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Der Inklusions- und Konversionsprozess aus ethischer Perspektive

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II. Selbstbestimmung von

II. Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen Auch wenn viele Menschen mit Behinderungen der Liebenau Teilhabe eine rechtliche Betreuung haben, sind sie als Personen mit einem eigenen Willen ernst zu nehmen. Die Selbstbestimmung eines Menschen ist nicht abhängig von seiner Geschäftsfähigkeit. Deshalb wirbt das Ethikkomitee für einen transparenten Umwandlungsprozess, der die Entscheidungsfindung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und/oder geistiger Behinderung darüber, wie sie leben wollen, erleichtert. Es appelliert an alle Leitungspersonen, Mitarbeiterinnen und Angehörigen, immer wieder direkten Kontakt mit den Betroffenen zu suchen, um ihnen zu eigenen Entscheidungen zu verhelfen. Die folgenden Überlegungen sind als Hilfen gedacht, das Selbstbestimmungsrecht der Menschen mit Behinderungen zu stärken. a) Merkmale von Selbstbestimmung Selbstbestimmung ist begrenzt: Alle Menschen sind nur so frei in ihren Entscheidungen, wie es ihre Möglichkeiten und die ihres Lebensumfelds erlauben. Gibt es keine Alternativen, gibt es auch keine Freiheit. Die Forderung, die Selbstbestimmung des Einzelnen zu stärken, bedeutet deshalb besonders, Handlungsalternativen anzubieten und auszuloten. Selbstbestimmung ist nicht Willkür: Menschen können für ihr Entscheiden und Handeln Gründe angeben. Auch intuitive Entscheidungen („Bauchentscheidungen“) werden aus bestimmten Motiven getroffen, die beim „Nach-denken“ erkennbar werden. Ohne nachvollziehbare (Beweg-)Gründe erscheinen Entscheidungen willkürlich. b) Schritte auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung Erster Schritt: Erfahrung Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben ist ein ursprüngliches (Erfahrungs-)Wissen um die möglichen Handlungsalternativen und ihre Folgen. „Wissen“ erwerben alle Menschen im ersten Schritt durch Erfahrung und Kennenlernen von Gegebenheiten. Es geht um ein Erleben „mit Haut und Haaren“. Es geht um ein Vertraut-werden mit unbekannten Dingen. 4

Bei konkreten Veränderungen der Lebenssituation ist es deshalb wünschenswert, die betreffenden Personen frühzeitig mit dem neuen Wohnquartier in Berührung zu bringen. Das Besuchen des neuen Hauses kann genauso dazugehören wie das Erkunden der Wohngegend und des neuen Arbeitsweges, ein zeitlich begrenztes Probewohnen und das Kennenlernen neuer Mitbewohnerinnen. Zweiter Schritt: Information Nicht jede Veränderung, die durch einen Umzug eintreten wird, kann durch kurze Eindrücke vermittelt werden. Die Menschen mit Behinderungen sollten umfassend über neue Gegebenheiten des Wohnquartiers (z. B. ÖPNV- und Telekommunikations-Anbindung, Cafés, Supermärkte) und über Änderungen in der Tagesstruktur (z. B. neue Arbeitsstelle) informiert werden. Auch das, was im neuen Zuhause nicht mehr da sein wird, sollte aufgezeigt werden. Dies setzt voraus, dass die Bezugsbetreuerinnen über die neuen Begebenheiten Bescheid wissen, um die Informationen an ihre Klientinnen weitergeben zu können. Dritter Schritt: Gemeinsames Abwägen Wenn der Mensch mit Behinderung nach dem Kennenlernen nicht eindeutig eine Entscheidung trifft – also z. B. ein klares und dauerhaftes JA oder NEIN zu dem neuen Wohnquartier äußert – dann empfiehlt sich im dritten Schritt ein Gespräch mit einer vertrauten Person (z. B. Fachdienste oder Angehörige), in dem die Vor- und Nachteile eines Wohnraumwechsels zusammengetragen werden. Hilfreiche Fragen dabei können sein: Was bedeutet der Umzug für das alltägliche Leben? Welche Lebensbereiche verändern sich? Was wird schwerer oder leichter zu bewältigen? Wie bewerten die Klientinnen die Veränderungen gedanklich und gefühlsmäßig? Die Gesprächspartner sollten dabei über die Handlungsalternativen informiert sein. Ziel des Gesprächs ist es, den begründeten Willen der Menschen mit Behinderungen zu erkennen. 5

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