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Stellungnahme: Beihilfe zum Suizid in ethischer Bewertung

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später erschienen,

später erschienen, lässt von diesem Respekt wenig aufscheinen, wenn er sagt, „dass derjenige, der sich selbst tötet, sich gegenüber Gott, dem wir unser Leben verdanken, verweigert und selbstmächtig die Zeit abbricht, die Gott ihm als Heilschance zugedacht hat. So ist die Verweigerung gelebter Freiheit zugleich eine Verweigerung Gott gegenüber. 55 “ Auf evangelischer Seite findet sich zunehmend Bereitschaft, dem tragischen Geschehen des Suizids mit Barmherzigkeit zu begegnen. 56 Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen individualethischer und sozialethischer Perspektive in der Orientierungshilfe „Wenn Menschen sterben wollen“ 57 , wenngleich man die Schlussfolgerungen nicht in jedem Einzelfall teilen mag. Dagegen bleiben im „Katechismus der Katholischen Kirche“ Verdikt und Verurteilung vorherrschend. 58 Einen demgegenüber eigenwilligen Weg geht der katholische Theologe Hans Küng, der die traditionelle These ablehnt, eine „’vorzeitige’ Rückgabe des Lebens (sei) ein menschliches Nein zum göttlichen Ja“. Gerade aus der Bibel, wo Gott geglaubt wird als „Vater der Schwachen, Leidenden, Verlorenen, der dem Menschen Leben spendet und ihn wie eine Mutter umsorgt, (als) der solidarische Bundesgott, der den Menschen, sein Ebenbild, als einen freien, verantwortlichen Partner haben will“ 59 , folgert er: „Der allbarmherzige Gott, der dem Menschen Freiheit geschenkt und Verantwortung für sein Leben zugemutet hat, hat gerade auch dem sterbenden Menschen die Verantwortung und Gewissensentschei- 55 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Band 2, Freiburg – Kevelaer 1995, 283. 56 Besonders geschieht dies in dem Dokument des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) „Das Sterben leben: Entscheidungen am Lebensende aus evangelischer Perspektive“. 2007 (SEK Position 9). Die EKD übt daran offen Kritik und wirft dem SEK vor, sich an der Diskussionslage im eigenen Land zu orientieren, „ohne das Gespräch mit Kirchen anderer konfessioneller Traditionen oder Kirchen anderer Länder zu suchen“ (Wenn Menschen sterben wollen. Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung. 2008. EKD Texte 97, S. 23). 57 A.a.O., 24-33. 58 Katechismus der Katholischen Kirche. München – Wien 1993, Art. 2280-2283, 2325, S. 580f. 589; in fünf Artikeln wird nicht ein einziges Mal Verständnis oder Mitgefühl geäußert. 59 Walter Jens / Hans Küng: Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. München – Zürich 1995, 54. Vgl. dazu Markus Zimmermann: „Menschenwürdig sterben“. Kritische Anfragen zu H. Küng und W. Jens. In: Orientierung 60 (1996), Nr. 11, 127-132, und ders. „Ein Gelehrter, der nicht mehr schreiben und lesen kann? Was dann?“ In: Schweizerische Kirchenzeitung 182 (2014), Heft 4, 52-59. dung für Art und Zeitpunkt seines Todes überlassen.“ 60 Ob freilich das Moment der Verantwortung des Suizidenten in dieser Argumentation hinreichend gesehen ist, bedürfte einer vertieften Diskussion. 3.4.2 Folgerungen für Einrichtungen christlicher Träger Der Entwicklungsweg der Bewertung des Suizids innerhalb der christlichen Ethik ist ebenso deutlich geworden wie der Unterschied zu einem Denken, das der weltanschaulichen Pluralität verpflichtet ist. Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Praxis in christlichen Alten- und Pflegeheimen? Anders gefragt: Wie gehen Häuser, die von christlichen Trägern geführt werden, mit dem Problem des Suizids und der Suizidbeihilfe um? Die Frage muss unter rechtlichem wie unter ethischem Aspekt betrachtet werden. 3.4.2.1 Die Rechtslage in Einrichtungen christlicher Träger Im Januar 2001 gewährte die Stadt Zürich Sterbehilfeorganisationen Zutritt zu ihren Altenheimen. Die Regelung wurde 2008 in den „Ethischen Richtlinien für die Altersheime der Stadt Zürich“ in deren dritter, überarbeiteter Fassung bestätigt. Sie lautet: „Sterbehilfeorganisationen haben gemäss Weisung der Stadt Zürich Zugang zu städtischen Altersheimen.“ 61 Die Verunsicherung in Einrichtungen christlicher Träger war groß, ob auch private Träger von Alten- und Pflegeheimen in der Schweiz dieser Richtlinie folgen müssten. In Deutschland entzündete sich eine ähnliche Diskussion im Zusammenhang mit der sog. „passiven Sterbehilfe“: Ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 25. Juni 2010 stellte den mutmaßlichen Willen einer Heimbewohnerin auf Sterbehilfe durch Abbruch einer begonnenen medizinischen Behandlung (künstliche Ernährung durch eine Magensonde) über den Heimvertrag bzw. die Gewissensent- 60 Walter Jens / Hans Küng: Menschenwürdig sterben (1995), 71f. 61 https://www.stadt-zuerich.ch/content/dam/stzh/gud/Deutsch/Alter/Altersheime/Allgemein/ weitere Dokumente/Ethische Richtlinien.pdf (Zugriff 29.06.2014) 40 41

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