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Auf Kurs 01/2016

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Flüchtlinge im BBW

Flüchtlinge im BBW Schwerpunktthema: Jugendliche Flüchtlinge im Berufsbildungswerk Adolf Aich Auf Suche nach Sicherheit und Zukunft Sie kommen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Eritrea oder Gambia. Sie sind 16, 17 Jahre alt und ganz allein in Deutschland angekommen. Hinter ihnen liegt eine regelrechte Odyssee; und vor ihnen – so hoffen sie – eine sichere und bessere Zukunft. Rund ein Dutzend so genannte „Unbegleitete minderjährige Ausländerinnen und Ausländer“ (UmA) – so die aktuelle Bezeichnung – haben im BBW fürs Erste eine neue Heimat gefunden. Zusammen mit weiteren jugendlichen Flüchtlingen, die jetzt in der Region wohnen, gehen sie hier auch zur Schule. Vor Bürgerkrieg und Terror sind sie geflohen. Die einen hoffen darauf, ihre Familie nachholen zu dürfen, die anderen sind Waisen und ganz auf sich allein gestellt. Für alle diese jugendlichen Flüchtlinge gilt: Sie sind auf der Suche nach Sicherheit und Perspektive. „Sie waren zum Teil über ein Jahr auf der Flucht“, weiß Wolfgang Dreyer, Bereichsleiter Wohnen und Freizeit im Ravensburger BBW. Diese Strapazen haben sie überstanden. Wie es längerfristig für sie weitergeht, wissen sie nicht, solange ihr Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Doch zunächst einmal sind sie hier unter der Obhut des Jugendamtes. Und nach dem Jugendhilfegesetz steht ihnen der gleiche Schutz zu wie allen anderen Minderjährigen in Problemlagen hierzulande auch. Flüchtlinge drücken Schulbank Als freier Träger der Jugendhilfe nimmt das BBW schon seit mehreren Jahren Jugendliche mit UmA-Status auf. 15 von ihnen haben über die Jugendhilfe im BBW-Internat und einer Außenwohngruppe in der Stadt ein Dach über dem Kopf bekommen. Hier VABO-Klasse: Deutsch lernen hat Priorität Das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen (VABO): Seit Herbst 2015 gibt es dieses Angebot auch in der BBW-eigenen Sonderberufsfachschule, der Josef-Wilhelm- Schule. Neben Flüchtlingen aus dem BBW besucht eine Gruppe junger Syrer aus Vogt diese neue 18-köpfige Klasse. Wurden sie an ihrem ersten Schultag im BBW noch auf Englisch und – dank eines dolmetschenden Mitschülers – auf Arabisch begrüßt, soll schon bald Deutsch die Alltagssprache sein. „Das ist der Schlüssel für Ihre soziale Integration und berufliche Zukunft“, schwor der für die Maßnahme zuständige Konrektor Lutz Nischelwitzer die neuen Schüler auf diese Herausforderung ein. Neben Deutsch werden die Flüchtlinge auch in weiteren Fächern unterrichtet. So lernen sie im BBW praxisnah die Berufsbereiche Holz, Metall und Hauswirtschaft kennen, auch Sport steht auf dem Stundenplan. Zudem wird ihnen vermittelt, wie die Gesellschaft in Deutschland funktioniert, welche Regeln und Gebräuche es gibt. Und sie erhalten zusätzliche schulische Förderangebote und Nachhilfe. Denn die Voraussetzungen, mit denen die Flüchtlinge ins BBW kamen, sind ganz unterschiedlich: Vom Analphabeten bis zum Uni-Anwärter sind alle Bildungsstufen mit dabei, wie Schulleiter Klaus Hagmann berichtet. lernen sie, sich in der neuen Umgebung und fremden Kultur zurechtzufinden. Hier haben sie endlich einen geregelten Tagesablauf – Bildung inklusive. So drücken die jungen Flüchtlinge – manche erstmals in ihrem Leben – die Schulbank und durchlaufen ein eigens auf sie abgestimmtes Berufsvorbereitungsjahr: das VABO. Dieses Kürzel steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. Mittlerweile hat auch das BBW eine solche Klasse – weitere werden folgen. BBW übernimmt Verantwortung Für die BBW-Geschäftsführer Herbert Lüdtke und Christian Braun ist die Integration von Flüchtlingen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und als Sozialunternehmen nehme das BBW hier seine Verantwortung wahr. Dafür habe man als Kompetenzzentrum nicht nur die entsprechende Infrastruktur, sondern auch das qualifizierte Personal für solche anspruchsvollen Aufgaben. „Wir haben ein gutes Know-how, was den Umgang mit Jugendlichen aus verschiedenen Nationen angeht“, verweist Lüdtke auf die fast 35-jährige Erfahrung der Ravensburger Einrichtung. Dabei war das BBW schon immer multikulturell geprägt. So haben viele Schüler und Azubis im BBW einen Migrationshintergrund. Ziel: selbstständig werden Im BBW-Wohnheim gibt es für die derzeit ausschließlich männlichen Flüchtlinge sozialpädagogische Begleitung, Freizeitangebote vom Klettern bis zum Fußballspielen sowie ein abge- Erster Schultag in der Josef-Wilhelm-Schule des BBW: in einer eigenen Klasse absolvieren die jugendlichen Flüchtlinge eine spezielle Version des Berufsvorbereitungsjahres: das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen – kurz: VABO. Foto: Klaus stuftes Betreuungs- und Wohnkonzept. Der Grundsatz im BBW lautet: so viel Unterstützung wie nötig, soviel Selbstständigkeit wie möglich. „Das Ziel für die jungen Flüchtlinge ist das gleiche wie für die anderen Jugendlichen im BBW auch: dass sie so weit wie möglich ihr Leben in die eigenen Händen nehmen können“, erklärt Dreyer. Bei der Entscheidung für die geeignete Wohnform komme es immer auf den einzelnen Jugendlichen an. Gerade die UmAs seien in einer Altersphase, in der es grundsätzlich darum gehe, selbstständig zu werden, eigene Wege zu gehen. Von daher sei die Unterbringung in einer Gastfamilie nicht in jedem Fall eine sinnvolle Option. Psychologen im Haus Auch der BBW-eigene Fachdienst Diagnostik und Entwicklung kümmert sich bei Bedarf um die jungen Flüchtlinge. Denn viele sind durch Krieg und Flucht traumatisiert. „Nicht jeder junge Flüchtling braucht einen Psychologen“, weiß Dreyer. „Aber wenn nötig, haben „Wir sind auch Kulturmittler“ Fabienne Binzer ist Teamleiterin im BBW-Wohnheim und betreut unbegleitete minderjährige Ausländer. Auf Kurs fragte nach: Was ist das Besondere an der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen? Wir verstehen uns auch als Kulturmittler. Für die Flüchtlinge ist hier ja vieles ganz neu und fremd. Das geht schon bei den einfachsten Verhaltensweisen los, etwa wie man sich in unserer Gesellschaft richtig begrüßt und verabschiedet. Auch andere lebenspraktische Dinge – wie unser Müllsystem funktioniert zum Beispiel – müssen sie erst lernen. Am Anfang ist die sprachliche Barriere noch sehr hoch. Gerade durch die Verständigungsschwierigkeiten entstehen dann auch Missverständnisse, die man dann erst ausräumen muss. Zum Beispiel, wenn jemand lacht und dies dann vom Gegenüber als Auslachen seiner Person interpretiert wird. Hier sind wir als Übersetzer gefragt. Neben der Bewältigung des Alltags begleiten wir die UmAs auch in ihrem Asylverfahren und in ihrem Bemühen, sich hier eigene Netzwerke aufzubauen. Es braucht Zeit für diese Menschen, um Vertrauen zu fassen. Denn viele haben natürlich auch Ängste: Kann ich jetzt hier bleiben oder muss ich wieder gehen? Auch hier müssen wir sie als ihre ersten Ansprechpartner informieren und begleiten. 4 | Auf Kurs 1-2016 Auf Kurs 1-2016 | 5

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