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LAWerleben - 2/2022

Liebenauer Arbeitswelten

Liebenauer Arbeitswelten Geduld ist seine Stärke TEXT UND FOTO: CLAUDIA WÖRNER Tobias Nüßle hat im Haus der Pflege St. Josef in Meckenbeuren-Brochenzell seinen Wunscharbeitsplatz gefunden. Der 24-Jährige gehört trotz seines Handicaps selbstverständlich zum Betreuungsteam rund um die Seniorinnen und Senioren. Dank seines betriebsintegrierten Arbeitsplatzes, der formal einem Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM) entspricht, kann er den Bewohnern ein wertvolles Plus an Zeit schenken. Unterstützt wird Tobias Nüßle vom Jobcoaching der Stiftung Liebenau. Tobias Nüßle hat Geduld, viel Geduld. Genau diese Eigenschaft gepaart mit Einfühlungsvermögen und Ausdauer sind Schlüsseleigenschaften für seine Arbeit im Haus der Pflege St. Josef. Er hilft, das Frühstück, Mittagessen und Nachmittagskaffee für die Bewohner zu richten, deckt Tische, schenkt Getränke ein und serviert individuell vorbereitete Teller. Braucht jemand Unterstützung, setzt sich Tobias Nüßle am Tisch dazu und gibt das Essen ein. „Von seiner Geduld profitieren insbesondere Bewohner, die langsamer essen“, berichtet Pflegedienstleiter Georg Schlegel. Nicht zuletzt sei der Frühstücksdienst durch den jungen Mann entlastet. Einfach mal die Hand halten Tobias Nüßle ist kein großer Freund vieler Worte. „Ich glaube, die älteren Menschen freuen sich, wenn jemand für sie Zeit hat“, schätzt er seine Arbeit ein. Viel Freude bereite ihm nicht nur die Eingabe des Essens. Er sei auch gern bei den Bewohnern, die nicht mehr aufstehen und ihr Zimmer verlassen können. Georg Schlegel weiß, dass sein Mitarbeiter manchmal einfach am Bett sitzt, die Hand hält und mit den Senioren spricht. „Alles gut, ich bin ja da“, sei so ein Satz, mit Er schenkt ein wertvolles Plus an Zeit: Im Haus der Pflege St. Josef hat Tobias Nüßle einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz. dem Tobias Nüßle Nähe schaffe und Vertrauen schenke. „Ich glaube, das Wort Ungeduld kennt Tobias gar nicht“, sagt Schlegel. In der Altenpflege am richtigen Ort Nach seiner Schulzeit hatte sich Tobias Nüßle für den ambulanten Berufsbildungsbereich (BBB) der Liebenauer Arbeitswelten entschieden und probierte sich an drei bis vier Tagen pro Woche in einem Praktikum in der Altenhilfe aus. Begleitet wurde er von Sybille John, Jobcoach der Liebenauer Arbeitswelten. An den anderen Tagen besuchte er den Unterricht im BBB in Liebenau im Bereich Hauswirtschaft. „Bereits während 12 2|2022

Liebenauer Arbeitswelten | Werkstattrat und Frauenbeauftragte seines ersten Praktikums zeigte sich, dass Tobias Nüßle in der Altenpflege am richtigen Ort ist“, sagt John. Statt weitere Praktika in anderen Betrieben zu absolvieren, blieb er die kompletten zweieinhalb Jahre bis zu seinem BBB-Abschluss im Haus der Pflege St. Josef und damit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. „Der Übergang zum betriebsintegrierten Arbeitsplatz war im Dezember vergangenen Jahres nur eine Formsache.“ Jobcoach als Ansprechpartner Zur Arbeit kommt der junge Mann, der bei seinen Eltern auf dem Obsthof in Raderach lebt, mit dem Fahrdienst der Malteser. „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre er mit mehrmaligem Umsteigen bis zu zwei Stunden unterwegs“, erläutert Sibylle John. Alle zwei Wochen trifft sie sich mit ihm vor Ort in Brochenzell, um anstehende Dinge zu besprechen. Ansprechpartnerin ist sie als Jobcoach gleichzeitig für den Arbeitgeber. „Tobias braucht seinen Bereich und seine gewohnten Abläufe. Das gibt ihm Sicherheit“, weiß Sibylle John. Auch arbeitsplatzbezogene Schulungen wie beispielsweise der Umgang mit Menschen mit Demenz, mit Schluckbeschwerden oder mit dem Desinfektionsschutzgesetz gehören zu ihren Aufgaben. Dies entlastet wiederum den Arbeitgeber. Auch die gute Zusammenarbeit mit Tobias Nüßles Eltern wird sowohl von Sibylle John als auch von Georg Schlegel sehr geschätzt. „Es ist gut, wenn Menschen wie er so ein Team um sich haben“, sagt Schlegel. Musik ist sein Hobby Musik spielt im Leben von Tobias Nüßle eine wichtige Rolle. Im Orchester der Friedrichshafener Tannenhag- Schule spielt er Tenorhorn und Saxofon. Außerdem beherrscht er das Akkordeon und die Klarinette. Vor der Coronapandemie hat er hin und wieder eines seiner Instrumente mit ins Haus der Pflege gebracht, um den Bewohnern eine musikalische Freude zu schenken. „Ich bin froh, wenn ich bald mal wieder mein Tenorhorn mitbringen kann“, blickt er optimistisch in die Zukunft. Hilfe holen ist kein Petzen TEXT: ANNA HÄUSSLER FOTO: STEFANIE FEILER Die Frauenbeauftragten der Liebenauer Arbeitswelten und deren Vertrauenspersonen durften Ende April an einem Termin mit der Fachberatungsstelle Morgenrot teilnehmen. Morgenrot ist eine Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zu 20 Jahren, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden. Die Zuständigkeit erstreckt sich über den gesamten Bodenseekreis. Iris Gerster, die Morgenrot 2016 ins Leben gerufen hat, machte den Zuhörerinnen verständlich, dass von sexualisierter Gewalt dann gesprochen werden kann, wenn eine Person sich unwohl fühlt, weil eine andere Person ihr zu nahe kommt. Mit dem Satz „Hilfe holen ist kein Petzen“ machte sie deutlich, dass Betroffene sich zu jeder Zeit Hilfe holen dürfen und auch sollen. Ihre Besucherinnen waren sichtlich interessiert an dem Austausch und hoffen auf weitere Zusammenarbeit. Auch wenn die Beratungsstelle nicht zuständig für Betroffene innerhalb der Liebenauer Arbeitswelten ist, könnten sie sich immer melden, so Gerster. Eventuell werden sie an den Verein „Frauen helfen Frauen“ weitervermittelt. Die Frauenbeauftragten der Liebenauer Arbeitswelten erhielten Einblick in die Arbeit der Fachberatungsstelle Morgenrot. 2|2022 13

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