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Auf Kurs 02/2019

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Titelthema „Wie ein

Titelthema „Wie ein anderes Betriebssystem“ Wie es mit autistischen Menschen am Arbeitsplatz klappt – und welche Fallstricke es gibt Mein Kollege – ein Autist. Auf was müssen Mitarbeitende oder Führungskräfte im Umgang mit einem Menschen mit Autismus am Arbeitsplatz achten? Wie gelingen im Betrieb eine gute Zusammenarbeit im Alltag und die Vermeidung von Missverständnissen? Auch hier helfen die Autismus-Experten des BBW. Ob Praktika, Ausbildungspartnerschaften, die Vermittlung von Absolventen oder umgekehrt auch Schulungen, Lehrmodule oder Fortbildungen: Das BBW arbeitet eng mit Partnerfirmen aus der ganzen Region zusammen. Vom kleinen Familienbetrieb bis hin zum Global Player zählen mehrere hundert Unternehmen zum Kooperationspool. Auch der Ravensburger Pharmazulieferer Vetter gehört dazu. Denn, so Sven Oliver Burandt – Leitung kaufmännische Ausbildung von Vetter: „Wir haben es mit Menschen zu tun. Da ist es völlig klar, dass es auch in der Ausbildung immer wieder besondere Herausforderungen gibt. Und je mehr man über Menschen und ihre Probleme weiß, desto besser können wir reagieren“. Deshalb entschied die Abteilung „Ausbildung“ seitens Vetter, sich zum Thema Autismus weiterzubilden. Ob in der IT, im Lagerbereich oder anderswo: Wenn das Drumherum passt, können Betriebe in einem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung einen zuverlässigen und treuen Mitarbeiter finden. BBW-Fachdienst klärt auf Gabriele Schneider und Manfred König, Psychologen beim BBW-Fachdienst Diagnostik und Entwicklung, klärten die Vetter-Ausbilder gerne und umfassend auf. Es ging dabei um das spezielle sensorische Empfinden von Autisten gegenüber akustischen und optischen Reizen, es ging um ironische Anmerkungen, die von einem Autisten wörtlich genommen und dadurch in ihrem Sinn nicht verstanden werden. Es ging um die als übertrieben erscheinende Akribie von Menschen mit Autismus. Auch erfuhren Burandt und seine Kollegen, wie wichtig klare Anweisungen für Autisten sind. Informationen für Betriebe Solche für Autismus typische Auffassungen und Verhaltensweisen zu erklären und zu übersetzen sowie den Betroffenen wirksame Instrumente zur Hand zu geben, gehört zum beruflichen Alltag von Manfred König, Gabriele Schneider und ihren Fachdienstkolleginnen und -kollegen. Sie besuchen BBW-Azubis mit Autismus regelmäßig an deren Ausbildungsplätzen, etwa im Lok-Center (siehe Seite 6). Und bevor diese dann externe Praktika beginnen, wird für sie ein individuelles Personenprofil erstellt – eine Art Plan für Kollegen und Ausbilder vor Ort: Was kann der jeweilige Azubi, was braucht er, welche Rahmenbedingungen benötigt er? Auch Nicht-Autisten haben Grenzen Um Verständnis dafür zu wecken, warum Autisten in vielen Dingen anders agieren, bemüht Gabriele Schneider gerne die sogenannte Computermetapher: „Man muss es sich vorstellen wie zwei Betriebssysteme – ein neurotypisches und ein autistisches.“ Und je nachdem für welche Anwendung man es brauche, sei mal das eine oder auch mal das andere besser. „Mir ist es immer wichtig, dass auch die Nicht-Autisten um ihre Grenzen wissen“, betont Schneider. Unter gewissen Umständen, so die Psychologin, könnten Menschen mit Autismus-Spektrum- Störung auch in Betrieben ausgebildet werden – vorausgesetzt, es sei die Bereitschaft da, sich auf die Besonderheiten des Azubis einzulassen sowie eine kompetente Unterstützung von außen, wie die durch die BBW-Fachdienste. (ck) 10 2|2019

Titelthema Diagnose plus Jobangebot Fachdienst-Mitarbeiterin Anja Pluto teilt mit vielen BBW- Azubis die Diagnose Autismus Gekommen zur Diagnostik – geblieben als Mitarbeiterin: Die Ärztin Anja Pluto, selbst vom Asperger-Syndrom betroffen, ist seit diesem Jahr neu im Team des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung im BBW. Erst die späte Diagnose eröffnete ihr unverhofft eine neue berufliche Perspektive und die Rückkehr in ihren eigentlichen Job. Nun will sie ihre Erfahrungen an die jugendlichen Auszubildenden weitergeben und diese auf dem Weg ins Arbeitsleben unterstützen. „Für mich war es auf jeden Fall eine Erleichterung“, sagt Anja Pluto über ihre Diagnose Autismus. Viel zu lange musste die heute 41-jährige Ärztin darauf warten, bis sie endlich schwarz auf weiß hatte, warum sie sich „irgendwie anders“ fühlte. So vieles erklärt sich nun rückwirkend erst. Nein, es ist keine Persönlichkeitsstörung, wie man ihr einmal fälschlicherweise attestieren wollte. Und nein, auch kein ungelöstes Problem aus der Kindheit, das man in vielen Psychotherapiesitzungen herauszufinden versuchte. „Dabei hätte ich konkrete Hilfe gebraucht, kein Wühlen in der Vergangenheit.“ So kamen bei ihr sogar Schuldgefühle auf, „weil die Therapien alle nicht anschlugen, obwohl ich mich sehr bemüht habe. Irgendwie hat nichts richtig gefruchtet“. Stattdessen bekam sie von anderen immer wieder gesagt: Du bist intelligent, gutaussehend, gut ausgebildet – warum klappt es in deinem Leben nicht? „Jetzt“, so Anja Pluto, „habe ich eine Antwort“. Begegnungen im Bus Eine Antwort darauf, warum es nach abgeschlossenem Medizinstudium im Beruf zunächst nicht funktionieren wollte. Mehrfach trat sie eine Stelle als Ärztin an. „Aber das ging nie lange gut.“ Sie überforderte sich, wollte zu viel. Schließlich landete sie in einem Job als Kleinbusfahrerin für Menschen mit Handicap. Unter ihren regelmäßigen Fahrgästen: drei Autisten. Und irgendwann war ihr klar: „Wenn DIE Autismus haben, dann habe ich das auch.“ Zum ersten Mal habe sie sich mit etwas identifizieren können, und so reifte die Erkenntnis in ihr: „Ich glaube, ich habe Autismus.“ Zuvor sei diese Möglichkeit trotz ihrer Odyssee von Behandlung zu Behandlung nie in Betracht gezogen worden. Sie sei ja „schwingungsfähig“, hieß es immer. Ein erster Online-Test lieferte nun aber bereits ein ziemlich eindeutiges Ergebnis und bestätigte sie in ihrer Ahnung: „Jetzt brauche ich eine seriöse Diagnose.“ Diagnose bestätigt den Verdacht Über Umwege wurde sie schließlich an Dr. Stefan Thelemann, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Leiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung im BBW, verwiesen. Von ihm und seiner Kollegin, der Psychologin Gabriele Schneider, bekam Anja Pluto nicht nur die Diagnose – ja, es ist tatsächlich Autismus – sondern zu ihrer Überraschung auch gleich ein Jobangebot dazu. „Ich war perplex“, erzählt Pluto. „Wenn nicht bei uns, wo sonst?“, meint Dr. Thelemann zu der spontanen Offerte. Als Autismus gerechtes Berufsbildungswerk passt hier das Umfeld, eine offene Stelle war gerade zu besetzen, Anja Pluto hat die entsprechende Qualifikation. Und zudem kann sie ihr Wissen an die Jugendlichen authentisch weitergeben. Diese profitieren vom Erfahrungsschatz der Ärztin, gerade was die Hürden beim Jobeinstieg angeht. Eine „Win-Win-Win-Situation“ sozusagen. „Ich hätte sonst vielleicht nie mehr als Ärztin gearbeitet“, freut sich Pluto über die unverhoffte Wende in ihrem Berufsleben. Neuanfang im BBW Im Sommer 2019 stieg sie in Teilzeit im BBW ein. Ihr Arbeitspensum soll nun – mit Rücksicht auf die Autismus spezifische Belastungssteuerung (siehe auch Interview auf Seite 8) – langsam gesteigert werden. Dr. Thelemann ist schon jetzt froh über den Neuzugang in seinem Team und ist sich sicher: „Warum soll es bei uns nicht klappen?“ (ck) 2|2019 11

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