Mediathek der Stiftung Liebenau
Aufrufe
vor 3 Jahren

Auf Kurs 02/2017

  • Text
  • Ausbildung
  • Azubis
  • Berufsbildungswerk
  • Klaus
  • Liebenau
  • Menschen
  • Kurs
  • Stiftung
  • Arbeit
  • Digitalisierung
  • Liebenau.de

BBW IM ÜBERBLICK

BBW IM ÜBERBLICK Traumjob gefunden: ein junger Autist auf dem Weg ins Berufsleben Tobias – Fachinformatiker, Autist Tobias (Name geändert) ist Autist. Der 27-Jährige absolviert im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Dank intensiver individueller Unterstützung ist er auf einem guten Weg, tatsächlich demnächst im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Dabei standen seine Chancen vor ein paar Jahren noch ziemlich schlecht. „Morgen bin ich weg.“ So lautete sein Motto während der ersten Monate seiner Berufsvorbereitung, bei der Tobias im BBW verschiedene Arbeitsfelder kennenlernte – und doch nicht das Richtige für sich fand. Stattdessen wollte er alles hinwerfen. Sein Leben zuvor: geprägt von Frustration, Ausgrenzung, abgebrochenen Maßnahmen und schlechten Erfahrungen in der Schule. Als einen „Höllentrip“ bezeichnet Tobias selbst seine Vergangenheit. „Morgen bin ich weg.“ Damit musste man also täglich rechnen. Ausbilder als Vertrauensperson Dass Tobias doch geblieben ist – darüber ist er heute froh. Und es ist ein Erfolg für die, die um ihn und seine Zukunft gekämpft haben. Dazu gehört Daniel Scheffold, sein Ausbilder. Auf ihn traf der computerbegeisterte Tobias seinerzeit im Lagerbereich des BBW – und konnte dort erstmals sein Spezialinteresse ausleben. Denn hier ging es auch um elektronische Systeme. Sein Ding. Mit Scheffold konnte er über Netzwerke, Server und Co. fachsimpeln, baute so ein enges Vertrauensverhältnis zu ihm auf. Und sein Traumjob war ihm nun auch klar. Glücklicherweise bekam das BBW just zu dieser Zeit grünes Licht für einen neuen Ausbildungsberuf: Fachinformatiker. Und Tobias war als Azubi der ersten Stunde mit dabei. Dass sein Ausbilder mit Daniel Scheffold ein bekanntes Gesicht war, erleichterte seinen Start. Zudem wurde alles dafür getan, damit die Ausbildung gelingt. Im Berufsschulunterricht darf er separat sitzen, bekommt Auszeiten, wenn nötig. Und in seiner Wohngruppe wurde ihm ein Einzelzimmer organisiert. Dort geht er auch nach Feierabend seiner Lieblingsbeschäftigung nach und bringt eigene Server zum Laufen. „Fachlich ist er super“, lobt sein Ausbilder. Charakterlich sowieso: „Er ist absolut ehrlich und vertrauenswürdig.“ 12 | Auf Kurs 2-2017

„Fachinformatik, sonst nichts!“ Wie Tobias wollen auch andere Azubis ihr Hobby zum Beruf machen. An ihrer Seite: Ausbilder Daniel Scheffold. Foto: Klaus Längst gilt das BBW als Spezialist in Sachen Autismus. Über 120 Teilnehmer mit dieser Diagnose werden derzeit beschult und ausgebildet. Viel zu tun also für Gabriele Schneider und ihre Kollegen vom Fachdienst Diagnostik und Entwicklung. Seit seinem ersten Tag im BBW steht die Psychologin (MSc) Tobias zur Seite – mit Coaching und regelmäßigen Gesprächen. Wegen der typischen Probleme in der Kommunikation von Autisten und Nicht-Autisten ist sie immer wieder auch als „Dolmetscherin“ gefragt. Unmissverständlich war Tobias‘ Beharren auf seinem Berufswunsch: „Fachinformatik – und sonst nichts.“ In seinem Fall sei es sinnvoll, das eigene Spezialinteresse zum Beruf zu machen: „Es ist ja ein für den Arbeitsmarkt brauchbares Wissen“, erklärt Schneider und betont die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten im BBW: Lehrer, Erzieher, Ausbilder, Sozialpädagogen, Psychologen und auch die Familie. In einem solchen Umfeld sei diese „unglaubliche Entwicklung“ möglich gewesen, berichtet Schneider: „Zwischen seiner Aufnahme und heute liegen Welten.“ Daniel Scheffold bestätigt das: „Tobias, früher total verschlossen, ist jetzt richtig offen, redet mit Menschen und steht sogar an unseren Messe-Ständen.“ Gute Perspektive – wenn alles passt Anstatt „morgen“ weg zu sein, ist Tobias nun im dritten Lehrjahr, hat seinen Abschluss vor Augen. Darüber freut sich auch Holger Mayer, sein Bildungsbegleiter im BBW. Er organisiert alles rund um die Ausbildung und bildet die Schnittstelle zum Kostenträger. Tobias‘ Perspektiven? Die seien gut – „wenn die Rahmenbedingungen stimmen und sein künftiger Betrieb zu ihm passt“. Das bereite ihm gerade noch große Sorgen, gesteht Tobias. Sein Ausbilder ist sich zwar sicher, dass der 27-Jährige mit seinen Leistungen jeden Arbeitgeber überzeugen kann. Nur: „Es geht darum, eine Firma zu finden, die ihn versteht.“ Aber dann, so sind Schneider und Scheffold überzeugt, „wird Tobias diese Firma als zuverlässige Fachkraft bereichern und ihr auch dauerhaft erhalten bleiben“. Christof Klaus uuImpulse außer Kontrolle: Autismus-Fachtag 2017 Autismus und herausforderndes Verhalten: Wie hängt das zusammen, und was kann man tun, um Konflikte zu vermeiden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des 11. Fachtages des Kompetenznetzwerks Autismus Bodensee-Oberschwaben. Mehr als 300 Teilnehmer aus Nah und Fern kamen in das Berufsbildungswerk Adolf Aich nach Ravensburg, um sich über das Thema auszutauschen und den Vorträgen namhafter Experten zu folgen. Verständnisprobleme, Kommunikationspannen, „unnormales“ Verhalten: Autisten tun sich im Alltag oft schwer, in ihrem Anderssein den gängigen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Irritationen und gegenseitige Missverständnisse prägen den sozialen Umgang mit Nicht-Autisten. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn sich innere Konflikte und Überreizungen in Aggressionen, Wutausbrüchen oder gar Gewalt gegen sich und andere entladen. Krisenursachen, mögliche Lösungsstrategien und Therapien sowie auch rechtliche Aspekte wurden beim diesjährigen Fachtag intensiv unter die Lupe genommen. Die einzelnen Vorträge können unter www.bbw-rv.de/fachtag kostenlos heruntergeladen werden. Außerdem gibt es dort die Möglichkeit, ein Video der Veranstaltung zu erwerben. Viele Besucher, namhafte Referenten und ein reger Austausch unter Experten beim Autismus-Fachtag im Berufsbildungswerk Adolf Aich in Ravensburg. Foto: Klaus Auf Kurs 2-2017 | 13

Stiftung Liebenau Österreich