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Stellungnahme: Beihilfe zum Suizid in ethischer Bewertung

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3 Ethische Abwägungen

3 Ethische Abwägungen 3.1 Die ethische Bewertung des Suizids Für die christliche Ethik – oder vorsichtiger gesagt: für die meisten Konzepte christlicher Ethik – ist es von ihrer Tradition her schwierig, den Suizid als eine legitime Entscheidung der menschlichen Freiheit anzuerkennen. Dazu ist in Kap. 3.4, wenn von den Trägern christlicher Heime zu handeln ist, mehr zu sagen. In den folgenden Kapiteln 3.2 und 3.3. geht es um die Bewertung des Suizids in weltanschaulich pluralen staatlichen Rechtsordnungen. Sie äußern sich zur ethischen Legitimität des Suizids nicht; diese Bewertung bleibt dem Einzelnen überlassen. Im Zeitalter des Humanismus, also ab dem 14. Jahrhundert, beginnt die Philosophie sich an der vorchristlichen Antike zu orientieren, z.B. an Seneca (ca. 1-65 n.Chr.), der in seinem 70. Brief schreibt: „Finden wirst du auch Lehrer der Philosophie, die bestreiten, man dürfe Gewalt antun dem eigenen Leben, und es für Gotteslästerung erklären, selbst sein eigener Mörder zu werden: warten müsse man auf das Ende, das die Natur bestimmt hat. Wer das sagt, sieht nicht, dass er den Weg zur Freiheit verschließt.“ 18 Michel de Montaigne (1533-1592), ein Vertreter des französischen Humanismus, greift solche Gedanken auf und tritt im Blick auf die Selbsttötung für die Autonomie des Menschen ein. Die Philosophie der Aufklärung im 18. Jahrhundert thematisiert den Suizid dann systematischer. David Hume (1711-1776) schließt in seiner nachgelassenen kleinen Abhandlung „Über den Selbstmord“ den Suizid aus der Reihe der Vergehen gegen den göttlichen Willen aus; er verletze auch nicht unsere Pflichten gegen die Gesellschaft oder gegen uns selbst. Aus der Bibel, so Hume, lasse sich kein explizites Zeugnis gegen die Selbsttötung gewinnen. Ganz anders als Hume argumentiert Immanuel Kant (1724-1804), der dem Menschen als moralischem Wesen auch Pflichten gegen sich selbst zuschreibt. In der Respektierung seiner Pflichten respektiere der Mensch die 18 L. Annaeus Seneca: Philosophische Schriften, Bd. 3 und 4. An Lucilius. Briefe über Ethik. M. Rosenbach (Hg.). Lateinisch und Deutsch. Darmstadt 1974 und 1984, Brief 70, S. 3–19, hier S. 11. ganze Menschheit. „Das Subjekt der Sittlichkeit in seiner eigenen Person zernichten (sic!), ist eben so viel, als die Sittlichkeit selbst ihrer Existenz nach (…) aus der Welt vertilgen.“ 19 Daher ist die „Selbstentleibung“ für Kant „ein Verbrechen“. Dies sind nur wenige ausgewählte Stationen der geschichtlichen Entwicklung, die exemplarisch die konträren Bewertungen des Suizids illustrieren. Dieser Gegensatz lässt sich heute systematisch so fassen, dass moderne Gesellschaften ähnlich wie Kant von einem Recht des Individuums auf Selbstbestimmung ausgehen, im Unterschied zu diesem aber nicht mehr von „Pflichten des Menschen gegen sich selbst“ sprechen. Dies hat dazu geführt, dass heute in den Rechtsordnungen pluraler Gesellschaften die persönliche Autonomie des Individuums über seinen Entschluss zum Suizid und den Vollzug dieser Tat respektiert wird. So geht etwa die Nationale Ethikkommission der Schweiz in ihrer Stellungnahme zur Suizidbeihilfe davon aus, „dass sie sich zur ethischen Legitimität des Suizides (…) im Grundsatz nicht zu äussern hat: Das Urteil über die Legitimität des Suizides ist und bleibt dem Individuum anheim gestellt.“ 20 Dies schließt nicht aus, dass dem Staat von der Verfassung die Aufgabe auferlegt wird, für den Schutz des Lebens seiner Bürger Sorge zu tragen, bis hin zu Maßnahmen der Suizidprävention, die er ergreift. 3.2 Gesellschaftliche Problemstellungen 3.2.1 Verwaltungsrechtliche versus strafrechtliche Regelung Gemäß der Ankündigung von Minister Gröhe soll der geplante § 217 StGB einerseits private Beihilfe zum Suizid weiterhin erlauben, organisierte Hilfe zur Selbsttötung jedoch unter Strafe stellen. Diese Grenzziehung erscheint zum einen problematisch, wenn gefragt wird, ob eine Tat, die dem einzelnen erlaubt ist, plötzlich strafbar sein kann, wenn eine Organisation sie begeht. 19 Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. In: Werke in zehn Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel. Sonderausg. Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt 1981, Band 7, 309-634, hier 554f. 20 Nationale Ethikkommission der Schweiz im Bereich Humanmedizin: Stellungnahme Nr. 9/2005 „Beihilfe zum Suizid“, 47. 18 19

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