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Auf Kurs 02/2019

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Titelthema Eine Lösung

Titelthema Eine Lösung für jedes Problem IT-Ausbildung von jungen Asperger-Autisten im Berufsbildungswerk Beliebte Berufswahl von Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung: ein Job in der IT-Branche. Im „Lok-Center“, einer Außenstelle und Art Juniorfirma des Berufsbildungswerks in der Ravensburger Bahnstadt, finden diese jungen Menschen ein geeignetes Umfeld, um mit der nötigen Unterstützung den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen. „Die darf da eigentlich noch gar nicht sichtbar sein.“ Leander deutet auf die Mauer am Fuße eines Bergs auf seinem Bildschirm. Die virtuelle Landschaft ist Teil eines Computerspiels, das der angehende Fachinformatiker gerade im Rahmen eines Ausbildungsprojektes programmiert. Er stoppt den Ablauf, ein anderes Fenster auf dem zweiten Monitor öffnet sich. Hier im Quellcode, vielleicht irgendwo zwischen den Zeilen 550 und 650, müsste sich der Fehler verstecken. „Probleme erkennen, Lösungen finden“ – das mache ihm Spaß, sagt der 22-Jährige. Seine Leidenschaft für Computer und Technik entdeckte Leander schon im Kindesalter. Was ihn auf seinem Weg in die berufliche Zukunft aber mehrfach zurückwarf, blieb lange unklar. Immer wieder gab es Ärger. Er flog von der Schule, kam über das Jugendamt dann in ein Internat, wo er seinen Werkrealschulabschluss machte. „Ich wusste schon, dass irgendwas mit mir ist, aber ich konnte es nicht betiteln.“ Erst im BBW in Ravensburg, wohin es ihn zunächst zur Berufsvorbereitung verschlug, erhielt er dann endlich den Befund: Er ist von Asperger-Autismus betroffen. Für ihn sei die Diagnose eine Erleichterung gewesen, berichtet er. Diagnose als Erleichterung Ganz ähnlich ging es seinem Azubikollegen Jan. Schon in der Schule habe er Schwierigkeiten gehabt, selbstständig zu arbeiten, erzählt der 25-Jährige. Nach dem Abitur startete er dann zwei vergebliche Anläufe zu studieren. Doch: „Mir hat da die Struktur gefehlt.“ In der fünften Klasse hatte man ihm zwar ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bescheinigt („Das hat vieles erklärt, aber nicht alles“). Doch die Probleme blieben: „Ich bin überall immer wieder angeeckt.“ Im Kreise seiner Kommilitonen fand er keinen Anschluss, bekam Depressionen. „Man scheitert, aber man weiß nicht warum.“ Vor vier Jahren erhielt er schließlich die Diagnose Autismus. Eine Befreiung. Denn: „Nun hatte ich endlich einen Namen für alles.“ Von der Uni ins BBW: kein Einzelfall Mit dieser späten Gewissheit ist Jan kein Einzelfall, wie Dr. Stefan Thelemann, Leiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung im Berufsbildungswerk, erklärt (siehe auch das Interview auf Seite 8): „Es gibt hochfunktionale Autisten, die im Abi oder auch im Studium zunächst noch ganz gut klarkommen. Erst, wenn es um komplexe soziale Aufgaben geht, wenn die in Schule und Uni vorgegebenen Strukturen verloren ge- hen, gibt es Probleme. Und dann landen solche Menschen nach Abbruch ihres Studiums unter anderem im BBW, um hier eine Ausbildung zu machen – in einem Umfeld, das ihnen das ermöglicht.“ Kleine Klassen, reizarme Atmosphäre Und dieses Umfeld bietet Autismus gerecht ausgestattete Arbeitsplätze mit reizarmer Atmosphäre, kleine Berufsschulklassen, genügend Auszeiten, geschulte Ausbilder, professionelle psychologische Begleitung durch den Fachdienst und ein behutsames Heranfüh- 6 2|2019

Titelthema ren an den allgemeinen Arbeitsmarkt über Praktika in Partnerbetrieben, die in engem Austausch mit dem BBW stehen. Ansonsten lernen die angehenden Fachinformatikerinnen und Fachinformatiker ihr Rüstzeug für den Job seit 2016 im „Lok-Center“, einer Außenstelle des BBW für seine IT- und Büroberufe in der Ravensburger Bahnstadt. „Wir haben hier alles, was wir für unsere Azubis – insbesondere jene mit Autismus – brauchen“, so Ausbilder Uwe Weißenrieder: „Eine gute IT-Infrastruktur, Ruhe und Räume mit Rückzugsmöglichkeiten.“ technische Sachen begeistern“, erinnert sich auch Jan und erzählt von Experimenten mit Legosteinen und Fischertechnik, von selbst gebauten Getränkeautomaten, der Zeit in der Oldtimer- Werkstatt des Vaters oder ersten Programmiererfahrungen in der Computer- AG seiner Schule. Kopfhörer schirmt ab Im BBW hat der Abiturient nun endlich den geeigneten Platz gefunden, um aus seinen Talenten einen Beruf zu machen. Er sitzt gerade an seinem Platz im hintersten Raum des Lok-Centers an einer Programmieraufgabe. Vor sich zwei Bildschirme, eine Tasse Kaffee. Und auf seinem Kopf der fast obligatorische Kopfhörer. „Damit kann ich mich besser konzentrieren.“ Manchmal läuft Musik. „Oft trage ich ihn aber auch nur, um die Umgebungsgeräusche zu reduzieren.“ Dieses Bedürfnis nach Ruhe sei typisch für seine Azubis, erklärt Uwe Weißenrieder. Und darauf Rücksicht zu nehmen, entspricht ganz der Autismus-Konzeption des BBW. „Es geht darum, das Umfeld an die Menschen anzupassen und nicht die Menschen an das Umfeld“, betont Dr. Thelemann. Auf Pausen achten Insbesondere gilt es darauf zu achten, die Azubis nicht zu überfordern. Der Grund: Autisten bewegen sich – ohne es rechtzeitig zu merken – oft an ihrer Belastungsgrenze und überschreiten diese – mit entsprechenden negativen Folgen für den Betroffenen und das Umfeld. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Pausen wichtig. So haben Jan und seine Kollegen jeweils am Vor- und Nachmittag zusätzlich zur Frühstücks- und Mittagspause noch eine weitere Fünf-Minuten-Auszeit zur freien Verfügung. „Dann geht man zum Beispiel raus auf den Balkon, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Leander – und kehrt anschließend wieder mit neuer Energie zurück an die Bildschirme. Vielleicht findet sich ja heute noch der fehlerhafte Code im Computerspiel – irgendwo zwischen Programmierzeile 550 und 650. (ck) Gute Vermittlungschancen Unter diesen Bedingungen gelingt dann auch der Einstieg ins Berufsleben. So haben fast alle Fachinformatik-Absolventen des Sommers 2019 – die Hälfte davon Autisten – gleich nach ihrem Abschluss eine Beschäftigung gefunden, freut sich Uwe Weißenrieder. Sowieso sind IT-Berufe unter Autisten sehr beliebt. „Ich konnte mich sehr früh für Kopfhörer auf, Kaffeetasse auf dem Tisch und der konzentrierte Blick auf die Bildschirme: typische Szene im Ausbildungsalltag der angehenden IT-Fachkräfte im „Lok-Center“. 2|2019 7

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