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WIR mittendrin - 2/2020

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4 2 | 2020 GESELLSCHAFT (K)ein Tag wie jeder andere? Der 3. Dezember ist definitiv ein wichtiger Tag für mich. Schon rein beruflich. Am „Welttag der Menschen mit Behinderung“ (s. auch S. 12) finden schließlich jedes Jahr zahllose Veranstaltungen rund um die Themen meines Amtes als Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung statt. So Corona es zulässt, wird das auch 2020 nicht anders sein. Dieser Tag ist auch deshalb wichtig, weil er uns allen immer wieder vor Augen führt, wie viel wir auch nach über zehn Jahren bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention noch zu tun haben. Arbeit, Wohnen, Schule, Freizeit, politische Teilhabe, Gesundheitsversorgung und noch viele weitere Themenfelder gibt es, in denen Inklusion noch längst nicht vollständig umgesetzt ist. Sicherlich: Deutschland hat hier schon einiges erreicht. Wir gehen seit vielen Jahren den Weg von beengender Überfürsorge zu mehr Selbstbestimmung. Vor allem ist das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und für Themen wie Barrierefreiheit und Teilhabe in weiten Teilen der Bevölkerung stark gestiegen. Aber dennoch ist dieser Weg wahrlich kein ausschließlich gerader und er führt auch nicht immer nur vorwärts. Und von Inklusion als fest verankerter gesellschaftlicher Grundhaltung sind wir für ein reiches Industrieland teilweise noch erstaunlich weit entfernt. Ein guter Indikator dafür ist meines Erachtens die Bildungspolitik. Natürlich ist es gerade auf diesem Feld in einem föderalistischen System immer schwer, für das ganze Land zu sprechen. Meine Erfahrungen in Bayern zeigen aber: je früher im Leben eines Menschen Inklusion beginnt, desto besser und nachhaltiger funktioniert sie meist – und hier ist Schule ein ganz entscheidender Faktor. Gerade auf diesem Feld können wir aber nur ernsthaft vorankommen, wenn wir auch bereit sind, eingefahrene Strukturen zu hinterfragen und zu verändern. Insgesamt brauchen wir also den 3. Dezember (noch), um die Anliegen und Sorgen der Menschen mit Behinderungen – und auch ihrer Angehörigen und Familien – möglichst laut und selbstbewusst – und gerne auch mal ein bisschen provokativ – vorzutragen. Mir persönlich wäre es allerdings deutlich lieber, wir bräuchten ihn irgendwann nicht mehr, weil die Belange von Menschen mit Behinderungen an jedem Tag, immer und überall, ganz selbstverständlich mitgedacht und berücksichtigt werden. Dann wäre der 3. Dezember (endlich) ein Tag wie jeder andere! Text: Holger Kiesel, Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen der Bayerischen Staatsregierung. Foto: privat SELBSTSTÄNDIGKEIT Eigene Wohnung bedeutet Freiheit Ambulant Betreutes Wohnen in Lindau ermöglicht Menschen mit Behinderungen ein Leben in der eigenen Wohnung. heraus, dass sie Frau W. am ehesten um die Mittagszeit antrifft. Mittlerweile wartet Frau W. bereits auf ihre Besucherin, erkundigt sich, wann sie das „Haben Sie Lust, heute mit mir spazieren zu gehen?“, fragt Eva Sasse ihre Klientin Frau W. Rund 20 Minuten später stehen beide vor dem gepflegten Mietshaus und brechen bei schönem Herbstwetter zu einem Spaziergang zum nahegelegenen Park auf. Was zunächst wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist hier eine Besonderheit. Frau W. ist seit über 30 Jahren psychisch krank und lebt in ihrer eigenen Welt. Um eine Unterbringung in einer geschlossenen stationären Einrichtung zu vermeiden, wurde 2011 Ambulant Betreutes Wohnen (ABW) Eva Sasse (rechts) begleitet Frau W., die möglichst lange in der eigenen Wohnung leben möchte. für sie beantragt. Seitdem wird sie regelmäßig drei Mal pro Woche von einer Mitarbeiterin der Ambulanten Dienste Lindau der Stiftung Liebenau in ihrer Wohnung besucht. Anfangs waren Absprachen mit ihr kaum möglich. Mit der Zeit fand Eva Sasse nächste Mal kommt und beklagt sich, wenn diese mal im Urlaub ist. So hat sich über die Jahre vieles zum Positiven gewandelt. Nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit im Hilfenetz zwischen psychiatrischer Versorgung, Pflegedienst, gesetzlichem Betreuer und ABW blieb die Lebenssituation von Frau W. die letzten Jahre stabil. Im Alltag konnten viele kleine Verbesserungen erreicht werden. Essen auf Rädern stellt die regelmäßige Ernährung sicher, Einkäufe werden gelegentlich gemeinsam erledigt und erst durch die persönliche Begleitung nimmt Frau W. Vorsorgeuntersuchungen bei Ärzten wahr, die sie viele Jahre vermieden hat. Gibt es Konflikte mit dem Wohnumfeld, übernimmt Eva Sasse die Rolle der Vermittlerin und erklärt die Hintergründe der psychischen Erkrankung. Manchmal liest die gelernte Heilerziehungspflegerin Frau W. auch einfach nur vor oder sie machen gemeinsam mit einem anderen Klienten einen kleinen Ausflug oder gehen eben zusammen spazieren. Der größte Wunsch der freiheitsliebenden Frau: Weiterhin in ihrer eigenen Wohnung leben zu können. Text/Foto: Angela Königer, Leitung Ambulante Dienste Lindau, Stiftung Liebenau

2 | 2020 5 BARRIEREN Diagnose sorgt für Aha-Moment Als Kind und Jugendliche wussten weder Evelyn Sowa noch ihr Umfeld, womit ihre „introvertierte“ Art zusammenhing. Erst später brachte ihr die Diagnose Klarheit: Sie ist stark sehbeeinträchtigt und hat heute noch eine Restsehstärke von zehn Prozent. Stille Wasser sind tief: Mit diesem Spruch beschrieb mich mein Realschuldirektor damals zum Abschluss. Zu der Zeit konnte ich mit dem Spruch nichts anfangen, doch heute frage ich mich: Ob mein Rektor wohl wusste, wie treffend der Satz war? Ich war eine von jenen Schülern, die nicht weiter auffielen: Ich war pünktlich, ruhig und hatte stets gleichbleibend gute Noten. Beschrieben wurde ich oft als „schüchtern“, „introvertiert“, „still“, „zurückhaltend“ und das sei während der Pubertät auch ganz normal, wo man sich doch erst einmal finden müsse. Ich malte viel in meinem Block und Mit der Diagnose konnte Evelyn Sowa ihre Schwierigkeiten im Alltag einordnen. wirkte verträumt, begann mich unsichtbare Last und ich hatte immer weiter zurückzuziehen keine Vorstellung davon, dass und meine Fehlzeiten wurden meine „Tiefe“ versuchte, mich immer mehr. Doch weil meine mit der Ursache zu konfrontie- Leistungen darunter nicht litten, ren. Ich floh vor mir selbst und blieb das ohne Beachtung. trug deshalb jahrelang eine in- Mir ging es in der Zeit nicht gut. nere Zerrissenheit mit mir: Ei- Warum? Wusste ich auch nicht. nerseits war ich erleichtert „un- Ich funktionierte einfach und sichtbar“ geworden zu sein, war froh, wenn keiner etwas von denn das schützte mich vor der mir wollte. Doch auf meinen Konfrontation mit der schmerz- Schultern wuchs eine haften Wahrheit. Andererseits litt ich sehr unter dem Schmerz, dass ich nicht sein konnte, wer ich bin und teilweise schlichtweg vergessen wurde. Erst Jahre später, nachdem ich noch Abitur, ein soziales Jahr gemacht und eine Ausbildung begonnen hatte, kam ich (endlich) an meine Grenzen und brach unter der Last auf meinen Schultern zusammen. Ich konnte nicht länger kompensieren, was immer offensichtlicher wurde: Ich habe eine starke Sehbehinderung. So weh die Diagnose tat, es war auch mein Schlüssel, um endlich alles zu verstehen, um die Last zu verlieren und wieder zurück zu mir selbst finden zu können. Mein Umfeld reagierte sehr bestürzt: Unvorstellbar, dass ein so junger Mensch mit einer unsichtbaren Behinderung zu kämpfen hat – die Pubertät war doch für alle so viel wahrscheinlicher. Text: Evelyn Sowa, Sozialarbeiterin, Foto: Nils Kaeding SELBSTSTÄNDIGKEIT Tiefe Sehnsucht nach Anerkennung Irmgard Weiland lebt weitgehend selbstständig in einer Wohnung in Tettnang. Sie ist ein Bücherwurm, ist aber auch viel unterwegs und nutzt dabei viele kulturelle Angebote. Außerdem liebt sie es, zu reisen. Doch das alles war nicht immer so. Sehnsucht Reisen: Für Irmgard Weiland wird die Sehnsucht Ich bin als Kind oft blöd angemacht worden und es ist manchmal zur Wirklichkeit. schlecht über mich gesprochen worden. Man hätte mich, wenn es gegangen wäre, wegen meiner Behinderung am liebsten weggesperrt. Wegen meiner Epilepsie wurde ich oft missachtet. Man stellte mich oft als Taugenichts hin. In der Schule wurde ich gehänselt und mein Vater verbot mir als Jugendliche Freundschaften zu Jungs. In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, durfte ein Mensch mit Behinderungen keine feste Beziehung haben. Kurzum man traute mir nichts zu. Niemand merkte, wie in mir die Sehnsucht nach Anerkennung schlummerte, und der Wunsch als Mitglied in die Gesellschaft integriert zu werden. Diese Sehnsucht machte sich in mir ungefähr mit Anfang 40 breit. Ich merkte, es wird sich irgendwann etwas ändern, und ich muss nicht mehr „strammstehen“. Eine Nachbarin, Freunde und Freundinnen haben mir geholfen, meinen Wunsch nach etwas Neuem zu erfüllen. Es dauerte noch drei Jahre bis ich von meiner Heimat wegkam. Heute bin ich froh, dass ich das geschafft habe. Ich fühle mich nicht mehr ausgeschlossen. Nun bin ich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Darauf bin ich sehr stolz. Text: Irmgard Weiland ist am 12. November 2001 mit 45 Jahren nach Tettnang in ihre eigene Wohnung gezogen. Die Ambulanten Dienste der Stiftung Liebenau begleiten sie. Foto: Huckepack

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