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wir 2 / 2018

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22 Andreas Reinhardt vom

22 Andreas Reinhardt vom Architekturbüro Zyschka bei der Schlüsselübergabe an Matthias Grupp vom BBF und Michael Metzger vom Wohnhaus zusammen mit Markus Wursthorn (Stiftung Liebenau). Foto: Luuka Das neue und moderne Wohnhaus inmitten der Kommune (Bildmitte). Die Bildungs-, Begegnungs- und Förderstätte (BBF) ist unweit entfernt und fußläufig erreichbar. Foto: Oschwald Wohnen und Arbeiten für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf In der Bodenseegemeinde wird Teilhabe gelebt UHLDINGEN-MÜHLHOFEN – Das Thema Heimat und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist in Uhldingen-Mühlhofen angekommen: Das zeigte sich beim Einweihungsfest des Wohnhauses und der Bildungs-, Begegnungs- und Förderstätte (BBF) der Stiftung Liebenau. Bis dahin war es allerdings nicht immer ein leichter Weg. Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau, erläuterte den Werdegang von den Komplexeinrichtungen hin zu einer neuen Heimat für Menschen mit Behinderungen mitten in der Gemeinde. Viele Kommunen waren nicht bereit, sich der Herausforderung zu stellen, Menschen mit Handicap in ihrer Mitte aufzunehmen. Doch in Uhldingen traf man „auf offene Türen und Herzen“, was den Menschen half „ihre alte Heimat zu verlassen und eine neue zu finden“ so Brock. In dem Wohnhaus in der Bahnhofstraße wohnen nun seit einem Jahr 24 Menschen, die teilweise höchster Unterstützung bedürfen. Dafür sind „mehr Personalressourcen als bisher“ nötig, so Andrea Sigwart, die Vertreterin des Angehörigenbeirats. Auch für Brock ist klar: „Inklusion darf nicht auf Kosten der Qualität gehen“. Er regte deswegen besonders intensive Gespräche zwischen allen Beteiligten an. Markus Wursthorn, Geschäftsleitung der Liebenau Teilhabe, betonte, dass man „gemeinsam bessere Rahmenbedingungen schaffen muss, um ein teilhabeorientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“. So ging dann auch sein besonderer Dank an Julia Lindenmaier, der stellvertretenden Leiterin des Referats „Sozialplanung – investive Förderung“ beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) in Baden-Württemberg. Der Bau der beiden Häuser wurde unterstützt mit 1,3 Millionen Euro aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg durch das Ministerium für Soziales und Integration. Aktion Mensch förderte das Wohnhaus mit 250.000 Euro und das BBF mit 110.000 Euro. Lindenmaier betonte, dass „keine neuen Sonderwelten entstehen sollten“, auch wenn geeigneter Wohnraum und eine passende Arbeitsstelle zu finden, weiterhin schwierig sei. „Dezentralisierung ist eine Herausforderung für Leistungserbringer und Leistungsträger, für Städte und Gemeinden, für Betroffene und Angehörige, die viel Kommunikation erfordert“, sagte Ignaz Wetzel, Sozialdezernent des Bodenseekreises. So sei die Dezentralisierung zumindest Integration, wenn auch noch nicht unbedingt Inklusion. Edgar Lamm, Bürgermeister von Uhldingen-Mühlhofen, bescheinigte der Stiftung Liebenau, sie sei „auf dem richtigen Weg in die richtige Richtung“ und betonte, dass Menschen mit Behinderungen wichtiger Teil der Gemeinde sind. Einen besonderen Augenblick erlebte Andreas Reinhardt vom Architekturbüro Zyschka, als er gleich zwei Schlüssel an die Verantwortlichen sowohl vom Wohnhaus als auch vom BBF übergeben durfte. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Im Anschluss wurden die beiden Häuser von Pfarrer Matthias Schneider (Katholische Kirchengemeinde Meersburg) und Pfarrer Thomas Weber (Evangelische Laetare Gemeinde) gesegnet. Anne Luuka

23 Frauen mit Behinderung machen Selbstbehauptungskurs Jede Frau hat das Recht, „Nein“ zu sagen Anderen Grenzen setzen, „Stopp“ sagen, sich wehren: Das fällt besonders Frauen mit Behinderungen nicht leicht, da diese oft Gewalt in unterschiedlicher Ausprägung erlebt haben. Um wieder Zugang zur eigenen Stärke zu bekommen und den Mut zu haben, diese zu nutzen, haben sich 13 Frauen aus dem Bereich Wohnen der Stiftung Liebenau im Landkreis Ravensburg diesen Themen gestellt. Bianka Neußer, Trainerin für Selbstbehauptung und -verteidigung zeigte sich beeindruckt von der Stärke der Frauen sowie dem solidarischen, respektund vertrauensvollen Umgang untereinander. Bianka Neußer mimt den übergriffigen Mann. Zuvor demonstriert sie gemeinsam mit Gerlinde Walka vom Fachdienst in Rosenharz, wie man sich als Frau aus einer solch unangenehmen Situation befreit. Ein kräftiges, energisches „Fass mich nicht an den Po“ überrascht den Angreifer und weckt die Aufmerksamkeit Umstehender. Jede Teilnehmerin meistert die Übung souverän: Die eine geht nach ihrer klaren Ansage rasch weg, die andere behält das Gegenüber beim Weggehen intensiv im Auge. Welche Kraft in ihnen steckt, zeigen den Frauen auch die Übungen mit den Therapiehunden. Ein überzeugtes „Lass mich in Ruhe“, hält den Hund auf Abstand. „Die Menschen reagieren gleich. Sie merken, wenn du entschlossen bist“, erklärte Bianka Neußer. Einem Angreifer das eigene Knie in den Unterleib zu stoßen, will auch gelernt sein. Einige Frauen kostet die Übung zunächst große Überwindung. Doch mit jedem Durchgang wird jede Einzelne stärker und mutiger. Begleitet von lauten Schreien erfahren die Boxsäcke am Unterleib von Bianka Neußer und Gerlinde Walka die Kraft, die in den Frauen steckt. einzustehen. Für die Teilnehmerinnen sind dies wichtige Lernprozesse, wie die Rückmeldungen nach den beiden intensiven Tagen zeigen: „Ich hab gelernt ‚Nein‘ zu sagen. Das ist mir aber zuerst schwer gefallen.“ „Es ist toll, die eigene Kraft zu spüren.“ Oder: „Wir sind alle ein bisschen stärker geworden.“ Der Kurs fand im Rahmen des Projektes „Gewaltfrei leben und arbeiten – Ein Projekt zur Verbesserung der Situation gewaltbetroffener Frauen mit Behinderung“ (kurz: GELA) statt und wird unterstützt durch das baden-württembergische Sozialministerium. Neben landesweiten Schulungen für Frauen mit Behinderungen werden auch Fachkräfte in Einrichtungen geschult und sensibilisiert für den Umgang mit Übergriffen und sexueller Gewalt. Frauen mit Handicap lernen außerdem örtliche Beratungsstellen kennen, an die sie sich jederzeit wenden können. Bei der Stiftung Liebenau stehen Frauen bei Problemen grundsätzlich verschiedene Ansprechpartner zur Verfügung, wie zum Beispiel die Vertrauenspersonen, die Fürsprecherinnen und die Frauenbeauftragten. Anne Oschwald Grenzen erkennen, Grenzen setzen Zunächst müssen die Frauen lernen, zu erkennen, wo die Grenzen für die anderen sind. „Das Schwierigste dabei ist, dass es oft Menschen sind, die wir kennen“, erklärt Bianka Neußer den Frauen. Möglicherweise ist eine Situation zunächst angenehm. Doch dann schaltet das eigene Bauchgefühl von Grün auf Rot. Sich zu trauen, „Halt“ zu signalisieren, fällt dann besonders schwer. Wichtig dabei sind die eigene Entschlossenheit und der Mut, für sich selbst Von Mal zu Mal trauten sich die Frauen mehr, sich zu wehren. Trainerin Bianka Neußer leitete an, wie es geht. Foto: Oschwald

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