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WIR mittendrin - 2/2022

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10 2 | 2022 REISEN UND ENTDECKEN Es gibt noch viel Schönes zu entdecken Mein Name ist Marc Gorecki, ich bin 30 Jahre alt und bin wegen meiner Behinderung auf Hilfe angewiesen. Ich bin bisher noch nie allein in den Urlaub gefahren. Mein Wunsch war es selbständig zu verreisen. Den habe ich mir im vergangenen Sommer erfüllt. Erst wollte ich nach Berlin fahren. Da es sehr weit ist, haben meine Betreuenden und ich im Internet in Regensburg das Inklusionshotel Includio gefunden. Dort war es möglich, benötigte Pflege dazu zu buchen. Für die Reisevorbereitung habe ich mir in der Bücherei Reiseführer von Regensburg ausgeliehen. Dann kam der große Tag. An einem Dienstag im August startete ich vom gemeindeintegrierten Wohnhaus zum Tettnanger Bärenplatz, kam von dort mit Bus und Bahn und nach mehreren Umstiegen am Hauptbahnhof in Regensburg an. Mit dem Bus ging es nach Burgweinting, dann waren es nur noch wenige Schritte zum Hotel. Am ersten Tag habe ich einge- Ab in den Urlaub: Marc Gorecki startete seine Reise nach Regensburg direkt vor der Haustür in Tettnang. checkt und mir das Hotel angeschaut. Es hat 84 barrierefreie Zimmer, 18 davon sind rollstuhlgerecht. Seine Lage ist nahe am Zentrum von Regensburg. Es wird von den Johannitern geführt. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen. Das gesamte Hotel- personal und der Pflegedienst waren nett und sehr freundlich. Am zweiten Tag bin ich morgens um 7 Uhr aufgestanden und habe mich mit der gebuchten Hilfe für den Tag fertiggemacht. Nach dem Frühstück fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof. Mitarbeitende vom Hotel haben mir erklärt, welchen Bus ich nehmen muss. Vom Bahnhof ging ich zu den Regensburg Arcaden und war ein bisschen bummeln. Am dritten Urlaubstag habe ich eine etwa einstündige Strudelrundfahrt gebucht. Bei der Schifffahrt auf der Donau lernt man viel über die Geschichte von Regensburg. Danach habe ich mir einen Kaffee gegönnt und ging später zurück zum Hotel. Am vierten Tag stand schon die Heimreise bevor. Nach dem Packen und dem Frühstück habe ich ausgecheckt. Mit Bus und Bahn kam ich am Abend wohlbehalten zuhause an. Ich mag es gerne, allein und unabhängig zu sein. Die Reise würde ich jederzeit wieder machen. Sie war sehr schön und es hat sich für mich gelohnt. Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, wieder zu verreisen, weil ich gerne selbstständig sein möchte und weil es noch sehr viel Schönes zu entdecken gibt. www.includio.de Foto: Mareike Hülsmann TAGESSTRUKTUR „Gepflegte“ Tage Tagespflege gibt Sicherheit und Struktur. Irmgard Weiland lebt in Tettnang und wird von den Ambulanten Diensten der Stiftung Liebenau begleitet. Seit Oktober dieses Jahres ist sie Rentnerin. Sie berichtet über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Angebot. Alles fing damit an, dass ich mich nach mehreren Stürzen nicht mehr traute, allein in die Stadt zu laufen, was ich immer sehr gerne gemacht habe. Ich fühlte mich unsicher und wollte nicht wieder stürzen. Da schlugen meine Betreuerin Steffi Gfrerer und Christine Konzett vom Pflegedienst vor, dass ich Zeit in der Tagespflege verbringen könnte. Seit Juli 2020 bin ich nun dort. Zuerst immer am Donnerstagnachmittag. Wenn ich frei oder Urlaub hatte, war ich den ganzen Tag drüben. Der Pflegedienst, wo die Tagespflege stattfindet, ist nämlich nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt. Seit ich Rentnerin bin, nutze ich das Angebot meistens montags und donnerstags. Ich bin mit 65 Jahren die Jüngste von neun oder manchmal zehn Personen. Die anderen sind zwischen 70 und 80, die älteste Teilnehmerin sogar 98 Jahre alt. Wir kegeln und machen Gymnastik mit Händen und Füßen und allem, um die Muskulatur zu stärken. Gedächtnistraining, Rätsel aus der Zeitung und Singen von Liedern aus der Heimat gehören zum Programm. Man bekommt dort auch Frühstück und Mittagessen. Am Nachmittag gibt es Kaffee oder Tee und Kuchen. Danach spielen wir zu viert „Mensch ärgere dich nicht“. Das Spiel ist immer spannend. Ich verstehe mich gut mit allen. Ich fühle mich sehr wohl in der Tagespflege. Foto: Anne Oschwald Irmgard Weiland (links) besucht regelmäßig die Tagespflege. Es gibt ihr Struktur, stärkt Muskeln und Gedächtnis und macht ihr Spaß.

2 | 2022 11 ARBEIT Eine ganz normale Arbeitsstelle Nicole Weiss arbeitet im „SKIDs Bio Bistro“ in Überlingen, das allen interessierten und hungrigen Menschen offensteht. Zuvor hat sie lange Zeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) in Liebenau gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie im SKIDs Bio Bistro arbeiten? Bei der „Landesgartenschau Überlingen 2020“, die wegen Corona erst 2021 stattfand, habe ich das Bistro kennengelernt und es hat mir dort super gefallen. Ich dachte, das könnte auch ein Arbeitsplatz für mich sein. Auf meine Anfrage machte ich ein vierwöchiges Praktikum im Bistro und bin später tatsächlich übernommen worden. Was ist das SKIDs Bio Bistro? Es ist ein Bistro in Überlingen, in dem man unter anderem Nicole Weiss gehört zum Team im SKIDs Bio Bistro in Überlingen. Sie sorgt dafür, dass die Gäste sich wohlfühlen. Mittagessen bekommt. Täglich wechselt das besondere Mittagessen in Bio-Qualität. Außerdem werden hier immer Pasta mit Pesto oder Bolognese-Sauce oder auch verschiedene Salate angeboten. Kaffee und Kuchen sowie andere kalte Ge- tränke kann man kaufen. Im Bistro arbeiten momentan elf Menschen mit Unterstützungsbedarf und drei Anleitende zusammen. Was arbeiten Sie genau? Ich arbeite vorwiegend in der Küche. Dort bereite ich die Lebensmittel vor, die dann zu Salaten verarbeitet werden. Außerdem kümmere ich mich um das Geschirr. Bald werde ich im Service eingearbeitet und darf dort mitarbeiten. Wie kommen Sie von Ihrem Wohnort Friedrichshafen nach Überlingen? Ich fahre von Montag bis Freitag hauptsächlich mit dem Zug, manchmal auch mit dem Bus. Informationen: Die SKID gemeinnützige GmbH hat sich zur Aufgabe gemacht, neue Qualifikations- und Arbeitsfelder für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Im SKIDs Bistro sind zwölf neue Arbeitsplätze entstanden. Fragen: Katrin Heibel, Liebenau Teilhabe BEZIEHUNG Meine Traurigkeit, mein Abschiedsschmerz Menschen mit Behinderungen erleben häufig Veränderungen bei den Bezugspersonen, etwa wenn diese die Arbeitsstelle wechseln. Sich von gewachsenen Beziehungen zu lösen, ist oft schmerzhaft. Mario Miltz berichtet, wie es ihm damit geht. Ich, Mario Miltz, wohne schon lange in der Stiftung Liebenau. Jedes Jahr kommen neue junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich freue mich immer, dass neue Mitarbeiter, Schüler und Schülerinnen kommen. Aber ich bin auch immer traurig. Ich weiß, dass die Schüler nicht lange bei mir bleiben. Ich muss oft weinen. Ich habe mich gerade an sie gewöhnt, dann müssen sie schon wieder weg. Ich vermisse sie sehr, ich habe von jedem Mitarbeiter und von jeder Mitarbeiterin, die nicht mehr bei Abschied macht traurig: Mario Miltz ist sehr kontaktfreudig, aber auch sensibel: Abschiede von Mitarbeitenden machen ihn sehr traurig. mir sind, ein Bild in meinem Zimmer hängen. Das hilft mir, dass ich sie nicht vergesse. Betreuerin war wie Familie Dieses Jahr musste ich von einer mir sehr wichtigen Person Abschied nehmen. Meine gesetzliche Betreuerin Frau S. hat nach über 20 Jahren aufgehört meine Betreuerin zu sein. Sie war für mich die wichtigste Person in meinem ganzen Leben. Sie war für mich wie meine Familie, da ich nie eine richtige Familie hatte. Sie tat mir immer gut. Das war und ist immer noch sehr schwer für mich. Ich vermisse sie sehr und es macht mich immer noch traurig. Ich muss viele Tränen weinen. Im Juni hat sie mich und meinen Bezugsbetreuer von der Wohngruppe zu sich nach Hause eingeladen. Wir haben Kuchen gegessen, ich habe einen Kakao getrunken, ich habe bei ihr auf dem Klavier gespielt und gemeinsam haben wir Scrabble gespielt. Das war ein richtig schöner Nachmittag, der den Abschied ein bisschen leichter gemacht hat. Trotzdem vermisse ich sie jeden Tag. Ich bin traurig, mein Leben lang. Text: Mario Miltz lebt in einem gemeindeintegrierten Haus und arbeitet in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen der Stiftung Liebenau Foto: Martin Schmidtke

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