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Stellungnahme: Beihilfe zum Suizid in ethischer Bewertung

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Zum anderen fällt die

Zum anderen fällt die Trennung von kommerzieller und nicht kommerzieller Sterbehilfe schwer. Ärzte z.B. handeln nach eigenem Selbstverständnis nicht „gewerblich“. Ist ihr Tun demnach unter „nicht kommerziellem Handeln“ einzuordnen, auch wenn sie die Beihilfe zum Suizid gegen Geld leisten? Auf Grund dieser Schwierigkeiten sollte geprüft werden, ob auf das Instrument des Strafrechts verzichtet werden und stattdessen eine Regelung auf der Ebene des Verwaltungsrechts gefunden werden kann. Das Ethikkomitee schlägt vor, rechtlich zu klären, ob verwaltungsrechtliche Regelungen ausreichen würden, die beispielsweise Bußgelder für organisierte Suizidunterstützer vorsehen. Dies wäre dann als „Verwaltungsunrecht“ einzustufen. Danach müsste über einen Verbotstatbestand und ein Zulassungsverfahren für nicht-gewerbliche Sterbehilfeorganisationen nachgedacht werden. 3.2.2 Anthropologischer Hintergrund des Suizids Psychiatrische Forschungen belegen, dass die meisten der etwa 10 000 Personen, die sich in Deutschland jedes Jahr das Leben nehmen, nicht schwer krank sind, sondern sich in einer Situation befinden, aus der man ihnen heraushelfen könnte. 21 Es sind Gefühle der (Zukunfts-)Angst, der Verzweiflung und der Ausweglosigkeit, die hinter ihrer Suizidabsicht stecken. Dabei wächst die Bereitschaft zum Suizid im Alter: „Jede zweite Frau, die sich in Deutschland umbringt, ist über 60 Jahre alt. Die Suizidraten alter Männer übersteigen die mittlere Suizidrate in der Bevölkerung, mit zunehmenden Alter ansteigend, um das bis zu Fünffache.“ 22 Das deutsche „Nationale Suizidpräventionsprogramm“ hat im September 2012 folgende Zahlen veröffentlicht: In Deutschland haben sich im Jahr 2010 knapp 7500 Männer und etwas mehr als 2500 Frauen das Leben genommen. Zum ersten Mal seit Jahren sei damit die Zahl der Suizide wieder angestiegen (…). Knapp dreimal mehr Menschen 21 Felicitas Kock: „Günter Jauch“ über Sterbehilfe. TV-Kritik. In: Süddeutsche Zeitung, 20. Januar 2014. 22 Astrid Söthe-Röck: Interview mit PD Dr. Reinhard Lindner am 28. September 2010. Therapie- Zentrum für Suizidgefährdete, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. seien 2010 durch Suizide als durch Verkehrsunfälle gestorben(…) 23 . Drei Details aus der Presseerklärung des Programms geben besonders zu denken: (1) 80 bis 90% der Suizidopfer seien psychisch krank gewesen und hätten keine Hoffnung mehr gehabt, ihre Situation ändern zu können. (2) Während die meisten Suizidversuche von jungen Frauen vorgenommen würden, gebe es den vollendeten Suizid meist bei alten Menschen. Bei Frauen etwa werde – wie oben erwähnt – jeder zweite Suizid durch eine über 60-Jährige verübt. (3) Besonders hoch liegt die Suizidrate in Deutschland bei jungen türkischen Frauen – fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen einheimischen Frauen, belegen Zahlen aus dem St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Die starke Zunahme der Beihilfe zum Suizid, die in der Gegenwart zu beobachten ist, bedarf einer Erklärung. Sie ist möglicherweise begründet in dem in unserer Gesellschaft vorherrschenden Menschenbild, das eine Selbstoptimierung des Menschen verlangt. Wir fühlen uns verpflichtet, besonders die letzte Phase unseres Lebens, die dem eigenen Zugriff partiell entzogen ist, optimal zu gestalten. Das macht verständlich, weshalb einerseits die Hospizbewegung, andererseits aber auch Patientenverfügungen und Organisationen der Sterbehilfe verstärkt Resonanz finden. Für Träger von Einrichtungen für Menschen, die nur eingeschränkt zur Selbstbestimmung fähig sind, ergibt sich daraus das Problem, dass sie ihren Klienten – ob Demenzkranken, psychisch kranken Menschen oder Menschen mit geistiger Behinderung – nicht oder nur sehr begrenzt dabei helfen können, diese kontrollierte Optimierung ihrer letzten Lebensphase vorzunehmen. Für Gesellschaften und Mitarbeiter der Stiftung Liebenau kann dies einen Impuls zu noch stärkerer Skepsis gegenüber der Suizidbeihilfe bedeuten. 3.2.3 Die Frage eines „gesellschaftlichen Drucks“ auf Schwerkranke Kontrovers diskutiert wird in der Öffentlichkeit die Frage, ob durch das Angebot organisierter Sterbehilfe ein Druck auf Schwerkranke entstehen kann, Suizid zu begehen. Zunächst zeigt die Erfahrung aus der Pflegepraxis, dass der Wunsch nach 23 http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51571/Zahl-der-Suizidtoten-angestiegen (Zugriff 26.06.2014) 20 21

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