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wir 2 / 2018

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20 50 Jahre Liebenauer

20 50 Jahre Liebenauer Arbeitswelten Start der Werkstatt war revolutionär 1968 war ein besonderes Jahr auch bei der Stiftung Liebenau. Zehn Menschen mit Behinderungen starteten damals in der Werkstatt in Liebenau mit der Industriearbeit. Ab diesem Zeitpunkt erhielten Menschen mit Unterstützungsbedarf Arbeit im erwerbsmäßigen Sinne, die den Qualitätsansprüchen des Marktes gerecht werden musste. Was vor 50 Jahren als sozialer Paradigmenwechsel begann, hat sich bis heute zu den modernen Liebenauer Arbeitswelten entwickelt: 565 Beschäftigte arbeiten an 12 Standorten. Hinzu kommen aktuell 71 Teilnehmer des Berufsbildungsbereichs sowie 356 Teilnehmer des Förder- und Betreuungsbereichs. Durch die Kooperation der drei Werkstatträger der Stiftung Liebenau bieten sich eine Vielzahl von Aufträgen: von der Pflege öffentlicher Grünflächen und dem Brennholzservice bis hin zu Verpackungs- und Kommissionierungstätigkeiten von Spielen und der Montage von Elektroteilen oder der Bedienung des Tunnelfinishers in der Liebenauer Wäscherei. „Am Anfang stehen die Industriearbeit einer kleinen Gruppe von zehn Behinderten im Jahr 1968 in Liebenau und die Eröffnung einer Werkstatt in Rosenharz im Jahr darauf. Zwei Jahre später arbeiten bereits 157 Behinderte für zwei Auftraggeber, 1979 sind es – einschließlich der Fördergruppen – bereits 300 behinderte Menschen, die in den Werkstätten Beschäftigung finden.“ So ist es in der Publikation „In unserer Mitte – Der Mensch“* zu lesen. Revolutionär war die Entwicklung insofern, als dass Menschen mit Behinderung sich zuvor zwar im Rahmen der Eigenversorgung „nützlich“ in Land- und Hauswirtschaft machten. Die Werkstatt gab ihnen aber dann erstmals die Möglichkeit der Teilhabe an wirtschaftlicher Produktivität und am Arbeitsleben. Die Werkstätten der Liebenauer Arbeitswelten sehen sich von Anfang an aber auch in dem Zielkonflikt, sowohl Produktionsstätte mit hohen Qualitätsanforderungen als auch Förderstätte zu sein. Die Mitarbeiter sind einerseits „Erfinder“ von hilfreichen Konstruktionen und andererseits Trainier und Anleiter. Die 2000er: im Zeichen der UN-BRK 50 Jahre Liebenauer Arbeitswelten bedeuten auch laufende Neuentwicklungen und Veränderungen. Längst hat die Moderne Einzug gehalten: Am ersten Werkstattstandort in Liebenau wurde 2006 die modernisierte Werkstatt in Betrieb genommen. Sie bietet ein Hochregallager und Raum für 14 Arbeitsgruppen. Heute arbeiten hier rund 160 Beschäftigte. Es entstanden ein Pausenraum für Mitarbeiter und Beschäftigte, zwei Ruheräume und ein helles Klassenzimmer. „In Liebenau gibt es seit 2002 einen zentral gesteuerten Berufsbildungsbereich, um junge Menschen für ihr Berufsleben fit zu machen“, erklärt Stefan Fricker, Bereichsleiter Arbeit der Liebenau Teilhabe. Theorie und Praxiseinsätze in verschiedenen Bereichen bieten ihnen fundierte Kenntnisse und die Möglichkeit, sich über die künftige Arbeit klar zu werden. Auch die Eröffnung des Arbeitsintegrationsprojektes (AIP) im interkommunalen Gewerbegebiet Wangen-Schauwies im Februar 2007 war ein Meilenstein. Das moderne Logistikzentrum mit einem Hochregallager für 2500 Palettenplätze bietet über 80 Menschen mit Behinderungen Arbeit. Ursprünglich war die Firma Ciret Holdings wichtiger Kooperationspartner. Das Verpacken und die Kommissionierung von Malerwerkzeugen eigneten sich bestens für aufgegliederte Arbeitsschritte. Inzwischen ist das Unternehmen ins

21 Am Standort Liebenau entstanden die Liebenauer Arbeitswelten. Das neue Werkstattgebäude wurde im Jahr 2006 in Betrieb genommen. Foto: Kästle Ausland abgewandert. Die Lücke wurde aber mit anderen anspruchsvollen Aufträgen gefüllt. Ein Novum im AIP: Die Firma Colorus in Amtzell, die den internationalen Markt mit Profi-Malerbedarf bedient, hat ihre gesamte Lagerlogistik inklusive Team ins AIP verlegt und integriert. Zusammen mit Werkstatt-Beschäftigten und Auszubildenden des Berufsbildungswerks Adolf Aich der Stiftung Liebenau kommissionieren sie die georderte Ware. Mit der Dezentralisierung – gefordert durch die UN-Behindertenrechtskonvention – stehen auch die Werkstätten vor Herausforderungen: Menschen mit Behinderungen sollen dort arbeiten können, wo sie leben. Gleichzeitig geht der Trend von Unternehmen dahin, dass sie personalkostenintensive Tätigkeiten verstärkt ins günstigere Ausland verlagern. Dabei handelt es sich oft um gerade solche Arbeiten, die von Menschen mit Behinderungen gut übernommen werden könnten. Neue Lösungen waren und sind laufend gefragt. Vielfalt an Tätigkeiten Die Liebenauer Arbeitswelten entwickeln ständig neue Tätigkeiten, die am gegenwärtigen Markt nachgefragt werden. So bietet etwa die Datenarchivierung am Standort Liebenau Beschäftigten anspruchsvolle Tätigkeiten, den Betrieben eine papierarme Verwaltung. Beschäftigte arbeiten inzwischen einzeln oder in Gruppen vor Ort in Betrieben, wie etwa in der Brauerei Härle an der Abfüllanlage oder beim Ravensburger Verlag. Auch die Kreativität kommt nicht zu kurz. 2010 ging in Rosenharz die Kreativwerkstatt in Betrieb. Hier finden Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf im Rahmen des Förder- und Betreuungsbereichs (FuB) eine Tagesstruktur und malen unter Anleitung einer Kunsttherapeutin Bilder, die vielfach in Ausstellungen in unterschiedlichen Städten und Gemeinden gezeigt werden. Kooperationen mit Schulen und der Hypo-Vereinsbank sorgen für gesellschaftliche Teilhabe der Künstler. In vielen Förder- und Betreuungsgruppen der Liebenauer Arbeitswelten entstehen handgefertigte kreative Produkte wie Postkarten, Holzprodukte oder Gartenaccessoires, die Interessierte als Unikate erstehen können. Seit 2011 bieten die Liebenauer Arbeitswelten in Villingen- Schwenningen Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Das Besondere an „Arbeit inklusive“: Es handelt sich um Arbeitsplätze in Unternehmen am allgemeinen Arbeitsmarkt vom Getränkemarkt, über die Tafel bis hin zu Hausmeistertätigkeiten. In momentan fünf Kommunen wie Bad Waldsee oder Uhldingen-Mühlhofen erhalten Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf eine verlässliche Tagesstruktur in so genannten Bildungs-, Begegnungs- und Förderstätten. Mit dem Jobcoaching gelingt es zusehends Menschen mit Behinderungen in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes unterzubringen. Fachkräfte aus den Liebenauer Arbeitswelten begleiten dabei sowohl Beschäftigte als auch die Arbeitgeber. 50 Jahre nach der Gründung der Werkstatt für Menschen mit Behinderung bietet der moderne Förderbereich KuBiQu – Kunst – Bildung – Qualifizierung in Ravensburg eine Tagesstruktur für Menschen mit intensivem Unterstützungsbedarf: inmitten einer Vielzahl moderner Unternehmen aus Innovation, Technologie und Kreativwirtschaft. So sieht Produktivität und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Unterstützungsbedarf im Jahr 2018 aus. * In unserer Mitte – Der Mensch; Michael Schnieber (Mai 1995) Jubiläum: 50 Jahre Liebenauer Arbeitswelten beim Sommerfest am 8. Juli. Näheres unter www.stiftung-liebenau.de/sommerfest

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