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14 Biografiearbeit für

14 Biografiearbeit für Menschen außerhalb der Herkunftsfamilie Aus dem Leben Geschichten machen Wer längerfristig oder gar dauerhaft außerhalb der eigenen Herkunftsbezüge lebt, erfährt im Alltag kaum etwas über die eigene Vergangenheit. Noch weniger, wenn sprachliche, kognitive oder gestalterische Beeinträchtigungen bestehen. Der Fachdienst der Liebenau Teilhabe bietet fachliche Biografiearbeit, um die Vergangenheit und die Gegenwart zu einem Ganzen zusammenzufügen. Wenn Menschen mit Behinderungen ihren Wohnraum nicht selbst gestalten können, entstehen vielleicht falsche Eindrücke: Zimmer mit einer fast sterilen Klarheit und Ordnung, die eine distanzierte Kühle ausstrahlen und keinen Platz für Persönliches lassen. Oder chaotische Unordnung, die jedes Erinnerungsstück der eigenen Geschichte verschlucken und entwerten. Es fehlt der passende Platz für die schönen Erinnerungen, die unbelasteten Bilder und den Nippes, der nicht zum unmittelbaren Alltagsleben nötig ist, aber individuell Sinn und Kraft geben kann. Genau hier können Fachkräfte ansetzen. Dass Menschen aus Erinnerungsstücken Kraft schöpfen, ist die Grundlage für gezielte Assistenz und Unterstützung. Wie bei einer Schatzsuche können Fachkräfte und Betreute nach gelungenen Geschichten forschen, ohne dabei Belastungserfahrungen zu ignorieren. Der 21-jährige Daniel B. etwa hat zum Abschied von einer früheren Jugendhilfeeinrichtung ein Fotoalbum geschenkt bekommen. Beim Betrachten der persönlichen Bilder berichtet er stolz: „Zum Glück habe ich den Kontakt zu meiner Familie behalten und verbessert. Die sind mir total wichtig, vor allem auch meine Nichten.“ Auf die Frage, wie es ihm an seinem Wohnort Hegenberg geht, erklärt er spontan: „Wenn ich Schmerzen habe und mich unwohl fühle, kümmert ihr euch drum, auch wenn’s nachts um vier ist.“ Die als gut empfundene Versorgung verbindet sich mit Wehmut über Vergangenes. Die Verfügbarkeit von persönlichen Bildern hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Heute haben Jugendliche und zunehmend auch ältere Menschen Alltagsfotos hundertfach auf ihren Smartphones bei sich. Alles wird fotografiert: Essen, Schuhe, Landschaften, Freunde und vieles mehr. Auf Instagram und Facebook posten Menschen Tagebücher und Fotostorys, die als Selbstdarstellung und auch als Gesprächsangebot betrachtet werden können. Zugleich besteht die Gefahr des totalen Verlusts der Bilder: Eine defekte Speicherkarte, Virenbefall oder ein Softwarefehler können alle in Sekundenschnelle vernichten. Vielen Jugendlichen ist das oft nicht bewusst. Bei der Flut von Bildern müssen Jugendliche deshalb lernen zu entscheiden, welches Bild eine Erzählung wert ist und mit wem man sich darüber austauschen kann. Das „Bild der Woche“ bietet in Hegenberg Gelegenheit. Jugendliche zeigen ihr Lieblingsbild auf ihrem Smartphone den anderen und erzählen, was ihnen in der Situation wichtig war. So können Bilder für die eigene Identität geschichtsträchtig werden. Um digitale Bilder in die langfristige Biografie einbinden zu Erinnerungen gemeinsam zu teilen macht Spaß und ist gut für die eigene Identität. Foto: Becker können, müssen sie durch Ausdrucken, Speichern auf entsprechenden Medien oder Fotoentwicklungen vor Verlust gesichert werden. Es gibt auch die Möglichkeit des Cloud-Speichers, bei dem die privaten Bilder auf Laufwerken von Internetanbietern abgelegt werden. Die Frage, ob Bilder dort wirklich Eigentum bleiben, beziehungsweise welches Risiko beim Speichern man bereit ist einzugehen, muss mit den Jugendlichen angesprochen werden. Neben der Biografiearbeit müssen also immer auch mediendidaktische Antworten gefunden werden, die den besonderen Unterstützungsbedarf von Menschen mit einer Behinderung berücksichtigen. Tipp: Das „Lebensbuch“ des Eylarduswerks bietet wertig gestaltete Vorlagen für Kinder und Jugendliche im Kontext von Pflegefamilien und Wohngruppen, um ihre Biografie außerhalb der Familie festzuhalten. Stephan Becker

15 Dokumentation: Pflicht, Chance und Risiko Objektive Fakten ohne Poesie Eine gute Dokumentation, die Vorlieben und Abneigungen, gesundheitlich schwierige Situationen und besondere Lebensereignisse festhält, ist eine wertvolle Unterstützung in der täglichen Arbeit der Fachkräfte der Stiftung Liebenau: Vorausgesetzt, sie gehen sehr bewusst damit um. Im Alltag von pädagogischen und pflegerischen Berufen ist der Zeitaufwand, der für die tägliche Dokumentation gebraucht wird, in den letzten Jahren massiv gestiegen. Dies liegt vor allem daran, dass umfangreiche Bereiche der Dokumentation inzwischen vorgeschrieben und ein Nachweis von erbrachten Leistungen sind. Manchmal entsteht das Gefühl, dass die Dokumentation wichtiger ist, als die Beschäftigung mit dem betroffenen Menschen, denn die Zeit, die für diesen Nachweis gebraucht wird, fehlt in der Betreuung und Pflege. Zudem stellt sich die Frage, ob es rechtens ist, wenn es über eine Person eine Akte gibt, in der Verhalten beschrieben und Geschichte aufgezeichnet wird, meist ohne, dass die Person dabei mitentscheiden kann, was drin steht. Ist es stimmig, wenn heutige Bezugspersonen von schwierigen Verhaltensweisen erfahren, die 20 Jahre zurückliegen? Wenn Diagnosen aus früheren Zeiten die Person auf Dinge festschreiben, die sich vielleicht schon lange verändert haben? Der Dokumentierende muss sich dessen bewusst sein, dass es schwierig ist, objektive Daten und Fakten aufzuschreiben. Denn in die persönliche Wahrnehmung fließen immer eigene Erfahrungen, Bilder und auch Moralvorstellungen mit ein, ohne dass uns dies bewusst wird. Einfach ist es immer dann, wenn es wirklich um objektive Daten geht. Also: „Herr Z. war vom 10.02.-20.02.2016 im ZfP Weissenau. Dort wurde er aufgrund seiner Epilepsie behandelt. Siehe Arztbericht.“ Schwierig wird es oft, wenn wir ein Verhalten beschreiben sollen, dass wir moralisch nicht in Ordnung finden. Wirft zum Beispiel Herr E. beim Mittagessen seinen vollen Teller, dann kann ich vermuten, ihm hat das Essen nicht geschmeckt, es ging ihm zu lange oder er wollte mich ärgern. Solange er mir nicht erzählen kann, warum er es getan hat, kann ich objektiv nur berichten: „Herr E. hat beim Mittagessen seinen Teller geworfen, auf dem noch Spätzle und Karotten waren.“ Hilfreich ist es, wenn wir ältere Einträge immer auch im zeitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang betrachten. Beispielsweise wenn wir lesen, dass Herr Z. als Kind lange im Krankenhaus war. Heute werden Kinder in der Regel von den Eltern begleitet. Bis in die 1970er Jahre war es jedoch üblich, dass Kinder im Krankenhaus keinen Besuch von den Eltern bekommen durften. Ein Krankenhausaufenthalt in der Kindheit war somit auch ein Bindungsabbruch, der oft später noch nachwirken kann. Mit diesem Wissen, können wir besser nachvollziehen, dass es Herrn Z. schwer fällt, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. Für das Verstehen Dokumentation ist neben lästiger Pflicht auch Chance und Risiko. Sie kann uns helfen, die Person zu verstehen, wenn berücksichtigt wird, dass die Eintragungen, aber auch die Diagnosen von Menschen gemacht wurden, die mit ihren Vorerfahrungen, ihrem Blick auf den Menschen versucht haben, objektiv zu erfassen. Damit Dokumentation nicht zum Risiko für die jeweilige Person wird, müssen Fachkräfte immer wieder bereit sein, ihr die Möglichkeit zu geben, auch unbekannte Verhaltensweisen zu zeigen und neue Erfahrungen zu machen. Doris Szaukellis

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