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Auf Kurs 01/2019

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Meine Geschichte –

Meine Geschichte – mein Ritual Ganz im Hier und Jetzt sein Dietrich Bross, Mitarbeiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung Bogenschießen ist Training für Körper, Seele und Geist. Schuss um Schuss stärken Jugendliche im Ravensburger Berufsbildungswerk (BBW) im Umgang mit Pfeil und Bogen Selbstvertrauen und Körperbewusstsein. Einer, der mit ihnen zusammen auf Robin Hoods Spuren wandelt, statt Raubzüge aber die Förderung der Teilnehmer im Sinn hat: Arbeitserzieher Dietrich Bross. Dietrich Bross schließt die Augen und hält inne. Seine Hände sind auf der Brust verschränkt und umfassen den Bogen, dessen unteres Ende er auf die linke Fußspitze gestellt hat. In dieser Position harrt er aus. Zwei, drei Minuten lang. „Ich entspanne mich, spüre, dass ich im Hier und Jetzt bin. Und ich horche ein bisschen in mich hinein.“ Nach einer Weile öffnen sich dann die Augen fast von allein wieder. Der Körper gibt das Signal: Ich bin bereit, es kann losgehen! Mit diesem Ritual startet Dietrich Bross jedes Mal, wenn er mit Schülern und Azubis des Ravensburger BBW zu Pfeil und Bogen greift. In der Bildungseinrichtung wird das Bogenschießen seit Jahren als therapeutisches Instrument eingesetzt. Geschossen wird ohne Hilfsmittel, allein nach Gefühl und Intuition. Und ohne Leistungsdruck. Die Jugendlichen, nicht zuletzt auch jene mit ADHS, können zur Ruhe kommen und für einen Moment alles andere um sich herum ausblenden – und im wahrsten Sinne des Wortes durch das Lösen der gespannten Sehne: loslassen. Auch das Sozialverhalten wird trainiert, und mit jedem Pfeil steigt das Selbstwertgefühl. Seit sechs Jahren im Berufsbildungswerk Dietrich Bross hat das Bogenschießen schon vor 17 Jahren für sich entdeckt, es nicht nur privat ausgeübt, sondern auch immer wieder in seinem Job als Arbeitserzieher – zunächst noch als erlebnispädagogisches Element – eingesetzt. Später machte er dann eine Zusatzausbildung im therapeutischen Bogenschießen. Bross arbeitete früher im Kinder- und Jugendheim, im Maßregelvollzug und auch in einer Tagesklinik für psychisch kranke Jugendliche, ehe er vor sechs Jahren ins BBW kam – zunächst in die WfbM-Gruppe des Schreinerzentrums, später bot er Coolness- und Antiaggressivitätstrainings an, seit mehr als zwei Jahren ist er ganz beim hauseigenen Fachdienst für Diagnostik und Entwicklung. „Dabei arbeite ich in einem für einen Arbeitserzieher eigentlich untypischen Feld“, erklärt Bross. So macht er hauptsächlich Einzelcoaching und unterstützt damit – als Bindeglied zur Ausbildung – die jungen Menschen in ihrer Maßnahme. „Sie sollen für sich erkennen, warum es sich lohnt, eine Ausbildung fertig zu machen.“ Steckenpferd Bogenschießen Und eines seiner Steckenpferde ist eben das Bogenschießen, das er zusammen mit dem Ausbilder Valentin Dölker und der Ergotherapeutin Corinna Kallup regelmäßig für Teilnehmer aus Ausbildung und Berufsvorbereitung anbietet. Seine Erfahrung: Beim Bogenschießen komme man sehr schnell in Kontakt mit den Jugendlichen und den Themen, die sie beschäftigen. Noch ein Vorteil: „Es können alle mitmachen.“ Während es bei anderen Sportarten – etwa für übergewichtige Menschen – womöglich Benachteiligungen gebe, stelle sich beim Bogenschießen bei allen relativ schnell der Erfolg ein. Sprich: Der Pfeil trifft die Scheibe. Ob der Bewegungsablauf beim Bogenschießen an sich tatsächlich ein Ritual ist, da scheiden sich die Geister, wie Bross berichtet. „Aber das Davor und Danach kann man als ritualisierte Handlung bezeichnen.“ So auch das Abspannen der Sehne vom Bogen, das zum Abschluss des Bogenschießens ebenso zelebriert wird wie der Beginn. (ck) 10 1|2019

BBW im Überblick „Dann fahr halt alleine hin!“ EU-Bildungsprogramm „Erasmus+“: Ravensburger Schreiner-Azubi macht Praktikum in Norwegen Mit Mitte zwanzig bekam Johannes Grundmann im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) die Möglichkeit, doch noch eine Ausbildung abzuschließen. Diese Chance packte er beim Schopf. Inzwischen ist der 26-Jährige auf dem besten Wege zum Schreiner und hat nun im zweiten Lehrjahr – als „Belohnung“, wie er es selbst empfand – sogar ein Praktikum in Norwegen absolviert. Den aufregenden und bereichernden Trip nach Skandinavien machte er ganz allein. Schon seit Jahren pflegt das BBW eine Partnerschaft mit der bei Oslo ansässigen Firma eines deutschstämmigen Auswanderers, die schon mehrfach Praktikanten aus Ravensburg im Rahmen des EU-Bildungsprogrammes „Erasmus+“ bei sich aufnahm. Im Frühjahr 2019 fährt wieder eine Gruppe BBW-Azubis samt Begleiter dorthin – ein Platz war eigentlich für Johannes Grundmann reserviert. Doch der hat in diesem Zeitraum schon einen anderen wichtigen Termin: Er wird Vater! Auf den Norwegen-Trip, auf den er sich so gefreut hatte, musste er trotzdem nicht verzichten. „Dann fahr halt alleine“, schlug ihm sein Ausbilder Cornelius Leopold vor. Fasziniert von Land und Leuten Gesagt, getan. Die Arbeit in Norwegen gefiel ihm sehr. Hilfsbereite Kollegen, nette Chefs und eine „ganz tolle Arbeitsatmosphäre“ erlebte er bei der Schreinerei „Interiørverkstedet“. Was er dort besonders beeindruckend fand? „Die Art und Weise der Arbeitsorganisation.“ Stichwort: Digitalisierung. „Man arbeitet viel mit Tablets und Apps.“ Und auch auf den Straßen Norwegens erlebe man schon die Zukunft: „Überall Elektroautos, überall Ladestationen.“ Neben der arbeitsreichen Fünftagewoche in der Schreinerei blieb ihm auch noch Zeit, die faszinierende Landschaft zu erkunden. „Gigantisch“ und „wahnsinnig beeindruckend“, schwärmt er immer noch von Land und Leuten. Die Menschen habe er als hilfsbereit und entspannt kennengelernt: „Man kommt sofort mit ihnen ins Gespräch.“ Abgesehen von den gesalzenen Preisen in Norwegen gebe es nur Positives zu berichten. Arbeitsunfall als Wendepunkt Das gilt auch für seine Ausbildung im BBW. Sein Weg dorthin war allerdings ein holpriger. Der gebürtige Heidelberger erlebte zwar schon einiges, den richtigen Platz im Berufsleben fand er aber lange nicht. „Ich habe vieles versucht, bin oft auf die Nase gefallen und immer wieder aufgestanden“, erzählt der 26-Jährige. Mit der angefangenen Lehre klappte es nicht, dann arbeitete er als ungelernter Zimmererhelfer. Ein schwerer Arbeitsunfall wurde zum Wendepunkt. Da war für ihn klar: „Ich brauche jetzt Hilfe, sonst schaffe ich es nicht mehr.“ Und diese Hilfe holte sich Johannes Grundmann bei der Agentur für Arbeit. Die schickte ihn ins Ravensburger BBW, wo er auf Ausbilder Cornelius Leopold traf, der ihm Mut machte: „Wir kriegen das gemeinsam hin!“ Tatsächlich ist das BBW offenbar genau das richtige Umfeld für ihn. Er sei „froh, diesen Schritt gemacht zu haben“, sagt er: „Ich fühle mich wohl hier.“ So schätzt er die Betreuung in einer relativ beschützten Atmosphäre, gleichzeitig aber auch die hohe fachliche Qualität: „Die Ausbildung im BBW ist ja keine Larifari-Ausbildung“, betont er. Vielmehr werde er hier perfekt auf den späteren Job vorbereitet. Aus Sicht seines Ausbilders hat er im BBW und nicht zuletzt auch durch die Auslandserfahrung „persönlich und fachlich einen großen Entwicklungsschritt gemacht“, so Leopold: „Ich bin mir sicher, dass wir aus Johannes einen sehr guten Schreiner machen können.“ Dankbar für Ausbildung Einen guten Eindruck hinterließ er übrigens auch in Oslo. Aber auch wenn die Türen für ihn in Norwegen nun offen stehen und das Land ihn als Urlaubsziel reizt: Dorthin auswandern kommt für Johannes Grundmann nicht in Frage. Da ist zum einen die bevorstehende Familiengründung, zum anderen bekomme er in Deutschland gerade seine Ausbildung finanziert. Deshalb möchte er nach seinem Abschluss auch hier arbeiten und seine Steuern zahlen: „Ich möchte das auch wieder zurückgeben.“ (ck) 1|2019 11

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