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wir 3 / 2018

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8 Kreative Freizeit

8 Kreative Freizeit braucht der Mensch Potenziale entfalten mit Kreativität und Bewegung Nur wer aufbricht, entdeckt neue Perspektiven Kreativität und Bewegung sind zentrale Bausteine freizeitpädagogischer Angebote in der Stiftung Liebenau. Sie bieten Begegnungsräume und Beziehungserfahrungen außerhalb der gewohnten Alltagsstruktur. Damit dienen sie als bewusster Ausgleich zu den oft fremdbestimmten Anforderungen und Aufgaben, die jeder Mensch in Schule, Arbeit oder Haushalt bewältigen muss. Eigene Potenziale können in kreativen Freiräumen anders entfaltet und entdeckt werden. Liest man heutige Entwicklungsberichte oder Zielvereinbarungen von Menschen, die in der Jugendhilfe oder Hilfe zur Teilhabe begleitet werden, fällt auf, dass ein Großteil der Ziele im Bereich der lebenspraktischen Förderung liegt. Da heißt es beispielsweise: L. kann unter Anleitung den Tisch decken. Frau B. beherrscht eigenständig die Bedienung der Waschmaschine und sortiert die Wäsche nach Art und Waschprogramm. Es fehlt der Fokus für die viele Zeit außerhalb von Schule, Ausbildung, Arbeit und Haushalt: die Freizeit. Freizeit als ein selbst zu bestimmender Bereich des Lebens. Die Vereinten Nationen haben in der Kinderrechtskonvention im Artikel 31 verfasst: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.“ Auch die Aktion Mensch setzt sich besonders für Projekte und Bildungsangebote in der Freizeit ein, um die Teilhabe und Gleichstellung von Menschen mit Behinderung weiter voranzubringen. Die Bedienung des Elektroherdes muss oder sollte jeder lernen, der körperlich und mental dazu in der Lage ist, um etwas kochen zu können, egal ob für sich allein oder für eine Lebensgemeinschaft. Die liebevolle Gestaltung eines Blumenbeetes, das Malen eines Bildes oder das Auswendig-

9 lernen eines neuen Liedes entzieht sich der Notwendigkeit von Alltagsroutinen und Pflichten, stärkt erwiesenermaßen aber unser Selbstbewusstsein und trägt zum Wohlbefinden bei. Ebenso die Teilnahme an einer Sportgruppe, das Lesen eines Buches oder die Tagträume am Ufer eines Sees. Unzählig viele Möglichkeiten bieten sich, um kreativ und aktiv zu sein. Die Suche nach einer Balance zwischen dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Erholung und den oft strikt vorgegebenen Anforderungen des Schul- und Arbeitslebens sind heute Inhalt zahlreicher Ratgeber in Buchläden oder von Achtsamkeitskursen an Volkshochschulen. Eine ganze Freizeitindustrie ist gewachsen und hat sich auf die Fahne geschrieben, unvergessliche Augenblicke zu bescheren. In einer künstlichen Karibiklandschaft mit Palmen und Thermalstrand unter Glas mitten im Kiefernwald von Brandenburg ist aber außer zu bezahlen, kein eigener Aktiv- oder Kreativbeitrag mehr nötig. So wie stundenlanger Fernseh- oder Internetkonsum uns zu reinen passiven Zuschauern werden lässt, entlassen auch Eventangebote ihre Teilnehmer aus ihrer wirklichen Kreativität und machen aus ihnen reine Konsumenten. Freizeitpädagogik hat etwas anderes im Sinn. Freizeitpädagogik als ergänzendes Erkundungsfeld Wer von außen zum Lernen und Erbringen einer Leistung aufgefordert wird, benötigt als Ausgleich einen Raum für selbstgestellte Aufgaben. Betreuer, Erzieher oder Lehrer, die pädagogische oder didaktische Ziele verfolgen, werden im Alltag mitunter von ihrem Gegenüber nur noch einseitig als „Gängler“ oder Leistungsbewerter wahrgenommen. Der gemeinsame Ausstieg aus dem Alltag kann eine die Beziehung belebende und korrigierende Wirkung entfalten. Das Gestalten eines Werkstücks, die zusammen geplanten und erlebten Tage auf einer Ferienhütte oder die gemeinsam durchgestandenen Strapazen einer Bergtour lassen andere Bilder entstehen und ermöglichen neue Beziehungserfahrungen. Erfahrungen, die das gegenseitige Bild ergänzen und helfen können, im Alltag über die nächste schwierige Situation besser hinweg zu kommen. Oft schon Es ist Zeit, in unserer Gesellschaft das zu retten, was sich nicht funktional rechtfertigen lässt. Es ist Zeit, für die Dinge einzutreten, die keine Zwecke haben, für das Spiel, für die Musik, für die Gedichte, für das Gebet, für das Singen, für die Stille, für alle poetischen Fähigkeiten des Menschen. Sie haben keine Lobby, und sie bringen keine Profite. Aber sie stärken unsere Seelen. (F. E. Steffensky) habe ich von Mitarbeitern gehört: „Das hätte ich mir gar nicht vorstellen können, dass R. so aktiv mitmacht. In der Schule verweigert er oft schon minimale Aufgaben.“ Die Freizeitpädagogik möchte Anreize bieten, etwas Neues zu erkunden, einzuüben und dabei fast unbemerkt die eigenen Handlungs- und Sozialkompetenzen zu erweitern. Die in kreativer Freiheit und Freiwilligkeit erworbenen Kompetenzen wirken immer auch auf den Alltag. Diese Art des Lernens passt aktuell nur wenig in die Zielplanungen der öffentlichen Hand. Im derzeit noch gültigen Verfahren zur Erhebung des Betreuungsbedarfs von Menschen mit einer Behinderung wird der Bereich „Ernährung“ doppelt so hoch bewertet als die „Freizeitgestaltung“. Gute Freizeitpädagogik lässt sich nur mit guten finanziellen und personellen Ressourcen realisieren. Ehrenamtliche Mitarbeiter werden in diesem Bereich häufig und gut eingesetzt. Sie können sich jedoch nur um diejenigen kümmern, die einen nicht zu komplexen Hilfe- und Unterstützungsbedarf haben. Um aber für diese Menschen Freizeit sinnvoll und aktiv zu gestalten, braucht es weiterhin Fachlichkeit. Damit sich der Einzelne ständig aufs Neue an kreative und bewegte Herausforderungen heranwagen kann. Stephan Becker

Stiftung Liebenau Österreich