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WIR mittendrin - 1/2022

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2 1 | 2022 IM WARTEZIMMER Für mehr Respekt Nicole Weiss, 34, hat trotz ihres jungen Alters erhebliche gesundheitliche Einschränkungen. Sie ist Diabetikerin, leidet unter Epilepsie und hat 2017 eine Krebserkrankung durchgemacht. Zahlreiche stationäre Aufenthalte und regelmäßige Kontrolluntersuchungen gehörten und gehören noch immer zu ihrem Alltag. Das bedeutet jede Menge Kontakt zu Ärzten und medizinischem Personal. Über ihre Erfahrungen berichtet sie. Im Krankenhaus war ich öfter. Wegen dem Krebs in Friedrichshafen und wegen der Epilepsie schon drei Mal im ZfP in Weißenau. Da hat mir gestunken, dass ich das Gelände nicht verlassen durfte. Wegen der Sicherheit, für den Fall, dass ich einen Anfall kriege. Aber man hat es mir erklärt. Auf die Visiten musste ich manchmal lange warten und die Gespräche gingen oft schnell, schnell. Aber wenn ich etwas gefragt habe, habe ich auch Antwort bekommen. Wenn nicht gleich, dann auch mal am nächsten Tag. Wenn ich in eine Praxis gehe, fühle ich mich bei den meisten Ärzten ernst genommen. Oft gibt es aber lange Wartezeiten. Meistens gehe ich allein zu den Ärzten und sie reden mit mir und fragen mich auch, wie es mir geht. Wenn ich was nicht verstehe, frage ich nach und es wird mir dann erklärt. Die meisten Ärzte sprechen mit mir, auch wenn ich eine Begleitung dabeihabe. Das ist mir wichtig. Aber manchmal passiert es auch, dass Arzthelferinnen sich weniger Zeit für mich als für andere Patienten nehmen, wenn sie sehr gestresst sind. Ich wünsche mir einen respektvollen Umgang, und dass meine Bedürfnisse wahrgenommen werden. Ich möchte ernstgenommen werden, und man soll sich mehr Zeit für mich nehmen. Text: Nicole Weiss, Klientin der Stiftung Liebenau, lebt in Friedrichshafen und arbeitet in Überlingen; Foto: stock.adobe. Dr. Dorothea Ehrmann ist in der St. Lukas-Klinik für die Patienten da. SCHWERPUNKT: MEDIZINISCHE VERSORGUNG Viel Zeit und Einfühlung Als Fachkrankenhaus gewährleistet die St. Lukas-Klinik die medizinische Versorgung von Menschen mit geistigen oder mehrfachen Behinderungen aller Schweregrade und aller Altersstufen. Geistige Behinderung beziehungsweise Intelligenzminderung ist keine Krankheit, aber überdurchschnittlich häufig mit zusätzlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, einer sehr hohen Prävalenz von psychischen Krankheiten, Mehrfachbehinderungen und spezifischen Erkrankungsrisiken beispielsweise bei speziellen Syndromen verbunden. Ein vorrangiges Problem stellt die besondere Ausdrucks- und Kommunikationsweise der betroffenen Menschen dar. Sie sind oft nicht in der Lage, Beschwerden zu formulieren oder gar konkret zum Ausdruck zu bringen sowie diese zu lokalisieren. Körperliche und seelische Beschwerden werden deshalb leicht fehlinterpretiert. Viele der Patientinnen und Patienten sind kaum kooperationsfähig. Sie zeigen Abwehrreaktionen aufgrund von Angst oder früheren traumatisierenden Erfahrungen oder wegen fehlender Einschätzung und Einsicht. Die Faktoren Zeit und Einfühlungsvermögen spielen bei uns in der St. Lukas- Klinik daher eine bedeutende Rolle: Wir bauen eine vertrauensvolle Beziehung auf. Eine belastende Sedierung mit drohenden Nebenwirkungen wie Schluckstörungen mit Aspirationen und erhöhter Sturzgefahr können dadurch oft verhindert werden. Kompliziertere, angstbesetzte Untersuchungen sind dagegen mitunter nur in Sedierung oder Narkose möglich. Reicht der ambulante Rahmen für das Gelingen von Diagnostik und Behandlung nicht aus, bietet sich ein besonderes stationäres Setting an. In unserer Fachklinik können wir dies dank unserer Kenntnisse und Erfahrung ganz individuell leisten. Die Herausforderung liegt darin, Symptome zu erkennen und einzuordnen. Wenn sich Patienten nicht mitteilen können, ist eine kritische Beobachtung angesagt. Wir müssen das Verhalten interpretieren, Auffälligkeiten wahrnehmen und auf Einschränkungen reagieren. Unser Vorgehen setzt einen geschärften Blick und viel Erfahrung voraus. Die sehr individuelle intensive pflegerische Betreuung geht Hand in Hand mit der medizinischen Versorgung. Dies ist das Besondere an unserer Station für Allgemeinmedizin und Pflege. Führen die diagnostischen und therapeutischen Schritte zum Ziel, ist das eine Genugtuung für die Fachkräfte. Ganz im Interesse der Betroffenen. Text: Dr. Dorothea Ehrmann, leitende Oberärztin der Station Allgemeinmedizin und Pflege der St. Lukas-Klinik Foto: Felix Kästle

1 | 2022 3 SCHWERPUNKT: MEDIZINISCHE VERSORGUNG Assistenzbedarf darf keine Hürde sein Was nutzt Patienten die freie Arztwahl, wenn sie nicht in die Praxis gelangen können? Umso wichtiger ist es, die barrierefreie Gesundheitsversorgung gesetzlich zu verankern. Damit Praxisräume künftig von vornherein barrierefrei gestaltet werden. Aktuelle Studien belegen, dass Menschen mit Behinderungen sowohl bei der Arztwahl als auch der Diagnose und Behandlung diskriminiert werden. Es fehlt an Fachwissen und Sensibilisierung mancher Ärzte für die spezifischen Bedürfnisse der Patienten. So sprechen sie beispielsweise nur mit der Begleitperson statt dem Patienten. Angehende Mediziner sollten wissen, dass auch Menschen mit Behinderungen ein Recht auf eine gute Gesundheitsversorgung haben. Hierauf muss in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen verstärkt geachtet werden. Auch bei der Assistenz und Begleitung im Krankenhaus muss sich vieles verbessern. Manche Menschen mit Behinderungen benötigen eine ständig anwesende Begleitperson in der Klinik oder Reha. Zwar hat der Gesetzgeber in der vergangenen Legislaturperiode eine Regelung für einen Teil der Menschen mit Behinderungen gefunden, die Leistungen der Eingliederungshilfe beziehen oder in einer Einrichtung der Eingliederungshilfe leben. So wird es ab November dieses Jahres einen Krankengeldanspruch für einen Angehörigen oder eine enge Vertrauensperson geben, wenn die Begleitung in die Klinik aus medizinischen Gründen notwendig ist und der Begleitperson ein Verdienstausfall entsteht. Alternativ dazu soll künftig die Begleitung durch Personal aus der Behinderteneinrichtung vergütet werden. Genaueres wird der Gemeinsame Bundesausschuss in einer Richtlinie festlegen. Informationen Der Sozialverband VdK ist ein bundesweit tätiger gemeinnütziger Verband. Er ist parteipolitisch und konfessionell neutral sowie finanziell unabhängig. Schwerpunkte sind sozialpolitische Interessenvertretung und Sozialrechtsberatung. Gegründet im Jahr 1950 mit Sitz in Berlin hat er 2,1 Millionen Mitglieder, Tendenz steigend. Nicht nachvollziehbar ist, dass Demenzkranke und Menschen mit schweren Behinderungen, die ihre Assistenzkräfte nicht im Arbeitgebermodell, sondern über Assistenzdienste organisiert haben, von der Neuregelung ausgeschlossen sind. Die Bundesregierung muss das Gesetz daher dringend nachbessern. Uns ist wichtig, dass alle Menschen eine Begleitung im Krankenhaus erhalten, die dies dringend brauchen. Auch für ältere Menschen mit Demenz ist unser Gesundheitssystem ein Irrgarten ohne eine vertraute Person. Nach Ansicht des VdK muss auch noch geregelt werden, welcher Arzt die Entscheidung trifft und welcher Arzt eine Bescheinigung für die Begleitperson ausstellt: der einweisende Arzt oder der aufnehmende Krankenhausarzt. Die Bescheinigung ist wichtig, damit sie beim Arbeitgeber und bei der Krankenkasse vorgelegt werden kann. Schließlich muss der Arbeitgeber die Begleitperson freistellen und die Krankenkasse muss das Krankengeld bezahlen. Es darf nicht passieren, dass die Kasse am Ende sagt: Nein, die Begleitung im Krankenhaus war doch nicht notwendig. Und die Begleitperson oder das Krankenhaus bleiben dann auf den Kosten sitzen. Text: Verena Bentele Fotos: Marlene Gawrisch

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