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Jahresbericht 2017 der Stiftung Liebenau

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„Ohne faire Entgelte

„Ohne faire Entgelte und ein übergeordnetes Wertegerüst verkommt das Soziale zur Technokratie. Und ohne Vertrauen und Menschlichkeit werden Systeme nur bedient – und es wird in zwei Welten gelebt: der dokumentierten und der realen.” Thema beim Abschluss des aktuellen Rahmenvertrages der deutschen Berufsbildungswerke mit der Bundesagentur für Arbeit. Dabei wurden mehrere Indikatoren vereinbart, um Transparenz und Vergleichbarkeit zu schaffen und die tatsächliche Wirkung dieser Einrichtungen anhand einheitlicher Kriterien darzustellen: zum Beispiel die Integrationsquote in den allgemeinen Arbeitsmarkt, die Abbruchquote und die Prüfungserfolge. Bei Letzterem gilt: Wer die in der Regel drei- bis dreieinhalbjährige Ausbildung durchhält, schafft auch den Abschluss. So bestehen im Ravensburger Berufsbildungswerk quasi alle Prüflinge – wenn nicht im ersten Anlauf, dann spätestens bei den Wiederholungsprüfungen. Das zeigt: Das BBW macht die jungen Menschen trotz zum Teil erheblichen Beeinträchtigungen und Startschwierigkeiten – Autismus, psychische Störungen, ADHS oder soziale Benachteiligungen – fachlich fit für den Job und gibt ihnen mit dem Gesellenbrief den Schlüssel zum Arbeitsmarkt in die Hand. Und zuvor werden die Jugendlichen in ihrem Durchhaltevermögen gestärkt. Lediglich rund elf Prozent brechen ihre Ausbildung im BBW ab. Dazu kommen noch Personen, bei denen beispielsweise ein Wechsel in eine betriebliche Lehre ansteht oder medizinische oder familiäre Gründe einen Ausbildungsstopp erfordern. Im Vergleich zum freien Ausbildungsmarkt kann sich damit die Abbruchquote absolut sehen lassen. Laut DGB- Ausbildungsbericht 2017 wird deutschlandweit etwa jedes vierte Ausbildungsverhältnis vorzeitig beendet. In manchen Berufsfeldern – zum Beispiel Gastronomie – ist die Abbruchquote der BBW-Azubis sogar sehr deutlich geringer als im Branchenschnitt. Und dann? Was passiert mit den frisch gebackenen Fachkräften nach der Absolventenfeier? Auch hier hakt das BBW nach. Nicht von allen Ex-Azubis ist der Verbleib bekannt, von den meisten aber kommen Rückmeldungen. Und die liefern wichtige Daten: Etwa wie es um die Sozialrendite bestellt ist, welchen sogenannten „Social Return on Investment” (SROI), also welchen gesellschaftlichen Mehrwert, die BBW- Ausbildung generiert. Entscheidender Indikator ist hier die Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt, die die deutschen Berufsbildungswerke als „Integrationsquote” ausweisen. In Ravensburg liegt diese ein Jahr nach dem Abschluss bei rund 80 Prozent. Das heißt: Acht von zehn Absolventen, deren weiterer Werdegang bekannt ist, gehen zu diesem Zeitpunkt einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Und die Ex-Azubis, von denen man nichts weiß über ihre aktuelle berufliche Situation? Selbst wenn unter ihnen der Anteil Arbeitsloser höher sein sollte, wird insgesamt noch eine gute Vermittlungsquote von rund zwei Dritteln erreicht. Nimmt man zur Integrationsquote diejenigen hinzu, die beispielsweise eine Familie gründen, eine schulische Ausbildung aufgenommen haben, außerhalb des ersten Arbeitsmarktes untergekommen sind oder eine Therapie machen, ergibt sich eine sogenannte Verbleibsquote (nach einem Jahr) von über 93 Prozent. „Für die Berufsbildungswerke war es aufgrund des eigenen Anspruches wichtig, darüber hinaus weitere Kriterien zu entwickeln, die die Qualität der Arbeit, den Erfolg und die Wirksamkeit abbilden”, sagen Herbert Lüdtke und Christian Braun und verweisen auf das Managementsystem eQuass (European Quality in social ser- 50 Schwerpunkt

werden mit dem entsprechenden Werkzeug abgefragt. Und die Ergebnisse nutzen wir, um uns bedarfsgerecht weiterzuentwickeln”, erklären die Geschäftsführer. „Das berücksichtigt nicht nur die weitere Verwertbarkeit von Arbeitskräften, sondern versucht, ein ganzheitliches Denken zu fördern.” Gerade hier hätten christlich orientierte Unternehmen wie das BBW der Stiftung Liebenau einen zusätzlichen Anspruch an sich selbst, der in dem Leitwort „In unserer Mitte – Der Mensch” zum Ausdruck komme. Dazu – so betonen Christian Braun und Herbert Lüdtke – brauche es als Basis faire Entgelte und Kostensätze sowie ein übergeordnetes Wertegerüst. „Sonst verkommt das Soziale zur Technokratie. Und ohne Vertrauen und Menschlichkeit werden Systeme nur bedient – und es wird in zwei Welten gelebt: der dokumentierten und der realen.” vices). Es fördert die Unternehmensentwicklung, ist personenorientiert und berücksichtigt auch die Ethik einer Organisation, die sich an der UN-Behindertenrechtskonvention orientiert und Aspekte wie Teilhaberechte und Teilnehmerbeteiligung beinhaltet. Weitere Kategorien: die Zufriedenheit der Rehabilitanden sowie auch der zahlreichen Partnerbetriebe aus der freien Wirtschaft mit dem BBW, die Qualifikation der Mitarbeiter oder die Implementierung einer Reha-Planung und -steuerung nach der ICF-Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO. „Diese Indikatoren Zur Wirklichkeit zählen auch die Lernprozesse während der Zeit im BBW, die die jungen Menschen auch ganz unabhängig von einer beruflichen Karriere persönlich voranbringen – die aber nicht unbedingt in Zahlen messbar sind. So eignen sie sich wichtige lebenspraktische Fertigkeiten an – Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, ein solider Umgang mit Geld, soziale Kompetenzen. Sie finden sich besser in der Gesellschaft zurecht, und die Risiken von Drogensucht und Kriminalität sind geringer. Die Ausbildung hat also einen Wert an sich und wirkt identitätsstiftend. Und so lohnt sich ein Blick hinter die nackten Zahlen. „Meine Ausbilder haben mich nie aufgegeben” – „Ohne das BBW wäre ich wahrscheinlich auf die schiefe Bahn geraten” – „Hier werde ich so akzeptiert, wie ich bin”: Solche Statements aus dem Mund ehemaliger BBW-Azubis hört man immer wieder. Einzelfälle? Nein, denn auch hier gibt es Daten, die die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrer Bildungsstätte belegen. So zeigt eine ganz aktuelle Teilnehmerumfrage aus dem Jahre 2017: Die jungen Menschen, die eine Ausbildung oder Berufsvorbereitung machen, fühlen sich gut aufgehoben, wertgeschätzt, verstanden und optimal gefördert. Schwerpunkt 51

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