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wir 2 / 2018

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10 Für Menschen die

10 Für Menschen die nicht oder nur wenig sprechen können, gibt es bisweilen keine erzählbare Lebensgeschichte, weil niemand mehr da ist, der sie erzählen kann. Das Gegenüber weiß nicht, an was die Person sich erinnert. Sind es positive Erlebnisse oder traumatische Erfahrungen? Teilweise wird die Lebensgeschichte auch stellvertretend erzählt, von Eltern, Geschwistern oder anderen Bezugspersonen. Hier bekommen wir zumindest einen Eindruck vom bisherigen Leben, auch wenn dies gefiltert ist durch den Erzähler und die Person die Geschichte selbst vielleicht ganz anders erzählen würde. Auch mit Hilfe anderer Methoden, kann man sich mit der Biografie beschäftigen. Möglicherweise ist es die einstige Lieblingsmusik oder Düfte der Kindheit, die den Zugang zu früher ermöglichen. Dabei sollten Fachkräfte an die Zukunft denken, nämlich daran, wie die Erinnerungen gesammelt werden müssen, damit sie unabhängig von der aktuellen Lebenssituation verfügbar bleiben. Wichtig ist es, bei Umzügen daran zu denken, dass die Dinge von heute schon morgen ein Teil der Lebensgeschichte sind. Es geht darum, was Verantwortliche tun können, um das Wissen zu erhalten, das für die Person heute wichtig: Welche Beziehungen möchte sie auch künftig leben, welche Hobbys weiter pflegen und nicht zuletzt, was braucht das neue Umfeld an Wissen, um dies zu ermöglichen. Doris Szaukellis Zusammen mit einer Mitarbeiterin hat Herr D. eine Collage gestaltet. Er spricht nur wenig, kann aber in einfacher Sprache kommunizieren. Fotos wurden gesammelt und mit Herrn D. gesichtet. Dabei hat er Fotos ausgesucht, die ihm besonders wichtig sind. Teilweise konnte er erzählen, wer auf dem Foto ist, zum Beispiel seine Mutter, frühere Mitbewohner, oder wo der Urlaub in den Bergen war. Später hat er dann entschieden, welche Fotos er aufkleben möchte. Die Collage hängt in seinem Zimmer, erinnert ihn an positive Ereignisse und Menschen in seinem Leben und ermöglicht ihm, anderen etwas davon zu zeigen und zu erzählen. Frau K. drückt sich mit Lauten und Gebärden aus. Sie ist 70 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Sie ist gerne mit anderen Menschen in Kontakt und erzählt oft von Dingen, die sie erlebt hat, zum Beispiel vom Urlaub in der Türkei, dem Besuch im Schwimmbad oder von Personen, die ihr wichtig sind. Um dies zu ermöglichen, wurde für sie ein Ordner angelegt. Hierin finden sich Fotos der letzten Jahre, die Situationen zeigen, die sie genossen hat, sowie viele Fotos von wichtigen Menschen. Um es gut nutzen zu können, wurden die Seiten laminiert. Viele Fotos sind beschriftet, so dass auch Fremde wissen, wer abgebildet ist. Frau K. hat in ihrem Leben sehr viele Stationen durchgemacht, dabei sind nur wenige Bilder entstanden. Einige Fotos hat Frau K. zerstört. Es ist schwierig über Fotos ins Gespräch zu kommen, von denen niemand mehr weiß, wer abgebildet ist. Frau K. hat sich über das Album sehr gefreut. Sie scheint sich gerne zu erinnern und nutzt es rege.

11 Die Lebensgeschichte zu kennen, hilft bei Betreuung Vertraut seit mehr als 45 Jahren Helmut Grabolle kommt fast jede Woche nach Liebenau. Er besucht Renate Beck, die im Haus St. Pirmin der Stiftung Liebenau lebt. Seit rund einem Jahr ist er ihr gesetzlicher Betreuer. Er kennt die 60-Jährige aber schon seit mehr als 45 Jahren. Wenn Helmut Grabolle Renate Beck besucht, freut sie sich auf „Helmut“. Beim Wiedersehen gibt sie ihm auch mal einen Kuss auf die Wange, vorausgesetzt es geht ihr gut. Geht es ihr nicht gut, sei sie unruhig, laufe umher und rufe „Nein, Nein“. Renate Beck kann sich verbal nur reduziert mitteilen. „Schee“ sagt sie, wenn ihr was gefällt oder gut tut. Auch wenn es ihr zu „heiß“ ist, kann sie das ausdrücken. „Mimmi“ steht für Fernsehen. Ein Großteil der Kommunikation läuft über Gestik. Helmut Grabolle profitiert bei seinem Einsatz als gesetzlicher Betreuer von der gemeinsamen Vergangenheit, in der er Renate Beck intensiv kennengelernt hat. „Viele Dinge kann ich nachvollziehen, weil ich sie gut kenne.“ Er weiß, dass Renate Beck gerne in der Natur ist und Tiere liebt. Bei seinen wöchentlichen Besuchen machen sie gemeinsame Spaziergänge. In Liebenau besuchen sie dann den Streichelzoo oder gehen über den Friedhof oder zu den Gewächshäusern, wo die bunten Blumen Hingucker für Renate Beck sind. Auch zu Ausflügen an den Bodensee holen er und seine Frau sie mitunter ab. „Man kann Renate überall mitnehmen. Sie ist pflegeleicht.“ Manchmal bringt er ihr auch Magazine, in denen sie blättern kann. Bekannt und vertraut „Ich kenne Renate mittlerweile fast viereinhalb Jahrzehnte“, erzählt Helmut Grabolle. Seine Schwiegermutter war die langjährige Lebensgefährtin von Rudi Beck, Renates Vater. Seit ihrer Geburt ist die heute 60-Jährige geistig und körperlich behindert. Auf dem Pferdehof der Eltern in Weil im Schönbuch hatte sie immer Kontakt zu Tieren und zur Natur. Später zog die Familie nach Langenargen. Hier verdiente der Vater den Lebensunterhalt mit Hausmeisterdiensten: putzte, reparierte und pflegte Gärten. Seine Tochter nahm er fast immer mit. Auch nach der Trennung der Eltern holte der Vater Renate Beck jeden Tag bei der Mutter ab. Nach deren frühem Tod zog Rudi Beck wieder zu seiner Tochter ins ehemals gemeinsame Haus. „Rudi hat sich zeitlebens und immer fürsorglich um seine Tochter gekümmert“, weiß Grabolle. Um die Tochter auch über den eigenen Tod hinaus in guten Händen zu wissen, bat er Helmut Grabolle, ihre gesetzliche Betreuung zu übernehmen. Allerdings gab es zunächst etliche bürokratische Hürden zu bewältigen. Nach dem Tod von Rudi Beck im vergangenen Jahr, war das erste Jahr als Betreuer geprägt von der Suche nach einem Heimplatz, ebenso wie von der Instandhaltung und vom Verkauf des Elternhauses, um Renate Becks Leben zu sichern. Inzwischen ist sie an ihrem neuen Wohnort angekommen. Leicht fiel die Umstellung nicht, war doch zeitlebens ihr Vater wesentliche Bezugsperson. Jetzt ist Helmut Grabolle nicht nur ihr gesetzlicher Betreuer, sondern auch ein wichtiger Kontakt. Sein Wissen über Renate Becks früheres Leben hilft auch den Mitarbeitern, sie besser zu verstehen. Anne Oschwald Helmut Grabolle besucht Renate Beck (links) regelmäßig – manchmal begleitet ihn seine Frau. Dann machen sie gemeinsame Spaziergänge in der Natur. Foto: Oschwald

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