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Stellungnahme: Beihilfe zum Suizid in ethischer Bewertung

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verboten, Patienten auf

verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ 34 Diese Musterberufsordnung bedarf jedoch der Umsetzung durch die Landesärztekammern; denn nur diese – und nicht die Bundesärztekammer – haben das Satzungsrecht für berufsrechtliche Vorschriften, die die Ärzteschaft betreffen. Nur zehn der 17 Landesärztekammern haben aber inzwischen das Verbot der Hilfe zur Selbsttötung umgesetzt; die anderen haben sich darauf beschränkt, ein Verbot der Tötung auf Verlangen auszusprechen (was dem ohnehin bestehenden strafrechtlichen Verbot entspricht). Bayern und Baden-Württemberg etwa haben den Satz 3 des oben zitierten § 16 einfach weggelassen. 35 Ob die Regelung in den zehn Ländern Bestand haben wird, ist fraglich. Die Humanistische Union und die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben wollen das Recht auf Suizidbeihilfe durch Ärzte verteidigen und haben Normenkontrollklagen angekündigt. Der angekündigte Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums hat die Diskussion auch über die spezielle Rolle der Ärzte bei der Suizidbeihilfe neu entfacht. Der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing spricht sich gegen das geplante Verbot organisierter Sterbehilfe aus und plädiert für eine reglementierte Freigabe. Nach seinem Verständnis wären die Ärztekammern am besten geeignet, Beihilfe zum Suizid zu organisieren: „Ihre Mitglieder, die Ärzte, verfügen über das notwendige Fachwissen. Sie können medizinisch gebotene Behandlungen einleiten. Sie sind in ihrem ärztlichen Ethos grundsätzlich dem Leben verpflichtet und verfügen damit über die notwendige Vorsicht. Sie sind organisiert und unterliegen einer Kontrolle.“ 36 Wiesing betont, dass selbstverständlich für jeden Arzt das Recht gelten muss, sich der Suizidbeihilfe zu verweigern. „Niemand darf gegen sein Gewissen zur Hilfe beim Suizid gezwungen werden.“ 3.3.2 Das Dilemma des Arztes angesichts einer Bitte um Suizidbeihilfe Auch in der Schweiz, die ähnlich wie Deutschland bisher kein strafrechtliches Verbot der Suizidbeihilfe kennt, hat sich eine Diskussion über das ärztliche Standesrecht in dieser Frage entwickelt. Als zuständige standesrechtliche Organisation hat die „Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften“ (SAMW) zunächst im Jahr 1995 und dann erneut im Jahr 2004 ihre Ethikkommission damit beauftragt, eine Richtlinie „Betreuung von Patientinnen und Patienten am Lebensende“ zu erstellen, in der sie die Rolle des Arztes bei der Beihilfe zum Suizid näher umschreibt. 37 In der Fassung von 2004 heißt es, diese Rolle bestehe bei Patienten am Lebensende darin, „Symptome zu lindern und den Patienten zu begleiten. Es ist nicht seine Aufgabe, von sich aus Suizidbeihilfe anzubieten, sondern er ist im Gegenteil dazu verpflichtet, allfälligen Suizidwünschen zugrunde liegende Leiden nach Möglichkeit zu lindern.“ Wenn jedoch der Wunsch nach Suizidbeihilfe dauerhaft bestehen bleibt, sieht die Akademie den Arzt in einem schwer lösbaren Konflikt gegenüber seiner Aufgabe, da die Achtung des Patientenwillens „grundlegend für die Arzt-Patienten-Beziehung“ ist. Im Unterschied zu der Richtlinie von 1995 sagt die Akademie nun: „Diese Dilemmasituation erfordert eine persönliche Gewissensentscheidung des Arztes. Die Entscheidung, im Einzelfall Beihilfe zum Suizid zu leisten, ist als solche zu respektieren. In jedem Fall hat der Arzt das Recht, Suizidbeihilfe abzulehnen.“ 38 Darüber hinaus wird abschließend nochmals betont, die Tötung eines Patienten sei „vom Arzt auch bei ernsthaftem und eindringlichem Verlangen abzulehnen“ und nach Art. 114 StGB strafbar. 34 http://www.bundesaerztekammer.de (Zugriff 25.06.2014) 35 Insofern ist die Aussage der EKD-Orientierungshilfe nicht zutreffend, „die Ärzteschaft selbst (habe), folgt man den Verlautbarungen ihrer offiziellen Vertretungen, die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung bislang kategorisch abgelehnt“ (Wenn Menschen sterben wollen. EKD-Texte 97, 2008, S. 31). 36 Urban Wiesing: Hilfe zulassen! Gegen das geplante Verbot von organisierter Sterbehilfe: Ein Plädoyer für die reglementierte Freigabe. In: DIE ZEIT Nr. 16 vom 10. April 2014, S. 38. 37 Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften: Betreuung von Patientinnen und Patienten am Lebensende; zum Folgenden Abs. 4.1, Seite 9. 38 Ebd. 26 27

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