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wir 3 / 2018

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10 Freizeitgestaltung

10 Freizeitgestaltung für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen Sich selbst neu erleben Gelungene Freizeitgestaltung ist eine Mischung aus unterschiedlichen Aspekten. Zeit für Kreativität und Aktivität, aber auch Zeit zu entspannen, zur Ruhe zu kommen und die Seele baumeln zu lassen. Dies gilt auch für Menschen mit mehrfachen Behinderungen und sollte auch ihnen, abhängig vom persönlichen Bedürfnis, ermöglicht werden. Die Mitarbeiter der Stiftung Liebenau haben neben Sensibilität und Ideenreichtum zur Gestaltung der Freizeit auch das entsprechende Wissen, um verschiedene bekannte und vor allem auch unbekannte Angebote zu ermöglichen. Mit den eigenen Händen malen, kann ein sinnliches Erlebnis sein. Kreative Tätigkeiten erlauben, Emotionen und Befindlichkeiten auszudrücken und uns so auch neu zu erleben, vorausgesetzt, sie sind freiwillig. Auch für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen hat Freizeit und Kreativität einen besonderen Stellenwert. Für sie gilt es jedoch verschiedene Hürden zu bewältigen: Oft sind sie auf Begleitung angewiesen, können ihre Bedürfnisse nicht immer sprachlich ausdrücken und sind davon abhängig, dass ihre Begleitpersonen diese erkennen. Erfahrungsgemäß sind viele Bewohner für große Spaziergänge zu begeistern, gemeinsam unterwegs zu sein, Menschen zu treffen, zu erleben wie die sich im Jahreslauf verändert. Dabei ist es nicht wichtig, ob sie selber gehen können oder ob sie die Welt aus dem Rollstuhl erleben. Für Monika R. (Name geändert) ist es wohltuend, sich bei gutem Wetter auf der Terrasse oder im Garten aufzuhalten: hier zu liegen und den Geräuschen im Garten zu lauschen, oder aber aktiv im Garten unterwegs zu sein, andere zu beobachten, zu schaukeln oder kleine Spaziergänge zu unternehmen. Einen hohen Stellenwert haben musikalische Angebote, die auf viele Menschen anregend wirken: Jeder kann nach seinen eigenen Fähigkeiten und Vorlieben singen und musizieren. Dabei ist es weniger wichtig, ob jemand aktiv mitgestaltet oder einfach dabei ist. Im Vordergrund steht die Freude an der Musik. Oft sind es die kleinen kreativen Angebote, die im Alltag wertvoll sind: malen, Collagen aus alten Zeitschriften schneiden und kleben, die jahreszeitliche Dekoration von Zimmer oder Wohngruppe. Angebote, die das kreative Spektrum erweitern oder die Möglichkeit geben, Dinge auszuprobieren, ermöglichen neue Erfahrungen. Der eine kann aktiv eine neue Technik lernen, der andere wird einbezogen, indem er Dinge befühlen und betasten kann, mit Hilfe der Körperführung eine Tätigkeit auszuführen oder auch nur beobachtend dabei ist. Nassfilzen oder Malen mit Fingerfarben können dabei sinnliche und befriedigende Erfahrungen bieten. Genuss für den einen, ist für den anderen möglicherweise Überforderung: Für ihn kann das Wasserklangbett oder das Kugelbad zum Erlebnis werden. Besonders dann, wenn der eigene Körper durch den direkten Kontakt mit einem Mitarbeiter auf empfindsame Weise erfahren wird. Auf dem Wasserklangbett erfahren Menschen mit schweren Behinderungen anregende Impulse. Fotos: Szaukellis Doris Szaukellis

11 Konzentration, Wahrnehmung und Spannungsregulation Zielsicher mit Pfeil und Bogen Bogenschießen hat in der Stiftung Liebenau einen festen Platz im pädagogischen Alltag und der therapeutischen Begleitung gefunden. Im Mittelpunkt stehen die Förderung von Konzentration, Eigenwahrnehmung und Spannungsregulation. Dabei lassen sich gute Entwicklungen der Persönlichkeit anstoßen. Der freigegebene Pfeil sirrt durch die Luft und schlägt mit dumpfem Geräusch in den roten Ring der Zielscheibe ein. Aus Ruhe und Anspannung wurde im Sekundenbruchteil Vitalität und Durchschlagskraft. „Der war gut geschossen“, kommentiert Sascha H. mit lächelnder Miene. Nach einigen Fehlschüssen war dieser Erfolg für ihn wichtig. Seine Geduld und die nötige Motivation schienen nachzulassen. Wer treffen und Erfolge erzielen möchte, muss aber eben auch verlieren und mit Misserfolgen umgehen können. Darum wird Bogenschießen in pädagogischen und therapeutischen Settings eingesetzt, nicht mehr um zu jagen oder in den Kampf zu ziehen. Dennoch stehen symbolhaft Redewendungen aus früherer Zeit: Als „durchschlagender Erfolg“ wurde es etwa gewertet, wenn ein Pfeil eine gegnerische Rüstung durchdrang. Jeder Treffer ist heute ein Erfolg, in dem er die Persönlichkeit des Schützen stärkt. Auch heute benötigen wir Respekt und höchste Achtsamkeit im Umgang mit diesen Distanzwaffen, um niemanden zu gefährden. Deshalb erhält jeder künftige Schütze eine kurze präzise Einführung in die Geschichte und Gefährlichkeit von Pfeil und Bogen. Durch eigenes korrektes Verhalten Schaden aktiv vermeiden zu können, macht den besonderen Reiz des Bogenschießens aus und fußt auf hohem gegenseitigem Vertrauen zwischen allen Beteiligten. Unachtsamkeit oder Regelverletzungen können negative Folgen für andere haben. Deshalb sind klare Regeln und Kommandos sowie die Rücksicht auf andere Teilnehmer oder Zuschauer unabdingbar. Gerade für Jugendliche, die sich im Schul- oder Familienkontext oft über Regeln und Grenzen hinwegsetzen, eine wichtige Lernerfahrung. Torsten Rapsch nutzt das Bogenschießen als effizientes freizeitpädagogisches Angebot. Er arbeitet als Teamleiter im Fachzentrum Kinder, Jugend und junge Erwachsene und bietet regelmäßig Übungsstunden für Kleingruppen an. Auch Auszubildende des Fachbereichs erhalten eine Einführung zur Selbsterfahrung. „Mir ist besonders wichtig, dass unsere Jugendlichen den Zusammenhang von Spannung und Entspannung spüren. Was es bedeutet, sein Ziel ohne Hektik zu fokussieren und zu spüren wie sich Energie beim Loslassen entlädt“, betont Rapsch. Inzwischen hat Sascha den nächsten Pfeil eingelegt. Einen Fuß nach vorn gestellt, den Rücken aufgerichtet: So kann er den Bogen spannen und die Zielscheibe anvisieren. „Nun kommt es darauf an, die Spannung einen Augenblick zu halten und ruhig zu atmen, bevor er loslässt und den Pfeil freigibt“, erklärt Rapsch. Schon mit etwas Übung und Erfahrung in der Technik spüren die meisten diesen Punkt der Entscheidung intuitiv. Für Jugendliche wie Sascha ist dieser Sport vielleicht auch deshalb so reizvoll: Ich kann mir innerhalb eines klaren Grundrahmens stetig neue Herausforderungen suchen, die Präzision und das Level halten oder steigern, dabei Spannungen abbauen und Erfolge erzielen. „Es geht von Mal zu Mal leichter“, stellt Sascha fest. Eine Erfahrung, die ihm sicher auch im Alltag hilft, sich an neue Aufgaben übend heranzuwagen. Rapsch ergänzt: „Letztendlich kommt es in erster Linie nicht darauf an, den perfekten Schuss zu machen. Es soll einfach auch Spaß machen, den Pfeil fliegen zu lassen.“ Stephan Becker Sascha H. ist stolz auf seinen Treffer. Foto: Becker

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