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Jahresbericht 2013 der Stiftung Liebenau

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Der Jahresbericht der Stiftung Liebenau, der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist und der Stiftung Helios – Leben im Alter. Die drei Stiftungen sind mit insgesamt 6 000 Mitarbeitern an 90 Standorten in Deutschland, Österreich, Italien, Bulgarien und der Schweiz tätig, hauptsächlich in den Aufgabenfeldern Altenhilfe, Hilfe für Menschen mit Behinderung, Gesundheit, Bildung und Hilfen für Kinder und Jugendliche.

Gesundheit

Gesundheit Besondere Menschen – besondere Kompetenzen Dass Menschen mit Behinderungen auch psychisch erkranken können, ist für die Allgemeinheit – und für viele Ärzte – ungewöhnlich. Doch genau darauf hat sich die St. Lukas-Klinik in Liebenau spezialisiert, behinderten Menschen in psychisch schwierigen Situationen zu helfen. Für Sebastian Schlaich, Kinderund Jugendpsychiater und Chefarzt in der Spezialklinik, ist es gar zur Lebensaufgabe geworden. Als die wöchentliche Therapeutenrunde um 8.45 Uhr anfängt, hat Sebastian Schlaich schon einiges hinter sich: E-Mails checken, ein Telefonat wegen eines Betreuungsgutachtens, eine nächtliche Neuaufnahme, ein Telefonat mit der Mutter eines kleinen Patienten, einen Rundgang auf den drei Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Absprache der Tagesordnung für die Besprechung. Kurz davor möchte ein Kollege noch eine kurze Rücksprache. Dann geht es in die Therapeutenrunde: eine weitere Ärztin, ein Psychologe, zwei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, die Stationsleitungen. Sebastian Schlaich moderiert das Gespräch. Es geht um Medikamentengaben, Vertretungsregelungen aufgrund des Ausfalls einer Kollegin, Personalfragen, die demnächst anstehende Hygieneprüfung. Der Psychologe stellt eine neue Orientierungshilfe für die Anamnese von neuen Patienten vor. Hierbei wird der Unterschied zur herkömmlichen Psychiatrie besonders deutlich: Manche Standarduntersuchungen setzen einen IQ von über 70 voraus. Oftmals liegen die Patienten der St. Lukas-Klink weit darunter. Besondere Kompetenzen sind gefragt. Herausforderung Diagnose Es ist dieses Spannungsfeld aus geistiger Behinderung und psychischen Störungen, das Sebastian Schlaich reizt. Diagnosen sind häufig schwierig. Ist beispielsweise ein bestimmtes Verhalten nun die Folge einer Psychose und wie lassen sich dann die Anteile von Autismus einordnen? Dass alles möglich ist, hat der 52-Jährige während seines Berufslebens immer wieder erfahren. Und das unterscheidet ihn von herkömmlichen Kinder- und Jugendpsychiatern. Immer wieder erlebt er, dass geistig behinderte Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten auf ihre geistige Behinderung reduziert werden. Die besonderen Ansprüche an Diagnosestellung und Behandlung von Menschen mit Behinderungen würde unter Medizinern wenig beachtet. „Immer wieder erlebe ich die Fachwelt als in ihrem System hilflos“, stellt Schlaich fest. Folge ist oft keine oder nur eine wenig effektive Behandlung, zum Teil auch sehr zu Lasten der Patienten. Vorbild: früherer Arzt in St. Lukas-Klinik Sein Interesse ist Schlaich mehr oder weniger in die Wiege gelegt worden: Sein Großvater war Pfarrer und langjähriger Leiter der Diakonie Stetten. Auf ihn geht die Heilerziehungspflege als neues Berufsbild zurück. Auch sein Vater, ebenfalls Pfarrer, trat in die Fußstapfen des Vaters. Seit dem dritten Lebensjahr lebte Sebastian Schlaich daher mitten in der Einrichtung. „Ich erinnere mich an eine schöne Kindheit, wir hatten durch die Weitläufigkeit der „Anstalt“ immer viel beschützten Platz zum Spielen.“ Und eigentlich sei es für die Pfarrersfamilie ein „inklusives“ Leben gewesen, immer in Kontakt zu den Menschen, die dort betreut wurden. Schlaich bricht die Schule ab und will Heilerziehungspfleger werden. So kommt er nach Liebenau. Zunächst ins Haus Barbara 3, in dem viele autistische Jugendliche leben, er mit vielen Verhaltensauffälligkeiten in Berührung kommt, später Barbara 1, wo Schlaich auf der Pflegegruppe auch mit intensiver Pflege vertraut wird. Seine theoretische Ausbildung erhält er am Institut für Soziale Berufe in Ravensburg. Hier ist auch der damalige ärztliche Leiter der damals bereits begründeten Kinder- und Jugendpsychiatrie von Liebenau Dr. Joachim Schulz 42 G ESUNDHEIT

als Dozent tätig. „Er wusste, wovon er sprach“, bekennt Schlaich. Vom Heilerziehungspfleger zum Arzt Mit 22 Jahren ist er mit seiner Ausbildung fertig. Da beginnt er sich zu fragen, ob er seine Motivation für den Pflegeberuf, der ihm sehr viel Freude bereitete, auch noch in 20 Jahren hat. Das führt ihn in zu dem Entschluss, Arzt für Kinder und Jugendliche zu werden. Er holt berufsbegleitend sein Abitur nach und beginnt mit 27 Jahren sein Medizinstudium. Das finanziert er sich mit der Arbeit in der Lukas-Klinik selbst. Er wird Kinder- und Jugendpsychiater, arbeitet dann fünf Jahre an den Kinderkliniken in Ravensburg und Friedrichshafen, um auch die somatische Ausbildung zum Kinderund Jugendarzt zu absolvieren, und kehrt 2008 an die St. Lukas-Klinik zurück. Zunächst leitet er oberärztlich die kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung und wird 2013 Chefarzt in der St. Lukas-Klinik. Er wohnt inzwischen – wie in seiner Kindheit – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Patienten und Betreuten in der Einrichtung. Es ist, als schließe sich ein Kreis. Wertschätzung ist wichtig Was ist es, was Sebastian Schlaich hat „zurückkehren“ lassen? „Ich erlebe im Umgang mit Menschen mit Behinderung oft eine Wertschätzung und Dankbarkeit, ein gegenseitiges Sich-Ernstnehmen und Schätzen.“ Das sei für ihn auch die Basis im Umgang mit Angehörigen. „Ich lege sehr großen Wert darauf, dass die Kinder und ihre Angehörigen von den Kollegen wertgeschätzt werden. Dazu gehöre für ihn auch, zu erkennen, dass er mit seinem Team zwar vieles an Wissen einbringen kann, die Eltern ihre Kinder aber viel länger kennen und andauernd begleiten. „Ich denke, wir müssen unsere Professionalität mit Demut betrachten“, sagt er. Gleichzeitig ist jedoch für Schlaich die Professionalität eine Kraftquelle: Die Anerkennung von Fachleuten und Angehörigen für die einfühlsame und stets ganz am Patienten ausgerichtete Therapie bedeutet ihm viel. Und er weiß auch: „Wenn wir es nicht tun, wer tut es dann?“ Vater eines Autisten Dabei ist Schlaich eigentlich auch privat ein Fachmann: Eines seiner Kinder hat eine Autismusspektrumsdiagnose. Das macht ihn vielleicht noch glaubwürdiger in seiner beruflichen Rolle. Denn er hat vieles von dem erlebt, was Eltern seiner Patienten erleben. Vor ihnen sitzt dann nicht jemand, der mit Fachwissen und Berufserfahrung seinen Beruf ausübt, sondern jemand, der weiß, was hinter der Fassade des Autismus stecken kann. Der sich davon berühren lassen kann – und dann (be)handelt. Die multiprofessionellen Teams in der St. Lukas-Klinik: Kunsttherapeutin Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten Jugend- und Heimerzieher Psychologen Ärzte Krankenpfleger Ergotherapeuten Krankengymnasten Heilerziehungspfleger Heilpädagogen GESUNDHEIT 43

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