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Auf Kurs 01/2019

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Titelthema Über Gefühle, Ängste und das besondere Erlebnis Im Wildwasser, im Schnee oder am Klettersteig: Erlebnispädagogik im Berufsbildungswerk BBW-Wohnheimmitarbeiter Norman Müller engagiert sich nicht nur in der wöchentlichen Kletter-AG, sondern stellt für die Jugendlichen auch besondere erlebnispädagogische Wochenendangebote auf die Beine: zum Beispiel Schneeschuhwanderungen, Höhlen-, Klettersteig- und Wildwassertouren. Oder auch Canyoning. „Auf Kurs“ fragte nach: Herr Müller, welcher pädagogische Ansatz steckt dahinter? Erstmal steht die Aktion an sich im Vordergrund, die für die beteiligten Jugendlichen ja etwas nicht Alltägliches ist. Dahinter geht es aber oftmals um Grenzerfahrungen und den Umgang mit eigenen Ängsten. Dabei verfolgen wir den erlebnispädagogischen Ansatz des sogenannten Metaphorischen Modells. Das heißt: Wir wollen einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen herstellen und etwa bei den Herausforderungen einer Bergtour die Verknüpfung zu ihrem Alltag herausfinden: Wo haben sie in der Ausbildung oder im Privatleben Angst zu versagen? Wo haben sie Angst vor Enttäuschung? Und vielleicht gelingt dann ja auch anschließend der Transfer der Lernerfahrungen am Berg in den Alltag. Vielleicht traut sich der Jugendliche dann manche Dinge besser zu. Auf jeden Fall gehen die Teilnehmer aus diesen Erlebnissen mit einem gestärkten Selbstwert hervor. Es ist eben einfach toll, wenn man dann nach all den Mühen den Berggipfel tatsächlich erklommen hat. Viele Jugendliche tragen sich zum ersten Mal in ein Gipfelbuch ein. Und das ist dann schon eine bleibende Erfahrung, die sich auch sichtlich positiv auf das Leben im Wohnheim auswirkt. Und wie erleben die Jugendlichen dabei ihre Betreuer? In solchen Situationen kommt jeder an seine Grenzen, auch die Mitarbeiter. Ob Teilhabebedarf oder nicht: Hier sind alle gleich. Gerade für benachteiligte Jugendliche ist das eine wichtige Erfahrung. Denn hier spielt es keine Rolle, wie hoch mein IQ ist und ob ich zuhause eine funktionierende Familie habe oder nicht. Zu sehen, dass auch ihre Betreuer zu kämpfen haben, hilft den Jugendlichen, sich zu öffnen. Klappt das denn? Das ist unterschiedlich. Die meisten öffnen sich dann mit der Zeit schon. Ich selbst spreche mit ihnen immer offen über Gefühle und versuche, in diesem erlebnispädagogischen Setting sie auch dazu zu ermutigen. Und wenn dieses scheinbare Tabu dann einmal gebrochen ist, springen dann sogar auch Bewohner mit Autismus über ihren Schatten. 8 1|2019

Titelthema Diese Reflexionsgespräche gehören fest dazu? Mir ist es wichtig, keine Events am Wochenende anzubieten, sondern Erlebnispädagogik. Und da gehört es dazu, über das Erlebte auch zu sprechen: in Reflexionsrunden, die manchmal auch spät abends am Lagerfeuer stattfinden können. Ohne diese Reflexion ist Erlebnispädagogik keine Erlebnispädagogik. Wie es sich dann letztlich beim Teilnehmer verankert, kann man nicht planen. Erlebnispädagogik hat immer auch einen Versuchscharakter. Aber Erlebnispädagogik darf den Jugendlichen auch einfach nur Freude machen? Definitiv. Generell ist der ganze Freizeitbereich auch ein gutes Ventil für persönliche Probleme. Dabei merke ich übrigens sofort, wenn jemand im Alltag gerade Schwierigkeiten hat. Inwiefern? Weil er dann zum Beispiel nicht so klettert wie sonst, weil er ungewohnt verkrampft ist. Die Freizeitsituation bietet dann auch die Möglichkeit, hier einen persönlichen Zugang zu finden und den Betroffenen zu fragen: Hey, was ist los? Stimmt was nicht? Zurück zu Ihren Erlebnisreisen: Was war die bisher spektakulärste Tour? Die hatten wir in Norwegen, als wir mit einem Schlauchkanadier sechs Tage im Wildwasser unterwegs waren – mit komplettem Gepäck an Bord, den Proviant in Tonnen verpackt, und jeden Abend wurde ein Lager aufgebaut. Ohne Handys, die Ersatzkleidung auf wenige Teile reduziert. Weitere Highlights waren die Fahrradtouren an Donau und Rhein entlang oder auch die Bauernhoffreizeiten. Solche Dinge vergessen die Jugendlichen nicht mehr. Einige Ex-Teilnehmer pflegen weiterhin den Kontakt zu ihren ehemaligen Erziehern, bedanken sich für die gemeinsamen Erlebnisse und sagen auch Jahre später noch: „Wow, das war einfach toll.“ (ck) Feierabend – und dann? An die Kletterwand! „Da krieg‘ ich den Kopf frei“ Feierabend im Berufsbildungswerk: Zeit für die Azubis, vom Alltag abzuschalten, entweder die Füße hochzulegen oder Sport zu treiben und den eigenen Hobbys nachzugehen. Die Auswahl an Freizeitangeboten und AGs ist jedenfalls groß: Im BBW findet jeder sein Ding. Das gilt auch für den angehenden Gartenbaufachwerker Leander Hartel. Ihn trifft man regelmäßig an der Kletterwand in der BBW-Turnhalle. Um fünf, halb sechs hat der 22-jährige Azubi normalerweise Feierabend, an Berufsschultagen ist er schon früher zurück im Außenwohnhaus des BBW in der Liebenauer Hangenstraße. Nach einem langen Ausbildungstag heißt es für ihn dort „erstmal eine halbe Stunde hinlegen“. Dann wird vielleicht gekocht, und den Abend lässt er meist mit Musikhören oder Computerspielen ausklingen. In seiner Wohngruppe, auf der schon recht selbstständige Azubis leben, macht jeder neben den üblichen Verpflichtungen im Haushalt sein eigenes Ding. Hin und wieder, zu bestimmten Festen, fährt Leander Hartel auch mal nach Ravensburg ins Bistro des BBW-Internats. „Erlebnispädagogik, keine Events“: BBW-Mitarbeiter Norman Müller. Hobbys: Klettern, Bogenschießen und Computer Ansonsten ist sein Pflichttermin jeden Dienstagabend: die Kletter-AG in der BBW-Turnhalle. „Ich klettere schon seit ich zwölf bin“, erzählt der Azubi. An der Kletterwand könne er einfach gut abschalten und den Alltagsstress hinter sich lassen: „Da kriege ich den Kopf frei.“ Ein weiteres Hobby ist das Bogenschießen. Auch diesen Sport kennt er von früher, hat nun wieder damit angefangen und übt ihn in der entsprechenden AG am Berufsbildungswerk aus. Seine sonstige Freizeit? Die verbringt Leander Hartel je nach Jahreszeit gemütlich daheim oder draußen an der frischen Luft. „Im Winter bin ich der Gamer, im Sommer der Camper“, so der leidenschaftliche Festivalbesucher. (ck) 1|2019 9

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