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Auf Kurs 01/2020

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Durch die Corona-Krise

Durch die Corona-Krise „Ein tolles Gefühl, hier zu stehen“ Masken auf, Daumen hoch! Trotz Corona-Krise haben im Sommer 2020 rund 150 junge Menschen mit besonderem Teilhabebedarf an den BBW-Standorten in Ravensburg und Ulm den Abschluss ihrer Ausbildung gefeiert – zwar mit Abstand, in getrennten Gruppen und in kleinerem Rahmen als sonst, aber mit mindestens so großer Freude wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger. Zwei aus diesem „Corona-Jahrgang“ erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Weit entfernt von Ravensburg erreichte Thomas (Name geändert) die Corona- Krise und ließ unvermittelt seine Auslandspläne platzen. Gerade erst hatte der BBW-Azubi in Südtirol sein Praktikum im Rahmen eines Austauschprogramms angefangen, und schon musste er dieses pandemiebedingt wieder abbrechen. „Das war schon eine komische Situation“, erzählt der 20-Jährige. Sorgen um seinen Abschluss machte er sich zwar nicht so sehr, eine gewisse Unsicherheit sei anfangs aber schon da gewesen, räumt er ein. Sonst eigentlich in einem Außenwohnheim des BBW lebend, verbrachte er die „Lockdown“- Zeit zuhause. Und er legte nach der Wiederöffnung seiner Bildungseinrichtung einen erfolgreichen Endspurt hin: Wie nahezu alle anderen Azubis hat Thomas es geschafft und nun sein Zeugnis in der Tasche – und gleichzeitig auch ein Stellenangebot aus seiner Heimat. Mit Leib und Seele dabei Von dort zog es ihn vor ein paar Jahren zur rund einjährigen Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) ins Ravensburger BBW. Unter anderem steht dort das Herausfinden des passenden Berufes auf dem Programm. Dieser Punkt war für ihn schnell abgehakt: „Ich war noch keine zwei Wochen hier, da wusste ich: Gastronomie passt!“ Und so blieb Thomas auch nach der BvB im Berufsbildungswerk und machte dort eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe. „Er war immer mit Leib und Seele dabei“, lobt die stellvertretende Betriebsleiterin Roswitha Dvorak den Ex- Azubi, für den sein Beruf wohl tatsächlich auch Berufung ist. Ab jetzt: Zukunft! So wie für Ana-Filipa Vieira Frias. „Für mich gab es keinen Tag, an dem ich nicht gerne hierhergekommen bin, um etwas Neues zu lernen“, blickte die ehemalige Schülersprecherin bei der Zeugnisübergabe auf ihre Zeit im RAZ Ulm und der Max-Gutknecht-Schule zurück – voller Stolz, nun einen wichtigen Schritt in Richtung Berufsleben gemacht zu haben: „Es ist ein tolles Gefühl, jetzt hier zu stehen.“ Und das nach der zuletzt so schwierigen Zeit. Am meisten gefehlt während der Heimlernphase habe ihr das Praktische. Das kann sie nun nachholen, denn für Ana-Filipa Vieira Frias geht es gleich weiter. Nach ihrem erfolgreichen Abschluss als Bäckerfachwerkerin will die 19-Jährige nun in einem weiteren Lehrjahr Bäckergesellin werden – und dann auch noch ihren Traum von der Konditorin in Angriff nehmen. So vieles Corona auch durcheinander brachte – Zukunftspläne werden also weiterhin fleißig geschmiedet. (ck) 16

Impuls Wir haben uns verändert von Prälat Michael H. F. Brock Ich vermisse die verschwenderische Nähe, die es früher gab. Eine Umarmung, ein Händedruck, ein Kuss. Wir halten einander auf Abstand. Covid-19 hat uns verändert. Oder besser: die Angst davor. Ich finde alle Maßnahmen nachvollziehbar. Mund- und Nasenschutz. Abstand, Lüften, Hygiene. Und doch wehrt sich alles in meinem Inneren. Ich will riechen, spüren, berühren. Ja, ich will, dass es endlich vorbei ist. Eine Weile Abstand war ja okay. Eine Weile eigeschränkt zu sein, war auch okay. Aber jetzt muss es doch endlich vorbei sein. Aber es ist nicht vorbei. Das zu leugnen wäre unvernünftig und unverantwortlich. Aber was machen wir jetzt? Vielleicht wäre es gut, einander einzugestehen, dass die letzten Monate uns bereits verändert haben. Die innere Angespanntheit ist zu einem bleibenden Zustand in uns geworden. Wieviel Abstand tut gut oder muss sein? Auf wieviel Nähe können oder müssen wir verzichten, womöglich dauerhaft? Mit wieviel Unverständnis müssen wir rechnen und es bleibend ertragen? Die Besuche sind weniger geworden. Hände reichen wir uns keine mehr. Umarmung? Fehlanzeige. Aber das Bedürfnis danach steigt. Es schmerzt der Gedanke, dass Abstand und vermehrte Einsamkeit zu unserer neuen Normalität wird. Wir gehen ganz unterschiedlich damit um. Es gibt Menschen, die es gar nicht mehr ertragen. Sie müssen Vorschriften brechen und flüchten sich in eine Normalität, die es gar nicht mehr gibt. Andere verkriechen sich daheim. Ich habe keine endgültigen Antworten, nur vorsichtige Gedanken. Die Zeit des „Alles ist machbar“ ist endgültig vorbei. Und ganz einfach gesagt: Wir sind sterbliche, zerbrechliche, schutzbedürftige Menschen. Das waren wir zwar schon immer. Aber jetzt stellt sich die Frage ernster denn je, wie gehen wir mit unserer Sterblichkeit um. Für mich kann ich sagen: Ich halte die Vorschriften ein, halte Abstand, gehe nicht auf Feiern. Aber ich muss neue „Umarmungen“ finden bei Menschen, die meine Nähe brauchen. Ich meine wirkliche Nähe in untröstlichen Situationen. Ich versuche Begegnungen zu schaffen, die nicht ansteckend sind. Ich telefoniere mehr, schreibe Online-Botschaften. Spüre, dass es kein wirklicher Ersatz ist für eine Umarmung, und erlebe unendliche Spannung in mir. Die Augen müssen lernen zu umarmen, und meine Blicke müssen bei meinem Gegenüber Nähe spüren lassen, die berührt. Meine Worte müssen es versuchen und mein Körper Nähe ausstrahlen. Viele leben in Familien, in denen wirkliche Nähe erlaubt ist, oder in häuslicher Gemeinschaft. Sie so zu gestalten, dass Nähe auch wohltuend ist, ist die neue Normalität. Sie nicht als selbstverständlich zu betrachten, gehört dazu, sie zu pflegen und wertzuschätzen. Dass Nähe ein Schatz ist, der das Leben erst lebenswert macht, spüre ich in diesen Tagen. Hoffentlich bleibt das, wenn alles wieder „normal“ ist. Dass wir ein Gefühl füreinander haben, was schmerzt und uns zerbrechen lässt, und wie heilsam es sein darf, einander wieder berühren zu dürfen, wo heute nur Worte und Zeichen sein können. Die Zerrissenheit bleibt und auch die Sehnsucht. Diesen und andere Impulse können Sie auch anhören: www.stiftung-liebenau.de/impulse 1|2020 17

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