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wir 2 / 2018

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8 Biografie, Biografiearbeit und Dokumentation Die ganz persönliche Lebensgeschichte Die ganz eigene, unverwechselbare Biografie eines Menschen ist wesentlicher Teil seiner Identität. Sie prägt seine Persönlichkeit, bestimmt die emotionale Bewertung von Ereignissen und beeinflusst sein Verhalten. Jeder von uns hat eine Geschichte, je nach Alter kürzer oder länger. Sie besteht nicht nur aus der Summe all unserer Erfahrungen, sondern vor allem aus dem, was wir daraus machen: konstruiert aus einem selektiven Gedächtnis, Begebenheiten und Anekdoten, die zum Beispiel Eltern über uns erzählen, aus Fotos und inneren Bildern und wahrscheinlich noch vielem mehr. Empfänger sozialstaatlicher Leistungen, dazu gehören viele Menschen mit Behinderung, haben neben ihrer Lebensgeschichte noch eine Akte: Daten, Diagnosen, Beurteilungen, Berichte. Wer eine Akte hat, kann nicht kontrollieren, was Außenstehende über ihn wissen. Er kann nicht, wie die meisten von uns, gnädig ausblenden oder kreativ ergänzen, um für sich und andere ein Bild zu zeichnen, mit dem es sich gut leben lässt. Was hier steht, sind Fakten, echte oder vermeintliche, schwarz auf weiß. Um sich mit Hilfe der Akte den Erfahrungen eines Menschen anzunähern, muss man versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, muss Empathie entwickeln, um zu erahnen, was dieses oder jenes Ereignis für den Betroffenen bedeutet haben mag: ein langer Krankenhausaufenthalt als Kind, zahlreiche Untersuchungen zur Erstellung von Diagnosen, der Wechsel in die Sonderschule, die Aufnahme ins Heim, um ein paar typische Beispiele zu nennen. Sehr häufig liegen darunter Gefühle von Angst, Beschämung und Trauer. Das meiste davon können Menschen nicht erzählen, egal ob sie behindert sind oder nicht, weil wirksame Mechanismen es aus dem Bewusstsein fernhalten. Für die professionelle Arbeit ist dieses Wissen aber der Schlüssel zum Verständnis vieler Verhaltensweisen. „Wer die Vergangenheit eines Menschen nicht kennt, versteht sein Handeln nur schwer“, wusste bereits Johann Wolfgang von Goethe. So gesehen bergen Akten wertvolle Informationen über Lebensbedingungen, besondere Vorkommnisse und Entwicklungsverläufe. Der Umgang mit diesen Informationen erfordert allerdings eine reflektierte Handhabung. Auch was scheinbar objektiv daher kommt, wurde von einem

Biografiearbeit – Geschichte zu Geschichten machen 9 Menschen geschrieben, der subjektiven Einflüssen unterliegt. Man tut also gut daran, sich den eigenen Blick auf einen Klienten nicht verstellen zu lassen, sich ein eigenes Bild zu machen. Aber es wäre unverantwortlich und anmaßend, ausschließlich auf die eigene Einschätzung zu setzen und vorhandene Akten zu ignorieren. Emotionaler Gehalt von Erinnerungen Soweit zum Wert biografischen Wissens für Professionelle. Was aber bedeutet die Biografie für die Betroffenen selbst? Wie lässt sie sich nutzbar machen? Und vor allem: Wie lässt sie sich bewahren? Die persönliche Geschichte eines Menschen ist untrennbar mit seiner Identität verknüpft. Wie dramatisch der Verlust der Lebensgeschichte sein kann, zeigen an Demenz Erkrankte, die mit ihren Erinnerungen auch die Orientierung zur eigenen Person verlieren. Wir alle verwenden Methoden, unsere Erinnerungen zu archivieren: Mit Fotos dokumentieren wir unser Leben, wir heben alte Schulzeugnisse und Urkunden auf, sammeln Reiseprospekte, Konzertkarten, schreiben Tagebuch oder legen Musikalben an mit Titeln, die alte Zeiten auferstehen lassen. Wir tun das, um uns der eigenen Vergangenheit und letztlich uns selbst zu vergewissern: Das alles hat es gegeben und es ist ein Teil von mir. Menschen mit Behinderung, die ihre Archive nicht selbst anlegen können, benötigen Unterstützung. Dabei lassen sich alle bereits beschriebenen Vorgehensweisen anwenden und sicher noch einige mehr. Bei dieser Form der Dokumentation geht es gerade nicht um Fakten. Es geht, wie bei uns ja auch, um Erlebnisse mit besonderem emotionalem Gehalt, an die das Erinnern gut tut. Sie sind umso notwendiger, wenn Menschen nicht selbst erzählen können, wenn Bezugspersonen im Umfeld systembedingt häufig wechseln oder wenn durch Umzüge von einer Wohngruppe in eine andere niemand mehr da ist, der Erinnerungen bestätigen kann. Beziehungsabbrüche sind eine Realität besonders im Leben vieler Menschen mit hohem Hilfebedarf. Umso wichtiger sind jederzeit verfügbare Zeugnisse des eigenen Lebens, ein Fotoalbum zum Beispiel oder ein Tagebuch, das Mitarbeiter geführt haben. Damit es nicht nur Akten gibt, sondern eben auch die ganz persönliche Lebensgeschichte. Ruth Hofmann Sorgfältige und professionelle Beschäftigung mit der Lebensgeschichte Wie Brücken zu anderen Unter professionellen Gesichtspunkten ist es wichtig, zu versuchen die Lebensgeschichte von Menschen mit Behinderungen zu erfassen. Mit und für die Person Geschichten, Fotos und Erinnerungsstücke zu sammeln, um das bisher Erlebte zu bewahren und „erfahrbar“ zu machen. Herr B. ist ein junger Mann mit schwerer geistiger Behinderung. Er ist blind. Da Biografiearbeit über Bilder nicht funktioniert, entschieden sich die Mitarbeiter für Düfte. Zusammen mit den Eltern wurden die Gerüche gesammelt, die im Leben von Herrn B. eine Rolle gespielt haben. Die Lösung für die Konservierung: Döschen und Stoffsäckchen wurden befüllt, etwa mit dem Parfum der Mutter, dem Lieblingsduschbad des Vaters, mit Küchendüften wie Vanille und Zimt, aber auch Zwiebeln und Käse. Riecht Herr B. an den relevanten Aromen, erkennt der Außenstehende unmittelbar, welche positiv auf ihn wirken und welche er ablehnt.

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