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wir mittendrin - 1 / 2019

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Die Zeitschrift von Menschen mit und ohne Behinderungen

6 | Freizeit

6 | Freizeit wir mittendrin 1|2019 Freizeit = Freiheit Die eigene Zeit fernab von Pflichten und Alltag selbst zu gestalten, ist auch vielen Menschen mit Einschränkungen ein großes Anliegen. Manchmal sind der eigenen Mobilität aber auch Grenzen gesetzt. Wem dennoch eine stimmige Gestaltung der Freizeit gelingt, der empfindet sie als erfüllend und ausgleichend. Ganz besonders, wenn dann unterwegs auch noch der Wind der Freiheit um die eigene Nase weht. Menschen mit Behinderungen gestalten ihre Freizeit sehr individuell mit eigenen Aktivitäten wie Ausflügen, Stadtbummel oder Konzertbesuchen. Sie sind darüber hinaus in inklusiven Sportgruppen örtlicher Vereine aktiv, spielen Theater, machen Musik oder besuchen Kurse verschiedener Bildungsträger. Nicht zuletzt engagieren auch sie sich ehrenamtlich fürs Gemeinwohl, etwa bei örtlichen Mittagstischen oder Stadtputzeten. Eigener Mut macht‘s möglich Selbstständig sein habe ich von den Mitarbeitern vom Lehenhof gelernt. Sie haben mir zum Beispiel zugetraut, dass ich Urlaub mit einem blinden Mitbewohner mache. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Dass ich selbstständig handle, hat auch mit meinem eigenen Mut zu tun. Text: Klaus Weisser| Fotos: Sebastian Weber Ich verbringe meine freie Zeit damit, viel unterwegs zu sein, mit dem Zug oder zu Fuß. Sonst lese ich viel, verfolge politische Sendungen am Fernseher. Ich gehe manchmal in eine Salzgrotte, da ich auch Asthma habe. Samstags treffe ich mich mit Freunden, jeden zweiten Freitag ist Kegeln. Mir ist wichtig, Zug zu fahren, um mich frei zu fühlen, um mich normaler zu fühlen. Was bedeutet selbstständig zu sein? Unabhängig zu sein. Selbstständig zu sein, bedeutet frei zu sein. Das ist Klaus Weisser (Reporter der „wir mittendrin“) ist 1950 geboren. Heute lebt er sehr selbstständig in Markdorf in einem Wohnhaus für Menschen mit Assistenzbedarf der Stiftung Liebenau. Zuvor hat er über 35 Jahre in der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof im Deggenhausertal gewohnt. mir sehr wichtig. Manchmal brauche ich noch Unterstützung von Mitarbeitern, zum Beispiel für Behördengänge. Die Vorstellung, mehr Hilfe zu brauchen, macht mir keine Angst. Es kommt, wie es kommt. Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention Text: Anne Luuka Als 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland in Kraft getreten ist, war dies ein Meilenstein: Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen wurden verankert und diese als gleichgestellte Bürger anerkannt. Die Regelungen betreffen verschiedene Lebenssituationen, damit Teilhabe zur Selbstverständlichkeit wird. 177 Länder haben die Konvention inzwischen unterzeichnet. Viel wurde seither erreicht, aber der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ist noch weit. Mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) sollen in den kommenden Jahren die Vorgaben der UN-BRK umgesetzt und weiterentwickelt werden. Das Neue an diesem Gesetz: Behinderung wird nicht mehr als Eigenschaft einer Person verstanden. Sie entsteht erst durch die Wechselwirkungen mit der Umwelt und Gesellschaft. In Deutschland leben rund zehn Prozent schwerbehinderte Menschen, für die Chancengleichheit oftmals noch nicht selbstverständlich ist. Das betrifft Bereiche wie Wohnen, schulische und berufliche Bildung, Arbeit, Mobilität oder kulturelle Teilhabe. Die Stiftung Liebenau setzt sich mit vielen Partnern wie Kommunen, Verbänden, Schulen und gemeinnützigen Organisationen seit Langem für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. So sind in den letzten Jahren viele regionale Wohnangebote mitten in Gemeinden entstanden, wo auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf leben können. Auch die Arbeitswelten haben sich verändert und reichen inzwischen von tagesstrukturierenden Angeboten für schwerstmehrfach behinderte Menschen bis hin zur ambulanten Arbeitsassistenz, mit dem Ziel einer Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Wir sind auf dem – richtigen – Weg.

wir mittendrin 1|2019 Freizeit | 7 Kultur ohne Grenzen Das Zeppelin Museum Friedrichshafen wirbt mit Barrierefreiheit. Was das genau für Besucher bedeutet, erklärte mir Antje Mayer vom Zeppelin Museum. Text | Foto: Torsten Calamiello Am Eingang zur Stadtseite befindet sich ein elektrischer Türöffner. Die Ausstellungsräume sind – mit Ausnahme der Rekonstruktion der Schlafräume der „Hindenburg LZ 129“ – ohne Weiteres mit den Aufzügen zu erreichen. Der normale Personenaufzug steht immer zur Verfügung. Für die Benutzung des Großraumaufzuges ist eine Voranmeldung erforderlich. Mediaguides können in Deutsch in einfacher Sprache, als Videoguides in deutscher Gebärdensprache und mit Braille-Tastatur ausgeliehen werden. Sie werden unter anderem an Gehörlose, Blinde, hör- und seheingeschränkte Menschen kostenlos ausgegeben. Voraussetzung ist ein gültiger Schwerbehindertenausweis. Führungen können für verschiedene Zielgruppen gebucht werden: Führungen in einfacher Sprache, Zeppelingeschichten für demenziell Antje Mayer erklärt den Zeppelin am Modell. erkrankte Menschen, Gehörlosenführung, Führung durch die Sammlung Technik für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, Geschichte der Zeppeline für Blinde und Sehbehinderte. Bei der Führung für Blinde werden Originalgegenstände zum Ertasten angeboten, etwa eine Nietzange, das Modell vom Zeppelin oder ein Getriebe.“ Unsichtbare Barrieren Torsten Calamiello (Reporter der „wir mittendrin“) lebt mit seiner Frau in Tettnang und wird bei Bedarf von Fachkräften der Liebenau Teilhabe unterstützt. Überrascht im Zeppelin Museum war er von dem super Innenausbau der Kabinen, die auf ihn wie eine Wohnung gewirkt haben. Buch: Winter im Herzen Marianne Döring war von 1952 bis 1957 im Heim in Osnabrück. Dort wurde sie sehr schlecht behandelt. Ihr Vater Ernst Döring hat sie ins Heim gebracht, um sie richtig zu erziehen. Unter Erziehung verstand man damals, Schläge anzuwenden. Ihre Mutter Paula war 1948 an Krebs gestorben. Die Erziehung der drei jüngeren Geschwister übernahm die ältere Schwester Lilo. Sie kam mit ihnen nicht zurecht. Sie teilte stets Schläge aus. Im Heim wurden sie von verschiedenen Lehrern unterrichtet. Die Mädchen hatten auch Handarbeit. Sie mussten lernen, wie man Socken stopft und Kleider näht. Sie wurden auch zum Putzdienst eingeteilt. Marianne Döring machte fünf Jahre eine sehr schwierige Zeit durch. Damals gab es noch keine Heimaufsicht. So konnten die Heimleitungen und Erzieher tun, was sie wollten. Ein Kinderleben war damals nicht viel wert. Kurzum: Sie war froh, als der Vater sie dann mit 15 Jahren wieder aus dem Heim holte und sie in eine Gaststätte zum Arbeiten gebracht hat. Text | Foto: Nicole Weiss Es gibt oft an Bahnhöfen keinen Aufzug, manchmal sind sie sogar kaputt. Dann tun sich viele Menschen schwer. Dadurch ist es eine Barriere. Viele kennen sich mit den Fahrkartenautomaten nicht aus, dann biete ich ihnen meine Hilfe an. Manche freuen sich, wenn ich ihnen beim Fahrkartenkauf helfen kann. Ich möchte oftmals weiter wegfahren. Wenn ich zum Beispiel nach Karlsruhe möchte, muss ich jemanden finden, der mich begleitet, dadurch, dass ich Epilepsie habe. Deswegen frage ich, wohin die Leute müssen und ob sie mich begleiten möchten. Wenn ja, kann derjenige kostenlos mit mir mitfahren. Oft lehnen die Menschen es ab. Obwohl es kostenlos ist. Ich vermute, dass sie es ablehnen, weil sie die Verantwortung nicht haben möchten. Nicole Weiss („wir mittendrin“-Reporterin) hat einen Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen „B“. Mit solch einem Ausweis kann sie kostenlos von einer Person begleitet werden. Sie lebt in einem Wohnhaus der Stiftung Liebenau in Meckenbeuren und schaut sich gerne andere Orte und Städte an. Irmgard Weiland (Reporterin der „wir mittendrin“) kennt das Buch. Sie hat selbst als Kind und Jugendliche acht Jahre im Heim gelebt. Dort waren die Mitarbeiter streng, aber bei weitem nicht so sehr wie im Buch. Seit fast 20 Jahren lebt sie selbstständig und wird von Fachkräften begleitet. Foto: Anne Oschwald

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