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Jahresbericht 2019 der Stiftung Liebenau

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stand Erwin Maier davon, seinen Zöglingen mit der Arbeitserziehung „später zu ermöglichen, mit ehrlicher Handarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.” In einer Zeit, die weder einen Zweiten Arbeitsmarkt noch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kennt, ein äußerst fortschrittlicher Ansatz, der auf die Autonomie der Betreuten zielte. Auch didaktisch und pädagogisch bewegt sich Schulvorstand Erwin Maier auf der Höhe der Zeit oder ist ihr bereits voraus: Neben sechs erzieherisch ausgebildeten Ordensschwestern aus Reute unterrichten drei staatlich geprüfte Lehrkräfte in St. Gertrudis. Mit der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 erfahren die Erziehungsgrundsätze im Deutschen Reich und damit auch in Rosenharz eine völkisch-nationale „Neuorientierung”. „Die Schule wird auch weiterhin bestrebt sein, ihre Schüler streng national im Sinne des Führers zu erziehen zum selbstlosen Dienst an Volk und Vaterland”, heißt es in einem Schwesternbericht aus dieser Zeit. Von der Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens ist da bereits keine Rede mehr. Schlimmer noch. 27 Kinder mit Behinderungen aus Rosenharz überleben die Diktatur der Nationalsozialisten nicht, sie werden 1940 in den Gaskammern von Grafeneck ermordet. Das Landerziehungsheim wird 1941 zur Lungenheilstätte der Wehrmacht umfunktioniert, die verbliebenen Kinder verlegt man in nahegelegene Pfleganstalten, ein Großteil der Schulkinder kommt nach Liebenau. Erst 1953 findet hier jedoch wieder ein geregelter Schulbetrieb statt, wo 111 Schulkinder von vier Ordensschwestern unterrichtet wurden. Bis die Unterstützung zu einem möglichst selbstbestimmten Leben wieder in den Mittelpunkt der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen rückt, dauert es weitere 15 Jahre. „Bis 1968 war für unsere Arbeit die medizinisch-pflegerische Grundversorgung bestimmend”, berichtet der ehemalige Direktor Monsignore Dr. h. c. Norbert Huber in einer biografischen Begegnung mit der Autorin Heike Schiller. Monsignore Huber ist es auch, der die Zeit für den Wandel nicht nur erkennt, sondern auch zu gestalten weiß. Dem Fachkräftemangel begegnet er mit Konzepten zur Schaffung von bedarfsorientierten Ausbildungsangeboten für Heilerziehungshelfer, die der damalige Arbeitsmarkt schlicht nicht hergegeben hat. Ab 1969 werden in der 46 Schwerpunkt

Stiftung Liebenau die ersten Schulungen organisiert und durchgeführt, zwei Jahre später münden die Bemühungen Hubers in der Gründung des heutigen Institut für Sozialpädagogische Berufe in Ravensburg. In diese Zeit des Aufbruchs, zu Anfang der 1970er Jahre, fällt auch das „Aktionsprogramm berufliche Rehabilitation”, das eine sozialpolitische Wende in der Bundesrepublik einleitet. Mit dem Bau des Kinderdorfes Hegenberg finden die Reformen des Sonderschulwesens und neue Ideen für Wohnkonzepte mit familiärer Atmosphäre auch architektonische Berücksichtigung. Die Form folgt der Funktion, das Behinderten- Heim wird zum Lebensraum für Kinder und Jugendliche mit geistigen und Lernbehinderungen. In der angeschlossenen Don-Bosco-Schule bietet sich eine Vielzahl pädagogischer Fördermöglichkeiten, die bereits Begegnungen im inklusiven Rahmen ermöglichen und den Unterricht durch kreative Angebote wie Theater-, Tanz- und Sportaktivitäten ergänzen. Einzig die beruflichen Perspektiven nach der Schulentlassung lassen noch zu wünschen übrig, denn ein Zugang zu betrieblichen Ausbildungsplätzen ist für die Klientel im System bis dahin noch nicht vorgesehen. Das ändert sich aber schon 1977, als die Pläne für das Berufsbildungswerk in Ravensburg ihren Weg aus den Schubladen auf die Schreibtische der politischen Entscheider finden. Die Idee, jungen Menschen mit Lernbehinderungen in außerbetrieblichen Lernorten, bei entsprechender pädagogischer Unterstützung eine systematische Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, kommt damals aus Dänemark nach Deutschland. Die Zeit ist aber auch hier bereits überreif, wie Dr. Karl-Heinz Dieterich, der erste Geschäftsführer des Berufsbildungswerks Adolf Aich, später in einem Interview erläutert. Nicht unerheblich für dieses gesellschaftliche Umdenken ist dabei auch die Last der Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus. „Die Gesellschaft hat die Chance gesehen, zu beweisen, dass wir mit diesen Menschen auch anders umgehen können”, sagt Dieterich anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Berufsbildungswerks im Jahr 2006. Diese Chance wird in der Stiftung Liebenau in den Folgejahren ganz konsequent genutzt. Können sich bei der Eröffnung des BBWs 1982 noch 242 junge Menschen in acht Ausbildungsgängen bewähren, sind es heutzutage mehr als 700 in 55 anerkannten Ausbildungsberufen, die von einem multiprofessionellen Team aus 500 Fachkräften aus Handwerk, Technik, Pädagogik, Sozialarbeit, Medizin, Psychologie und Heilpädagogik betreut werden. 1998 kommt mit dem Regionalen Ausbildungszentrum Ulm eine weitere Standortkommune hinzu. Zur Don-Bosco-Schule, heute Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, gehören aktuell neun Standorte mit mehr als 200 Schülern, die intensive Zusammenarbeit mit Regelschulen im Umfeld pflegen und mit zahlreichen Gemeinden kooperieren. Das ehemalige Kinder- und Jugenddorf Hegenberg wird gerade zu einem pädagogisch-therapeutischen Kompetenzzentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weiterentwickelt, das zukünftig Teil eines inklusiven und dezentral organisierten Systems sein wird. (dk) Schwerpunkt 47

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