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Jahresbericht 2016 der Stiftung Liebenau

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Der Jahresbericht 2016 der Stiftung Liebenau informiert über die Aufgabenfelder, die Organisation und Unternehmenskennzahlen.

48 Schwerpunkt DEN

48 Schwerpunkt DEN MENSCHEN IM BLICK

ICF in der beruflichen Rehabilitation Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO erstellte „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (kurz: ICF) erweist sich als ein wirksames Instrument bei der Planung und Steuerung der beruflichen Rehabilitation – auch im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau. Einen Max Mustermann gibt es im BBW nicht. Berufsvorbereitung und Ausbildung nach Schema F auch nicht. Denn zu unterschiedlich sind hier die Schüler und Azubis, zu verschieden ihre Handicaps, zu individuell ihre Bedürfnisse. Doch wie stellt man für jeden jungen Menschen das passende Förderpaket zusammen? Wie dreht man an den richtigen Stellschrauben, um Teilhabe zu ermöglichen? Die ICF gibt allen am Reha-Prozess beteiligten Akteuren ein komplexes Instrument zur Hand, das hierbei helfen kann. Das Besondere an dieser Methode: Die ICF beschreibt anhand von bestimmten Merkmalen nicht nur die Einschränkungen einer Person, sondern richtet das Augenmerk auch auf ihre individuellen Fähigkeiten. Zudem rücken mögliche Barrieren und Ressourcen aus dem Lebensumfeld des Menschen in den Fokus. Für Dr. Stefan Thelemann, Leiter des BBW-Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung, ist das der Ausdruck eines Paradigmenwechsels, erzwinge die ICF doch eine andere Sicht auf den Menschen: „Nicht seine Behinderung und Krankheitsbilder stehen im Mittelpunkt, sondern die Wechselbeziehungen zwischen ihm und seiner Umwelt.“ Dabei werden Transparenz und Wertschätzung großgeschrieben, Stigmatisierungen vermieden. Der Mensch wird in seiner Ganzheitlichkeit betrachtet: also nicht nur als Autist, nicht nur als ADHSler. So tauchen diese Diagnosen selbst in der ICF gar nicht namentlich auf. Stattdessen werden konkrete Punkte aus dem Alltag abgefragt und zu einem bio-psychosozialen Modell zusammengefügt. Als Werkzeug dienen standardisierte Fragebögen, deren Auswertung Aufschluss gibt über Art und Umfang des Förderbedarfes. Einen Bereich im ICF-Katalog bilden die sogenannten „Körperfunktionen“ – von der Intelligenz über die Aufmerksamkeit bis hin zur körperlichen Belastbarkeit. Unter der Rubrik „Aktivitäten und Teilhabe“ werden zum Beispiel der Grad der Selbstständigkeit im Haushalt, die feinmotorischen Fähigkeiten, die sozialen Kompetenzen oder der Leistungsstand beim Lesen, Rechnen und Schreiben erfasst. Dazu beleuchtet man auch Umweltfaktoren wie die Familiensituation. Dr. Thelemann: „Die ICF ist zum einen eine Philosophie zum besseren Verständnis von Behinderung und Gesundheit und gleichzeitig ein sehr gutes Ordnungssystem zur Bewertung der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen.“ Gerade die Umwelt spielt oft eine entscheidende Rolle für Bildungserfolg und Teilhabe. Beispiel: Ein junger Azubi bekommt im Wohnheim beim ICF-Punkt Motivation eine sehr gute Bewertung, in der Schule zeigt er sich dagegen von einer völlig anderen Seite, sein Ausbildungserfolg ist gefährdet. Die ICF macht solche Differenzen gleich sichtbar und wirft die richtigen Fragen auf: Was ist im Internat anders als im Klassenzimmer? Gibt es dort vielleicht eine Überforderungssituation, oder sind personale Faktoren entscheidend? So ist seine Beziehung zu den Erziehern vielleicht gut, während – eventuell aufgrund schlechter schulischer Vorerfahrungen – das Vertrauensverhältnis zu Lehrern gestört ist. „Da geht es dann zusammen mit dem Jugendlichen gezielt auf die Suche nach Gründen, um diese Barrieren zu entdecken und auszuräumen.“ Schwerpunkt 49

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