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Auf Kurs 01/2020

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150 Jahre Stiftung

150 Jahre Stiftung Liebenau Mehr zum Jubiläum auf 150jahre.stiftung-liebenau.de Vom Landerziehungsheim zum BBW Die Geschichte der beruflichen Bildung in der Stiftung Liebenau Seit rund 40 Jahren sorgt das Liebenau Berufsbildungswerk (BBW) für die berufliche Integration junger Menschen mit besonderem Förderbedarf. Tausende Auszubildende haben dort seit Anfang der 1980er Jahre das nötige Rüstzeug erlernt, um mit einem vollwertigen Abschluss ins Berufsleben starten zu können. Doch auch zuvor spielte Bildung in der 150-jährigen Geschichte der Stiftung Liebenau eine wachsende Rolle. Bezog sich praktische Ausbildung vor neunzig Jahren vor allem noch auf Feldarbeit, stehen im BBW heute mehr als 50 anerkannte Ausbildungsberufe zur Wahl – vom Schreiner oder Gärtner über die Hauswirtschafterin oder Kauffrau für Büromanagement bis hin zum Fachinformatiker. Bildung für jeden, so lautet die Mission im Aufgabenfeld Stiftung Liebenau Bildung. Mit „jeden” meint die Stiftung Liebenau insbesondere Menschen, denen aufgrund erhöhter Förderbedarfe, Lernbehinderungen und psychischer Krankheitsbilder eine Teilhabe an Bildung und Arbeitsleben zumindest erschwert ist. Ehe in den 1970er Jahren ein gesellschaftliches und politisches Umdenken stattfand, war deren berufliche Perspektive – ein wesentlicher Teil der Lebensplanung – eher dem Zufall überlassen. Auch in der Stiftung Liebenau begann zu dieser Zeit eine Phase des Aufbruchs und der Innovation im Bildungsbereich, die schließlich Anfang der 1980er Jahre auch zur Gründung des Berufsbildungswerks führte. Doch bereits vor dem ersten Spatenstich für das BBW in Ravensburg hatte es in der Stiftung Maßnahmen der beruflichen Bildung für benachteiligte Personen gegeben. So wurde 1899 erstmals eine eigene Schule erwähnt, bevor dann 1929 mit der Eröffnung des Landerziehungsheimes im nahegelegenen Rosenharz eine für diese Zeit fortschrittliche Schul- und Ausbildungsstätte im Internatsbetrieb eingerichtet wurde. Die damalige „Pfleg- und Bewahranstalt Liebenau” hatte dort einige Jahre zuvor ein Wirtschaftsgebäude samt ausgedienter Brauerei, Stallungen und Scheuer sowie 65 Morgen Land erworben. Auf dem Gelände entstand, nach einem modernen Konzept aus England, die Erziehungsanstalt St. Gertrudis für „schwache Kinder”, wie es in einer zeitgenössischen Beilage zur „Oberschwäbischen Volkszeitung“ hieß. Hier fand auch schon eine Art Berufsvorbereitung statt. Autonomie durch „ehrliche Handarbeit“ Neben dem Schulunterricht und der Erziehung im Sinne sozialen Lernens wurde den Zöglingen auch eine „manuelle Ausbildung” zuteil: Sie wurden zur Mitarbeit auf den Feldern angehalten, zur Kartoffel- und Obsternte herangezogen, zur Ährenlese und zum Steinelesen auf den Äckern. Der damalige Schulvorstand Erwin Maier begründete dies damit, seinen Zöglingen mit der Arbeitserziehung „später zu ermöglichen, mit ehrlicher Handarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen”. In einer Zeit, die weder einen zweiten Arbeitsmarkt noch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kannte, ein äußerst fortschrittlicher Ansatz, der auf die Autonomie der Betreuten zielte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 erfuhren die Erziehungsgrundsätze im Deutschen Reich und damit auch in Rosenharz eine völkisch-nationale „Neuorientierung”. „Die Schule wird auch weiterhin bestrebt sein, ihre Schüler streng national im Sinne des Führers zu erziehen zum selbstlosen Dienst an Volk und Vaterland”, heißt es in einem Schwesternbe- 1|2020

150 Jahre Stiftung Liebenau Zeit des Nationalsozialismus. „Die Gesellschaft hat die Chance gesehen, zu beweisen, dass wir mit diesen Menschen auch anders umgehen können”, so Dieterich. Die Ausbildungswerkstätten der Stiftung Liebenau im Wandel der Zeit: 1930 im Landerziehungsheim Rosenharz (links) und Mitte der 1980er Jahre im damals neu gegründeten Berufsbildungswerk in Ravensburg. richt aus dieser Zeit. Von der Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens war da bereits keine Rede mehr. Schlimmer noch. In den Gaskammern von Grafeneck wurden auch Bewohner aus Rosenharz ermordet (siehe auch Seite 6). Das Landerziehungsheim wurde 1941 zur Lungenheilstätte der Wehrmacht umfunktioniert, die verbliebenen Kinder verlegte man in nahegelegene Pfleganstalten, ein Großteil der Schulkinder kam nach Liebenau. Erst 1953 fand hier jedoch wieder ein geregelter Schulbetrieb statt. Neuaufbau nach dem Krieg Im Zuge des Neuaufbaus nach dem Ende des Nationalsozialismus entstand in den 1960er Jahren in Liebenau eine berufsvorbereitende Fortbildungsklasse, aus der 1971 die Berufsfindungswerkstatt hervorging. Mit Förderlehrgängen und ersten Fachwerker-Ausbildungen für lernbehinderte Jugendliche entwickelte sich dann im Laufe der 1970er Jahre quasi eine Vorform des späteren Berufsbildungswerks. Ausbildungsregelungen gemäß § 48 des Berufsbildungsgesetzes wurden erarbeitet, entsprechendes Personal eingestellt und qualifiziert sowie erste Wohnformen erprobt, ehe 1977 schließlich mit der konkreten Planung eines BBW begonnen wurde. Als konzeptionelle Fragen geklärt worden waren und man am Stadtrand von Ravensburg ein passendes Gelände ge- funden hatte, konnten die Bagger dann anrollen: Das Berufsbildungswerk Adolf Aich – benannt nach dem Initiator der Stiftung Liebenau – wurde gebaut. Damit war auch Ravensburg Teil jenes Netzes von Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation geworden, das sich im Zuge des von der Bundesregierung lancierten „Aktionsprogramms zur Förderung der Rehabilitation von Behinderten“ vom April 1970 über die ganze Republik erstreckte. Aufbruchstimmung in den 1970ern Diese politische Entscheidung folgte dem damaligen Zeitgeist, sich im Umgang mit behinderten Menschen neu zu orientieren und ihnen mehr Förderung zuteilwerden zu lassen. Von der Ostsee bis nach Oberschwaben entstanden so bundesweit bis heute über 50 Berufsbildungswerke. Die Idee, jungen Menschen mit Lernbehinderungen in außerbetrieblichen Lernorten, bei entsprechender pädagogischer Unterstützung, eine systematische Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, kam damals aus Skandinavien nach Deutschland. Die Zeit war aber auch hier bereits überreif, wie Dr. Karl-Heinz Dieterich, der erste Geschäftsführer des BBW, später in einem Gespräch mit der „Auf Kurs“ erläuterte. Nicht unerheblich für dieses gesellschaftliche Umdenken war dabei auch die Last der Verbrechen zur Zwischen Wachstum und Krise Vier Jahrzehnte Berufsbildungswerk waren auch eine Zeit des Wandels – räumlich, strukturell und politisch. Ursprünglich für 242 Plätze geplant, mussten die Kapazitäten infolge des weit größeren Bedarfs bald schon erhöht und der Gebäudekomplex des BBW in den 1990er Jahren erweitert werden. Dem Boom folgte 2005 die Krise, als die seit 1995 als gemeinnützige Gesellschaft (gGmbH) fungierende Tochter der Stiftung Liebenau einen dramatischen Einbruch der Belegungszahlen zu bewältigen hatte – und sich daraufhin noch breiter und gleichzeitig spezialisierter aufstellte. Aus der Baustelle von einst ist im Laufe der Jahre ein Kompetenzzentrum für Bildung gewachsen. Ob Menschen mit Lernbehinderung, ADHS, einer Autismus-Spektrum-Störung oder anderen Beeinträchtigungen: Heute werden die verschiedensten Zielgruppen am Stammsitz in der Ravensburger Schwanenstraße, am 1998 dazu gekommenen Standort Ulm sowie in weiteren Kommunen und unzähligen Partnerbetrieben der ganzen Region ausgebildet, weiterqualifiziert, beschult, betreut oder auf den Start in die Berufsausbildung vorbereitet. Es gibt ein differenziertes Wohnangebot, hochprofessionelle Fachdienste und zwei Sonderberufsschulen. Rund 1 000 vorwiegend junge Menschen nutzen jährlich die Angebote des BBW: vom Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) über Ausbildungsmaßnahmen bis hin zu Weiterbildungskursen, Umschulungen und beruflichen Wiedereinstiegsprogrammen, wobei die Teilnehmenden von einem multiprofessionellen Team aus über 500 Fachkräften aus Handwerk, Technik, Pädagogik, Sozialarbeit, Medizin, Psychologie und Heilpädagogik betreut werden. (ck) 1|2020 5

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