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Auf Kurs 02/2019

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Titelthema Autismus –

Titelthema Autismus – na und? Das Berufsbildungswerk der Stiftung Liebenau ist ein ausgewiesenes Kompetenzzentrum für Autismus Gute Chancen auf berufliche und gesellschaftliche Teilhabe trotz Handicap: Im Berufsbildungswerk (BBW) der Stiftung Liebenau werden auch Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung optimal gefördert und begleitet auf ihrem Weg ins Arbeitsleben. Albert Einstein, Charles Darwin oder Andy Warhol – nur ein paar prominente Persönlichkeiten, denen posthum eine Autismus-Spektrum-Störung zugeschrieben wird. Eine Diagnose haben sie gleichwohl nie erhalten – im Gegensatz etwa zum hawaiianischen Profi- Surfer Clay Marzo, der britischen Sängerin Susan Boyle oder dem kanadischen Schauspieler und Drehbuchautor Dan Aykroyd („Ghostbusters“). Bei ihnen wurde das Asperger-Syndrom ebenso festgestellt wie bei der aktuell wohl bekanntesten Autistin: der schwedischen Klimaschutzaktivistin und Auslöserin der weltweiten Schülerbewegung „Fridays for Future“ Greta Thunberg. Sie nannte ihre Störung sogar als Triebfeder für ihr Engagement: „Ich denke, wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen. Ich hätte einfach weiter so gelebt und gedacht, wie jeder andere auch. Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive“, sagte sie in einem ZDF-Interview. Eine andere Sicht auf die Welt Eine andere Perspektive zu haben als die als „normal“ geltende, oft auch als „neurotypisch“ bezeichnete Sicht von Nicht-Betroffenen – das ist ein Merkmal des Phänomens Autismus. Dazu gehören zum Beispiel Besonderheiten bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Umweltreizen und Sinneseindrücken. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigen Auffälligkeiten in der Kommunikation und der sozialen Interaktion. Manche Verhaltensweisen und Reaktionen sind für Nicht-Autisten unverständlich und führen zu kleinen oder größeren Missverständnissen. Auf der anderen Seite haben autistische Menschen Schwierigkeiten damit, sich in die Lage ihrer Mitmenschen hineinzuversetzen und deren Gesten, Gesichtsausdrücke oder auch die bildhafte Sprache des Gegenübers richtig zu interpretieren. Eigenschaften, die zunächst nicht besonders förderlich sind bei der Integration in die Berufswelt. Dabei gibt es Nischen, die den Bedürfnissen von Autisten nach gewohnten Routinen, festen Be- zugspersonen, gewissen Strukturen und individueller Arbeitsplatzgestaltung durchaus entsprechen – oder eben angepasst werden können. Dann ist es diesen Menschen möglich, ihre oft von Spezialinteressen geprägten Fachkompetenzen einzubringen und eine konstante Bereicherung für ihren Arbeitgeber zu sein. Ein Potenzial, das inzwischen von der Wirtschaft erkannt wird. Unternehmen wie der Softwarekonzern SAP oder der IT-Dienstleister auticon rekrutieren heute sogar gezielt Asperger- Autisten und nutzen deren Inselbegabungen für ihre Zwecke. Das BBW als Sprungbrett Doch nicht nur für Ausnahmetalente in Ausnahmefirmen eröffnen sich Chancen. Berufliche Perspektiven für junge Menschen mit Autismus gibt es in vielen Bereichen – wenn das Umfeld stimmt. Wie zum Beispiel im Berufsbildungswerk der Stiftung Liebenau – einem ausgewiesenen Autismus-Kompetenzzentrum. Der Bildungseinrichtung eilt längst weit über die Grenzen der eigenen Region hinaus ihr guter Ruf als Spezialist in Sachen Autismus voraus. Seit gut 15 Jahren macht das BBW verstärkt auch Menschen mit diesem Handicap fit für den Einstieg in den Job. Der Anteil der von Autismus betroffenen Auszubildenden ist in diesem Zeitraum immer weiter gestiegen. So werden aktuell mehr als 130 Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung beschult, ausgebildet und betreut. Für die optimale Förderung sorgen Fachkräfte mit Erfahrung und 4 2|2019

Titelthema Know-how in Berufsvorbereitung, Ausbildung, Schule und Wohnheim sowie ein Fachdienst: Unter kinder- und jugendpsychiatrischer Leitung unterstützen hier Mitarbeitende aus Psychologie, Sozial- und Ergotherapie die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Nicht zuletzt dank der größeren Präsenz in den Medien ist Autismus längst im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen. „Insgesamt hat sich der Umgang mit Autismus verändert, da die Menschen inzwischen besser informiert sind und auch viel offener mit dem Thema umgehen als früher“, bestätigt Dr. Stefan Thelemann, Leiter des BBW- Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung, diesen Eindruck. „Es ist nicht mehr das große Stigma: Du bist Autist, du bist schwer behindert. Stattdessen wird Autismus als Teil der Entwicklung empfunden, die eben etwas anders verläuft als bei Nicht-Autisten.“ (ck) Was ist Autismus? Autismus ist laut dem ICD-10-Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine „tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Die verschiedenen Formen werden unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störungen zusammengefasst. Dazu gehört neben dem Frühkindlichen Autismus (auch als Kanner-Syndrom bezeichnet; nach seinem Erstbeschreiber Leo Kanner) unter anderem auch das Asperger-Syndrom – benannt nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger (1906-1980). Im Gegensatz zu anderen Varianten wie dem frühkindlichen Autismus liegen hier in der Regel weder eine verzögerte Sprachentwicklung noch eine Einschränkung der kognitiven Entwicklung vor. Stattdessen weisen die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom eine normale allgemeine, in Teilgebieten womöglich sogar besonders hohe Intelligenz auf. Auffälligkeiten gibt es dagegen in der psychomotorischen Entwicklung und insbesondere der sozialen Interaktion. So haben Autisten bei der Kommunikation mit Nicht-Autisten Schwierigkeiten, nonverbale Signale (Mimik, Gestik) zu verstehen und adäquat zu erwidern (Blickkontakt) oder sprachliche Mittel wie Ironie richtig zu interpretieren – was oft zu Missverständnissen und Irritationen auf beiden Seiten sorgt. Ein weiterer Punkt sind die Probleme, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen und diese teilen zu können. Autisten nehmen ihre Umgebung anders wahr. Dabei haben sie ein erhöhtes Bedürfnis nach festen Strukturen, Beständigkeit und klaren Tages- und Arbeitsabläufen. Stimmt das Setting in Schule und Beruf nicht, kann das zu hohem Stress bei den Betroffenen führen. Diese Anspannungen entladen sich womöglich in Verhaltensweisen, die unseren gängigen sozialen Normen nicht entsprechen. So kann es zum Beispiel auch zu Autoaggressionen kommen. Trotz umfangreicher Forschung existiert noch kein umfassendes Erklärungsmodell zu den Ursachen autistischer Störungen. Als gesichert gelten genetische Faktoren. Die Zahl der Betroffenen hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen – nicht zuletzt aufgrund der besseren Diagnostik. Experten gehen davon aus, dass ein bis zwei Prozent aller Menschen autistisch sind. (ck) Kernmerkmale des Asperger-Syndroms Probleme in der sozialen Kommunikation, im sozialen Verständnis und in der sozialen Interaktion ungewöhnliche Denkweise auffällige Bewegungen und stereotype Verhaltensmuster andere Wahrnehmungs- verarbeitung intensive, oft spezielle Interessen Bedürfnis nach Beständigkeit 2|2019 5

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