre eine niederschwellig erreichbare Beratungsstelle, die gleichzeitig räumlich von Wohnbereichen und den Mitarbeitenden abgekoppelt wäre, damit Themen frei und ohne Scham angesprochen werden können. Fragen: Annette Scherer Foto: Stefan Wieland, beide „Die Zieglerschen“

2 | 2022 5 SCHWERPUNKT: SEXUALITÄT UND BEZIEHUNG …so viele Schmetterlinge Eine gute Beziehung macht glücklich. Christina Groß schildert ihre Gefühle. Michael Schaber ist mein Freund. Er kommt aus Lindau und wohnt in Liebenau. Vor Corona haben wir uns beim Stammtisch in Ravensburg kennengelernt. Von Anfang an habe ich mich in ihn verliebt. Die schönen blauen Augen. Es ist die große Liebe mit großen Gefühlen. Ich habe so viele Schmetterlinge im Bauch. Bin so glücklich. Charmant und liebenswert Michael ist charmant, liebevoll, sportlich, elegant, sieht gut aus. Wir verstehen uns gut. Ich denke jeden Tag an ihn. Meine Gedanken sind ganz nah bei ihm. Ich war nie so glücklich. Jetzt sind wir über drei Jahre zusammen. Am 5. Mai ist unser Jahrestag. Wir gehen zusammen zum Bummeln und Kaffee trinken in die Stadt. Einmal im Monat übernachten wir bei ihm oder bei mir. Ich bin am 3. September 1986 in Ulm geboren. Ich habe Geschwister und bin mit ihnen bei meinen Eltern aufgewachsen. Ich lebe schon sehr lange in einer WG zusammen mit drei Freundinnen. Mit meinen Freunden verstehe ich mich gut und es gibt nie Streit. Text: Christina Groß, lebt in einer Wohngemeinschaft der Stiftung Liebenau in Ravensburg Foto: privat Christina Groß und Michael Schaber genießen ihre Beziehung. Im kommenden Mai sind sie vier Jahre zusammen. SCHWERPUNKT: SEXUALITÄT UND PARTNERSCHAFT Volltreffer beim Single-Treff In der Zeitung wir mittendrin wurde in Ausgabe 1 2022 thematisiert, dass es für Menschen mit Handicap nicht einfach ist, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Umso schöner, dass es bei der Single-Party im Mai in Tettnang, veranstaltet von der Diakonie Pfingstweid, zu einem Happy End gekommen ist. Klaus V.* und Anita K.* sowie Uschi W.* und Hans B.* (Namen geändert) berichten. Bei der Veranstaltung gab es zu Beginn ein Kennenlernspiel, bei dem ich die Karte mit der Katze gezogen habe. Mein Gegenüber, Klaus, hatte dieselbe Karte“, berichtet Anita K. „Und so begann alles. Wir haben uns sofort verstanden und es hat auch gefunkt bei uns beiden. Seither sind wir ein glückliches Paar.“ „Da wir beide in Tettnang wohnen, können wir gemeinsam in der Stadt etwas unternehmen. Wir gehen zusammen Eis essen, zum Stammtisch oder eventuell mal auf ein Konzert“, berichten die beiden. „Klaus überrascht mich auch mit netten Geschenken, über die ich mich sehr freue“, ergänzt Anita K. Auch als sie im Krankenhaus war, war es für Klaus V. selbstverständlich, seine Partnerin dort zu besuchen. Klaus V. möchte zum Beispiel auch, dass Anita K. mal am Wochenende zu ihm in die WG kommt, wo er sie dann mit einem leckeren Essen verwöhnen kann. Anita K. hat Freude am „Mensch ärgere dich nicht“ und möchte es öfter mit Klaus spielen. Beide sind sehr glücklich, sich endlich gefunden zu haben und möchten die gemeinsame Zeit genießen. Sympathie von Anfang an Uschi W. und Hans B. haben sich ebenfalls bei einem Single- Treff kennengelernt. „Wir fanden uns gleich von Anfang an sehr sympathisch und haben nach der Veranstaltung unsere Handynummern ausgetauscht“, schildern die beiden. Gleich am nächsten Tag haben sie sich über WhatsApp unterhalten, daraufhin hat Hans B. bei Uschi W. angerufen, um persönlich mit ihr zu reden. Nicht viel später unternahmen sie einen Ausflug und haben dabei gemerkt, dass da mehr daraus werden könnte. Beide wollten sich aber auch Zeit lassen, um sich noch besser kennenzulernen, aber beide Herzen machen einen Hüpfer, wenn sie sich treffen. Hans ist eher der ruhigere und zurückhaltende Typ, somit „muss“ Uschi den aktiveren Part übernehmen, was ihr jedoch nichts ausmacht. „Wir freuen uns noch auf viele schöne gemeinsame Stunden und Unternehmungen und dann werden wir schon sehen ,was daraus wird“, sind sich beide einig und schauen sich dabei fest in die Augen. Text/Fotos: Ingrid Gastel und Petra Wolfinger, Ambulante Dienste Diakonie Pfingstweid

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