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wir 3 / 2018

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22 Förder- und

22 Förder- und Betreuungsbereich steht für Teilhabe Hier ist Arbeit gleich Inklusion Ruhig ist es und trotzdem geschäftig: eine Frau fügt Verbindungstücke für Malerwerkzeuge zusammen, eine Beschäftigte strickt einen Rundschal, zwei Männer schleifen Bretter. Während der Tagesstruktur im Förder- und Betreuungsbereich (FuB) der Stiftung Liebenau fertigen Menschen mit schweren Behinderungen auch Deko- und Geschenkartikel, die sie selbst auf Märkten verkaufen. Unter anderem auf dem Wochenmarkt in der Ravensburger Weststadt, wo sie Interessierten begegnen. Frank Becker arbeitet im Förder- und Betreuungsbereich gerne mit Holz. Los geht die Schleifarbeit, wenn die Atemmaske sitzt. „Holz“, so kurz wie eindeutig ist die Antwort von Frank Becker (Name geändert) auf die Frage, welche Arbeit er am liebstem macht. Selbstständig und konzentriert schleift er ein Palettenbrett. In weiteren Arbeitsschritten, die andere Beschäftigte übernehmen, wird gesägt, geleimt und gemalt. So entsteht eines der dekorativen Unikate für Haus oder Garten. Auch Georg Swarlik arbeitet gerne mit der Schleifmaschine. Zuvor haben Beschäftigte die ausgedienten Paletten von Nägeln befreit und zerlegt. Derweil strickt Pamela Amann an einem modisch gelben Rundschal. „Die große Strickliesel kann wirklich jeder bedienen“, erklärt Norbert Streicher, Mitarbeiter im FuB. Mit der Kurbel ist sie leicht zu handhaben und wer daran arbeitet, erkennt unmittelbar ein Resultat. „Auch die Männer machen die Strickarbeit gerne“, betont Streicher. Etwa 80 Menschen mit Behinderung werden im FuB in Hegenberg tagsüber begleitet. Die produktiven und handwerklichen Tätigkeiten sind vielfältig: Serviettentechnik, Filz-, Holz-, Papier- und Pappmachéarbeiten. Manche Beschäftigte mögen die Abwechslung, andere bevorzugen gleichbleibende Handgriffe. Jeder arbeitet so lange, wie es die eigene Konzentrationsfähigkeit erlaubt. Wer Ruhe braucht, kann sich jederzeit zurückziehen. Der FuB ist ein offenes System, und bietet immer die Möglichkeit, unterschiedlichen Tätigkeiten nachzugehen. Die Beschäftigten übernehmen auch die Mülltrennung am Stammort Hegenberg und eine Frau sortiert gewissenhaft die gewaschenen Socken der Hegenberger Bewohner. Highlight Markt Ausgestellt und verkauft werden die Unikate unter anderem in der Cafeteria in Hegenberg. Highlight für die Beschäftigten ist der aktive Verkauf auf dem Markt. Dann geht es mit zwei Bussen auf Tour, vollgepackt mit Kisten, die unter anderem Stricksachen, Postkarten, Armbänder und Halsketten oder Holzprodukte enthalten. Vorort zeigen die Beschäftigten ihre Aufgaben und beantworten Fragen. „Viele Marktbesucher interessieren sich dafür, wer wir sind und was wir machen,“ schildert Norbert Streicher die Erfahrungen etwa vom Wochenmarkt in der Ravensburger Weststadt. Ein Verkauf inklusive Begegnungen. Anne Oschwald Pamela Amann strickt am gelben Schal: Mit der großen Strickliesel kann jeder im FuB arbeiten. Fotos: Oschwald

23 Der Fingerkuppenverband ist gar nicht so einfach. In Erster Hilfe unterrichtete die Johanniter Unfall- Hilfe Oberschwaben/Bodensee in Rosenharz. Erste-Hilfe-Ausbildung für Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf Bereitschaft zu helfen, beeindruckt Frauen und Männer mit höherem Unterstützungsbedarf in der Stiftung Liebenau haben in Rosenharz an einer Erste-Hilfe-Ausbildung der Johanniter-Unfall-Hilfe teilgenommen. Die interessierten Frauen und Männer vom Förder- und Betreuungsbereich (FuB) Rosenharz lernten, sich gegenseitig zu helfen. Fotos: Scheidel „Was tun, wenn jemand hinfällt?“ Alexandra Scherer vom Regionalverband Oberschwaben/Bodensee der Johanniter-Unfall-Hilfe verteilt Piktogramme. Da werden Wunden verbunden, Verletzte in Decken gehüllt, und es gibt Bilder mit der Notrufnummer. Jens Arnold zeigt auf ein weiteres Bild. Das Trösten ist ihm wichtig und, dass er einen Erzieher holen wird. „Genau“, bestätigt die Ausbilderin in Erster Hilfe. Jens Arnold strahlt. Vielleicht weil er schon viele Tränen gesehen hat. Vielleicht weil er erfahren hat, wie wichtig es ist, wenn andere seinen Schmerz ernst nehmen und ihn trösten. Bei Ausbilderin Alexandra Scherer lernen sie, das Pflaster für den Fingerkuppenverband zu schneiden. Sie üben, Verbände anzulegen. Jens Arnold bekommt einen Kopfverband. Ralf Keil aus der Kreativwerkstatt ist der Künstler unter den Teilnehmern. Gelassen gleitet der feine Mull von einer Hand in die andere. Als wäre der Kopfverband ein Kunstwerk, dem er sich mit der gleichen Aufmerksamkeit widmet, wie seinen Farben und Formen beim Malen. Für die Teilnehmer ist es wichtig, das Verbandmaterial mit den Händen zu fühlen, die Pflaster zwischen den Fingerkuppen zu spüren. Die Ausbilderin von der Johanniter-Unfall-Hilfe vermittelt die Erste Hilfe, um die Scheu davor zu nehmen, im Notfall etwas falsch zu machen. Von der Empathie, sich gegenseitig helfen zu wollen, ist die Ausbilderin beeindruckt. Die Frauen und Männer lernen Hilfe zu holen und eine Decke zu bringen, wenn jemand friert. Selten sieht die Ausbilderin so vergnügte Verletzte. „Wir haben gelernt, Verbände anzulegen und dass es nicht schlimm ist, wenn Sanitäter kommen“, bestätigt Jörg Pohle. Der junge Mann hat kluge Gedanken: „Das Beste aber war, dass wir auch eine Fortbildung hatten, ohne Erzieher. Ich meine, sonst sind immer nur die Erzieher auf Fortbildung.“ Lioba Scheidel

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