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Jahresbericht 2020 der Stiftung Liebenau

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dazu. Es kommen noch

dazu. Es kommen noch ähnliche Äußerungen und schließlich stimmen alle dem Satz des Ethikers zu: „Herr F. hat trotz seines starken Autonomiestrebens eine eingeschränkte Autonomiefähigkeit.” ihm das Gefühl der Selbstbestimmung vermitteln. Wenn er mal schimpft, müssen wir das eben aushalten. Ich hab´ dazu keine Kraft mehr”, sagt der Bezugsbegleiter. Der Ethiker hält alles am Flipchart fest. Zum Autonomieprinzip gehört auch die Frage nach den konkreten Wünschen von Herrn F. „Was wünscht er sich noch im Alltag? Wie stellt er sich seine Zukunft vor?”, fragt der Ethiker. „Äußert er manchmal eine Sehnsucht nach mehr Ordnung?” „Das Wichtigste für Herrn F. ist, dass er wahrgenommen wird. Er braucht sehr viel Anerkennung.”, antwortet der Bezugsbegleiter. Die gesetzliche Betreuerin meint: „Wenn ich mit ihm verhandle, muss ich ihm das Gefühl geben, dass er gewinnt. Er braucht das Gefühl von Macht. Außerdem will er finanzielle Sicherheit.” „Er will selbstbestimmt leben”, sagt der Psychologe. „Er sagt, wie schön die Wohnung seiner Exfreundin sei”, berichtet der Bezugsbegleiter. Das Gremium sammelt noch weitere „Autonomie- Objekte”, die der Ethiker am Flipchart mitschreibt. Das zweite Prinzip ist das Nichtschadensprinzip: „Was schadet Herrn F.?”, fragt der Ethiker in die verblüffte Runde und konkretisiert: „Wo leidet er körperlich oder psychisch? Hat er Schmerzen?” „Der Hautpilz ist ihm unangenehm und bereitet ihm Schmerzen”, sagt die Hausärztin. „Er leidet emotional, wenn die Katzen nicht da sind oder wenn er tote Tiere auf der Straße findet”, so der Fachdienst. Am schlimmsten seien die Verlustängste, darüber sind sich alle einig. Da die Zeit fliegt und das belastende Dilemma zwischen Autonomie und Fürsorge offensichtlich geworden ist, bleibt das Gerechtigkeitsprinzip in dieser Runde außen vor. Wege aus dem Dilemma „Wenn Sie die Flipcharts zum Autonomie-, Nichtschadensund Fürsorgeprinzip bei Herrn F. anschauen”, beginnt der Ethiker, „welches Prinzip ist besonders wichtig? Was sollte unbedingt in Handlungsoptionen berücksichtigt werden?” Es meldet sich die Leitung: „Herr F. wird sich nicht einfach ändern. Das Fürsorgeprinzip, also Empathie, Aushalten, respektvolle Konfrontation, und die Tatsache, dass mein Mitarbeiter keine Kraft mehr für Herrn F. hat, bringt mich zu der Überlegung, die Bezugsbegleitung zu wechseln.” Der aktuelle Bezugsbegleiter wirkt erleichtert. „Wie könnte das genau passieren?”, fragt der Ethiker. „Ich werde mit meinen Mitarbeitenden sprechen, wer bereit ist, die Begleitung von Herrn F. zu übernehmen.” „Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für Herrn F.: Was benötigt er aus medizinischer, pflegerischer und pädagogischer Sicht?”, leitet der Ethiker zum Fürsorgeprinzip über. „Er braucht mehr Bewegung!”, kommt es sofort von der Hausärztin. „Eine Psychotherapie seiner Verlustängste”, so der Psychologe. „Respektvolle Konfrontation mit seinen eigenen Grenzen”, meint der Fachdienst. „Alle um ihn herum sollten noch empathischer auf ihn eingehen und 38 Schwerpunkt

„Sehen Sie noch andere Handlungsoptionen?”, so der Ethiker in die Runde. „Herr F. mag Tiere und braucht Bewegung. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, das nahe Tierheim einzubeziehen, indem Herr F. zum Beispiel mit Hunden Gassi geht. So hätte er mehr Bewegung.” Die Idee finden alle gut und die Bezugsbegleitung wird Kontakt zum Tierheim aufnehmen. Die Hausärztin schlägt vor, Herrn F. eine Reha schmackhaft zu machen: „Urlaub mit Freizeitund Sportangeboten.” „Um einmal wieder Ordnung in die Wohnung zu bringen, könnte auch eine Grundrenovierung notwendig werden.”, meint schließlich die Leitung mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich könnte mich mit einer externen Gutachterin bei Herrn F. anmelden.” Gelungene Hilfe zur Selbsthilfe In der Abschlussrunde ist allen die Erleichterung darüber anzumerken, dass sich konkrete Handlungsoptionen entwickelt haben: „Es war gut, die Situation um und mit Herrn F. von allen Seiten anzuschauen”, bedankt sich die gesetzliche Betreuerin. „Vielen Dank für Ihre rege Beteiligung. Sie bekommen ein Protokoll dieser EFB, das Sie ergänzen dürfen.” Der Ethiker fährt in sein Büro mit dem guten Gefühl, einem Team zur Selbsthilfe verholfen zu haben. (bp) Schwerpunkt 39

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