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WIR mittendrin - 1/2021

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4 1 | 2021 SCHWERPUNKT: DOWN-SYNDROM Welt-Down-Syndrom-Tag Ein eingespieltes Team Sandro D. (38 Jahre) und Tobias G. (40 Jahre) bestreiten im Ambulant Betreuten Wohnen ihren Alltag als gut eingespieltes Team. Die Arche Ravensburg ist schon länger ihr Zuhause. Vor dem Umzug in ihre eigene Wohngemeinschaft waren sie noch skeptisch. Doch die Zweifel vergingen schnell. Ein Beispiel, dass Menschen mit Down-Syndrom ein weitgehend selbstständiges und erfüllendes Leben führen können. Wenn man bei den beiden klingelt, winkt Sandro fröhlich aus dem Fenster. Es empfängt einen ihre helle und gemütlich eingerichtete Wohnung. Abends kocht Tobias das Essen, während Sandro den Tisch deckt und später auch abräumt. Danach verfolgt Tobias „ganz klassisch“ die Tagesschau in seinem Relax-Sessel. Für Sandro spielt Gott eine wichtige Rolle. Er hört gerne Lobpreis-Lieder der Immanuel-Gemeinschaft und beteiligt sich aktiv an den Arche-Gottesdiensten, natürlich coronakonform. Er freut sich, wenn morgens die Sonne in sein Zimmer scheint und die Vögel zwitschern. Das gibt ihm „das Gefühl, dass Gott auf ihn aufpasst“. Tagsüber arbeiten beide in der OWB (Oberschwäbische Werkstätten). Tobias bearbeitet auch Teile für Audi, was ihn besonders stolz macht. Beide engagieren sich aktiv in der Arche. Tobias ist im Bewohnerrat und Gitarrist in der Arche-Band, Sandro übernimmt Aufgaben in der Gottesdienst- und Festgestaltung. Klare Strukturen und Aufgabenverteilungen sind wesentlich für ein gut funktionierendes Gemeinschaftsleben. Ihre Betreuerin begleitet und unterstützt sie im Alltag. Ein wichtiges Instrument ist der gemeinsame Kalender. Dass Sandro und Tobias auf eigenen Beinen stehen, macht sie mächtig stolz. Ihre Lebensfreude und Herzlichkeit spürt man bei jeder Begegnung mit ihnen. Man freut sich jetzt schon auf die Zeit nach Corona, wenn die zwei charmanten Gastgeber einladen und man Salat mit der „weltbesten Salatsauce“ genießen darf. Weltweit wird seit 2006 der 21. März jedes Jahr als Welt-Down-Syndrom-Tag begangen, seit 2017 auch in Lindau. Mit verschiedensten Veranstaltungen will man in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die Thematik Down-Syndrom schaffen. Trotz der Coronapandemie sollte die seit langem geplante Veranstaltung mit der Bonner Gruppe „Touchdown 21 mini“ in diesem Jahr stattfinden. Die virtuelle Veranstaltung war für die meisten Neuland – die Spannung bei allen Beteiligten entsprechend groß. Nach einer Einführung zum Thema „Was ist das Down-Syndrom?“ erzählten Menschen mit Down-Syndrom den Zuschauern wie sie leben, was sie an ihrem Alltag schätzen oder wo sie arbeiten. „Ich mag alleine wohnen. Selbstständiger wird man, wenn man alleine wohnt“, erzählte beispielsweise ein Teilnehmer. Dazu lasen sie kurze Texte vor, die aus ihren Erzählungen entstanden sind. Eine andere Teilnehmerin mit Down-Syndrom berichtete von einer Situation, als beim Essen im Restaurant alle ein Weinglas bekommen haben. Außer sie selbst. „Das hat sich doof angefühlt.“ Auch die Schilderung, dass eine erwachsene Frau an der Bäckertheke geduzt wird, machte deutlich, dass Menschen mit Down-Syndrom wie andere erwachsene Menschen auch behandelt werden möchten. „Wir sind ganz normal,“ wurde den Zuschauern eindringlich auch bei den Themen Liebe und Heirat geschildert. Da viele Menschen keine Personen mit Down-Syndrom kennen, ist es der Gruppe Touchdown 21 mini ein Anliegen, auf diese Art und Weise aus dem Alltag und von den vielfältigen Fähigkeiten der Menschen mit Down-Syndrom zu berichten. Bühnenreif Aus der „Touchdown Ausstellung“ zum Down-Syndrom, die 2016/2017 in Bonn gezeigt wurde, entwickelte die Gruppe Touchdown 21 mini um Katja de Bragança und Anne Leichtfuß gemeinsam mit Menschen mit Down-Syndrom eine Bühnenperformance. Beteiligt waren neben Menschen mit Down-Syndrom aus der Bonner Gegend auch vier Personen aus dem Landkreis Lindau. Eine Woche zuvor hatten sie in einer Online-Schreibwerkstatt gemeinsam Texte für die Bühnenshow entwickelt. Über 60 Personen nahmen an der virtuellen Veranstaltung teil. Organisiert hat sie ein Team bestehend aus der Offenen Behindertenarbeit, dem Behindertenbeirat im Landkreis Lindau sowie der Stiftung Liebenau in Lindau. Man findet die Veranstaltung im Internet: TOUCHDOWN 21 mini live aus Lindau (facebook.com) Text/Foto: Angela Königer, Mitarbeiterin Stiftung Liebenau Text/Foto: Jeannine Delia, Öffentlichkeitsarbeit Arche Ravensburg Rund 60 Menschen nahmen an der digitalen Veranstaltung in Lindau zum Welt-Down-Syndrom-Tag statt. Die digitale Veranstaltung ist im Internet zu finden.

1 | 2021 5 Wie schaue ich auf ume ich? Mit ihren en und Autoren mit in ihre Lebenswelten, eressen, Geschichten igene Person rückt in tes, Empfindungen n einen Ausdruck und zur Kenntnis genommen. be etwas zu sagen. al zu mir, dass schaffenen Kunst- Diese Sammlung rägt diese Energie t für uns die Menschen d diese besonderen t sind, erzählt zu schönen Erzählungen hat dies mit ein gar nichts! kumentarfilms Menschsein So vieles, was mein Herz bewegt Michael H. F. Brock, Ruth Hofmann, Anne Oschwald (Hg.) So vieles, was mein Herz bewegt Menschen mit Behinderungen schreiben über sich und die Welt Brock, Hofmann, Oschwald (Hg.) Zahlreiche berührende Beiträge finden sich im Buch „So vieles, was mein Herz bewegt“. Sie entstanden unter anderem in einer Schreibwerkstatt. Manchmal verträumt, oft berührt, immer offen und selten um Worte verlegen: Fabian Biber (links) und Chrstian Duelli sind zwei der rund 35 Autoren. BUCH Bewegte und bewegende Geschichten Unter den diesjährigen neuen Buchtiteln erscheint ein besonderes Buch: Ein Buch, das die Tür zu einer Welt öffnet, die vielen unbekannt ist. Es ermöglicht Begegnungen mit anderen Menschen, ihren Erlebnissen und Perspektiven. Die Autorinnen und Autoren sind Menschen mit Behinderungen. Obwohl sie in unserer Nachbarschaft leben, ist ihre Lebenswelt dennoch vielen von uns fremd: In dem Buch „So vieles, was mein Herz bewegt“ geben Menschen mit Behinderungen persönliche Einblicke, manchmal unscheinbar, manchmal schwelgerisch. Mit ihren Erinnerungen, Gedichten, Gedankensplitter lassen sie andere an ihrer Welt teilhaben. Den Impuls für dieses Buch gab ein kreatives Schreibseminar in der Stiftung Liebenau. Nach drei intensiven Tagen merkten die zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Es waren längst nicht alle Worte gesagt. Sie hatten noch mehr mitzuteilen, mehr zu schreiben. Sie trafen sich weiterhin in einer Schreibwerkstatt. Die Freude darüber, dass sie ein Forum für ihre Geschichte und ihre Geschichten gefunden haben, war bei allen groß. Über mehrere Monate fanden Erinnerungen, Kummer, Freuden, Wünsche und Sehnsüchte ihren Weg aufs Papier. Einige haben selbst geschrieben, andere haben ihre Gedanken diktiert. Dabei wurde viel gelacht. Aber auch die Tränen des Schmerzes waren bei manchen Erinnerungen nicht zu verhindern. Das waren Momente, die die Teilnehmenden besonders berührt haben. Die Fähigkeit, auch in unangenehmen Erlebnissen das Positive zu sehen, trat immer wieder zutage. Geprägt war die Arbeit immer von großem Respekt füreinander und vertrauensvoller Offenheit. Parallel zu den Werkstatt-Texten entstanden weitere Texte, manche ganz eigenständig daheim, andere bei Gruppenarbeiten, begleitet von engagierten Fachkräften. Auch wenn manche Autorinnen und Autoren nicht namentlich genannt werden möchten: Alle sind stolz auf das Geschaffene und blicken mit Freude und Staunen auf das gemeinsame Buch. Die Leser erfahren die Welt mit dem Blick von Menschen mit Behinderungen. Dabei werden sie merken: Wir sind uns alle ähnlich. Und es ist noch lange nicht alles gesagt. Text: Ruth Hofmann, Anne Oschwald Foto: Anne Oschwald Buchtipp: So vieles, was mein Herz bewegt; Menschen mit Behinderungen schreiben über sich und die Welt; Patmos Verlag; 2021; ISBN 978-3-8436-1320-0 „ Die Schreibwerkstatt war für mich optimal. Da konnte ich schreiben, was ich fühle und denke. Was gerade in meinem Kopf herumschwirrt. Schreiben liegt mir am Herzen und macht mir sehr viel Freude. Johanna Stumpfögger Schreiben bedeutet für mich eine Art zu besitzen mich zu artikulieren, um meinem Gegenüber zu zeigen, was intellektuell in mir steckt. Um Anekdoten zum Besten zu geben und um seelische Last aus mir raus gleiten zu lassen. Zudem bedeutet es für mich, meinen cerebralen Cortex nicht der geistigen Verwahrlosung auszuliefern. In einem Buch präsent zu sein, bedeutet für mich, mich zu verewigen, wenn ich im hohen Alter ablebe. Eine Korrektur: Im Buch muss es in meinem Text „Witzige Anekdote“ Flugzeug statt Aufzug heißen. Georg Freisler „

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