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12 Ein ICH-Buch muss

12 Ein ICH-Buch muss nicht perfekt sein, darf wachsen und sich entwickeln. Es macht nicht nur Arbeit, sondern bringt gemeinsam viel Spaß. Foto: Oschwald Biografiearbeit mit Unterstützter Kommunikation Ich erzähl dir, wie es früher war… HEGENBERG – Wie teilen Menschen, die nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend über Verbalsprache verfügen, ihre Lebensgeschichte mit? Wie können sie davon berichten, wie es früher war? Die Form eines „ICH-Buches“ ist hierfür eine gute Möglichkeit. Elke Schätzle, Fachberaterin für Unterstützte Kommunikation der Liebenau Teilhabe, beschreibt wie es geht. Ein „ICH-Buch“ wird individuell und am besten gemeinsam entsprechend der kommunikativen, kognitiven und motorischen Kompetenzen der Person gestaltet. In einem ICH-Buch findet man Fotos, Namen und Beschreibungen der Familie, dem früheren Zuhause, wichtigen Bezugspersonen und Freunden, Interessen, Hobbys, Vorlieben, Abneigungen, aber auch wichtige Stationen wie Kindergarten, Schule, Wohngruppen, Arbeitsbereiche und Mitbewohner. Übergänge etwa von der Schule in die Arbeitswelt können klar dargestellt werden. Geschichten, Anekdoten, Lieblingslieder finden in einfachen Sätzen Platz, versehen mit Bildern oder Piktogrammen. Schwierige Lebensereignisse, wie etwa der Tod eines geliebten Menschen, Kriegserfahrungen oder schwere Erkrankungen sind ebenfalls wichtige Informationen in einem ICH-Buch. Die Lebensgeschichte kann als Kommunikationsmittel und Gesprächsinhalt genutzt werden. Das Buch hilft, sich zu erinnern, miteinander ins Gespräch zu kommen und positive kommunikative Erfahrungen zu machen. Gesprächspartner erleben Freude und Spaß beim gemeinsamen Austausch. Stütze auch im Alter Ein ICH-Buch muss immer aktuell sein. Überholte Seiten können in einem Extra-Ordner, einem extra Kapitel abgelegt werden. Sie bleiben aber als Teil der Lebensgeschichte erhalten. In der Altenhilfe findet man ICH-Bücher auch unter dem Namen Erinnerungsbuch. Für Menschen mit einer Demenz ist es hilfreich dokumentiert zu haben: So heißt mein Sohn, hier habe ich gelebt, das war mein Beruf. Elke Schätzle Beratungsstelle Unterstützte Kommunikation (UK) der Liebenau Teilhabe Elke Schätzle Telefon 07542 10-2402

13 Beständige Kontakte ergänzen selbstständiges Leben Leben in der Stadt ist toll Matthias Abel genießt das selbstständige Leben im eigenen Appartement in der Rudolfstraße in Ravensburg, wo er seit fünf Jahren lebt. Er pflegt auch einige wichtige Kontakte aus früheren Lebensabschnitten. Herr Abel, Sie leben in einer gemeindeintegrierten Wohngemeinschaft in Ravensburg. Wie gefällt es Ihnen hier? Mir geht es hier gut. Das Leben mitten in der Stadt ist toll. Die Wege sind kurz und ich kann alles schnell erledigen. Die meisten meiner Mitbewohner kenne ich schon von meiner Zeit auf dem Hegenberg. Ich habe hier zuerst in einer Vierer-WG gewohnt und bin vor einem Jahr in ein Einzelappartement gezogen. Wo haben Sie vorher gelebt? Ich habe auf dem Hegenberg im Heim St. Martin gewohnt. Davor habe ich in St. Raphael in Unterdeufstetten gewohnt. Das ist im Landkreis Schwäbisch Hall. Gab es dort Menschen, die Ihnen besonders viel bedeutet haben? In St. Raphael war mir der Einrichtungsleiter sehr wichtig. Im Heim St. Martin war mir der Heilpädagogische Fachdienst wichtig. Mit meinen Mitbewohnern bin ich unterschiedlich gut ausgekommen. Seit ich 18 bin, habe ich einen gesetzlichen Betreuer, zu dem ich einen sehr guten Kontakt habe. Warum waren diese Personen wichtig für Sie? Der Einrichtungsleiter im St. Raphael hat sich gut um mich gekümmert, hat Zeit mit mir verbracht und viel mit mir geredet. Im Heim St. Martin hatte der Heilpädagogische Fachdienst immer ein offenes Ohr und Verständnis für mich, wir haben uns gut verstanden und hatten viel Spaß bei den Zeltlagern. Wie sieht der Kontakt zu diesen Personen heute aus? Zum Einrichtungsleiter im Heim St. Raphael habe ich leider keinen Kontakt mehr, aber das lässt sich ja ändern. Den Heilpädagogischen Fachdienst treffe ich manchmal in Liebenau und dann reden wir miteinander. Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie? Ich habe einen guten Kontakt zu meinen Eltern. Ich fahre alle zwei Wochen entweder zu meinem Vater oder zu meiner Mutter. Beide besuchen mich auch in Ravensburg. Meine Mutter wohnt in der Nähe und sie kommt öfter vorbei. Mein Vater und meine Tante besuchen mich mehrmals im Jahr. Meine Urlaubswochen verbringe ich auch bei meiner Familie. Außerdem telefoniere ich einmal in der Woche mit meiner Familie. Gab es in der Vergangenheit besondere Erlebnisse, die Sie in guter Erinnerung haben? Ich war mit meiner alten Wohngruppe im Heim St. Martin viermal in Italien im Urlaub, das war sehr spaßig. Mit meinem Vater oder meiner Tante war ich auch schon mehrmals im Urlaub, die sehr schön waren. Mit meiner Mutter hatte ich schöne Erlebnisse am Meer in Spanien. Mit dem Heim St. Raphael war ich mit Herzenswünsche auf Gran Canaria (der Verein erfüllt schwer kranken Kindern und Jugendlichen lang ersehnte Wünsche; Anm. der Red.). Dort sind wir hingeflogen. Was ist für Sie der Unterschied zwischen dem Wohnen in einer Einrichtung und dem Leben in der Rudolfstraße? Hier kann ich selbstständig und selbstbestimmter meine Angelegenheiten erledigen. Ich muss nicht erst mit dem Bus fahren. Es ist immer etwas los und ich kann auch abends noch spontan weggehen. Ich kann meine Freizeit selbstbestimmter gestalten und muss mich nicht ständig anund abmelden. Es reicht, wenn ich Bescheid gebe, wo ich bin. Hier ist nichts abgeschlossen und es gibt keine Nachtbereitschaft, sondern nur eine Rufbereitschaft. Die Fragen stellte Anne Oschwald

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