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Jahresbericht 2018 der Stiftung Liebenau

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Der Prozess

Der Prozess der Ablösung betrifft die ganze Familie. aufgaben des Kindesalters noch nicht bewältigt. So führt der hormonell ausgelöste Pubertätsschub dann manchmal zu einer vollkommenen Dekompensation mit heftigen körperlichen und emotionalen Reaktionen. Aggressive Impulse können nicht kontrolliert werden; Selbstverletzungen, fremd- und sachaggressives Verhalten sind die Folge. Die anstehenden Entwicklungsaufgaben können nur teilweise bewältigt werden. So können die Erfahrungen dann nicht in ein positives Selbstbild integriert werden. Die Identitätsfindung bleibt somit oft lückenhaft, woraus dann ein meist negatives oder ein überzogenes Selbstbild resultiert. Die spannende Erfahrung des „Andersseins als die Alten” ist oft belastet durch eine oft schon früh beginnende Erfahrung, als Mensch mit einer Behinderung eh „anders” zu sein. Und oft heißt dieses Anderssein, nicht so gut zu sein wie die anderen. Die meisten Jugendlichen mit Behinderungen leiden daher an großen Selbstwertproblemen. Betroffene Kinder haben oft eine jahrelange Förder- und Unterstützungsgeschichte hinter sich. Und so sinnvoll und notwendig Förderung auch ist, sie hat einen Preis: Die meisten Kinder spüren sehr wohl, ob sie von allein über die Ziellinie gekommen sind oder darüber geschoben wurden. So ist jede Förderung auch mit einem möglichen Selbstwertverlust verbunden. Als Jugendliche geraten viele Betroffene dann in Selbstwertkrisen, verstärkt dadurch, dass ihre Kritikfähigkeit zunimmt, die Fähigkeit zur Selbstreflexion jedoch eingeschränkt ist. Die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten und Beeinträchtigungen stößt jetzt auch hart an die Grenzen der eigenen Idealvorstellungen. Dieser Konflikt ist für viele Jugendliche das „Einfallstor” für neurotische oder manchmal auch psychotische Konflikte. Zur Krisenbewältigung brauchen sie medizinische, therapeutische und pädagogische Unterstützung und Begleitung. Ziel dieser Begleitung ist, die Identitätsentwicklung zu fördern und die Beeinträchtigungen dabei nicht in den Vordergrund zu stellen. Jugendliche mit Behinderungen müssen genauso Erfahrungen machen, Beziehungen entwickeln und die Gesellschaft kritisch prüfen können. Sie sind dabei aber mehr auf Unterstützung und Begleitung angewiesen. Und das in der Pubertät – ein Grundkonflikt. Eltern können diesen Konflikt nicht lösen. Die Jugendlichen brauchen jetzt viel Begleitung und Anleitung von Personen außerhalb des Familienverbands. Die Peer-Group als Bezugsgruppe und Kumpel im Alltag rücken in den Mittelpunkt. Jugendlichen mit einer kognitiven Behinderung fällt die Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen viel schwerer. Sie können bei den anderen meist nicht mithalten. Aufgrund ihrer Behinderung können sie oft die jugendtypischen Medien und Kommunikationsstrukturen nicht verstehen oder bedienen. Hilflose, unbedarfte und manchmal auch naive Kontaktversuche machen sie zu leichten Mobbing-Opfern oder sie werden von Jugendlichen, die sie für ihre Freunde halten, ausgenutzt. Eine Gruppe mit ähnlichen Erfahrungen und Möglichkeiten muss daher für Jugendliche mit Behinderungen meist von außen organisiert werden. Die Erfahrungsprozesse müssen an die Möglichkeiten angepasst werden. Bezugspersonen müssen die Aktivitäten und Auseinandersetzungen in der Gruppe aufgrund der verzögerten emotionalen Entwicklung noch begleiten. Ein weiterer Baustein des Jugendalters ist die Entwicklung von Individualität und Autonomie. Jugendliche beginnen sich zu verselbstständigen und mehr Eigenständigkeit zu entwickeln. Diese Entwicklungen geraten in ein Spannungsfeld mit Bindungsbedürfnissen und führen zu Ablösungskrisen. Viele Jugendliche mit Behinderungen befinden sich auf der emotionalen Entwicklungsstufe eines Kleinkindes oder Grundschulkindes. Ablösung heißt dann, Distanz zu den noch so wichtigen Bezugspersonen aufzubauen. Diese Entwicklungsaufgabe überfordert sie, und es entwickeln sich Trennungsängste. Ablösung ist aber nicht nur eine individuelle Entwicklungsaufgabe des Jugendlichen, sondern 38 Schwerpunkt

ein Prozess, der die ganze Familie betrifft. Familien mit einem Kind mit Behinderungen haben es dabei nicht leicht. Oft sind die Familien in ihrer Fürsorge über ihre Belastbarkeitsgrenzen gegangen, viele Elternbeziehungen haben diese Strapazen nicht „überlebt” und Eltern haben sich getrennt. Als Alleinerziehende sind sie im Alltag dann zusätzlich belastet. Viele Eltern stellen sich jetzt die Frage, ob es gut ist, wenn ihr Kind weiterhin in der Familie bleibt. Es braucht zwar einerseits oft noch Unterstützung wie ein Vorschulkind, rebelliert aber andererseits mit aller Kraft eines Jugendlichen gegen die elterlichen Regeln und Grenzen. Eltern überlegen dann, ob sich ihr Kind in dieser Phase nicht besser im Zusammenleben mit einer Peer-Group und entsprechender pädagogischen Unterstützung und Begleitung entwickeln kann und sollte. Einfach ist diese Entscheidung nicht. Oft hat sich durch den langjährigen Unterstützungsbedarf eine tiefe, fast symbiotische Verbundenheit zwischen Eltern und Kind eingestellt. Die in der Entwicklung üblichen Prozesse der Individuation, angeheizt durch Trotz und Opposition, schaffen meist nur Irritation. So gelingt keine Abgrenzung im Positiven. Die Eltern und der Jugendliche sind weiter symbiotisch verbunden, die Irritationen schnüren die Verbindung meist noch enger. Bei Kindern und Eltern besteht noch wenig Erfahrung mit dem Distanzbedürfnis. Eltern, Geschwister und die Jugendlichen selbst geraten in oft heftige Konflikte, mit Trennungsschmerz, Trennungsängsten, Schuldgefühlen und Einsamkeitsgefühlen. Damit die Entwicklung nicht ins Stocken gerät und neben den Schwierigkeiten auch die Möglichkeiten in den Blick geraten, können Fachleute die Eltern und Jugendlichen in diesem Entscheidungsprozess unterstützen und begleiten. Durch die Hinzunahme professioneller Hilfe wird das System erweitert. Das schafft Freiräume, erweitert den Blickwinkel und schafft so die Chance zur Veränderung. Schwerpunkt 39

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