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Auf Kurs 01/2015

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Bildungsgeschichten

Bildungsgeschichten Teilzeitausbildung für Erwachsene im BBW Ein „Sprungbrett“ in den Job Alleinerziehend, ohne Ausbildung und ohne eine klare berufliche Perspektive? Die vom Jobcenter des Landkreises Ravensburg finanzierte „Sprungbrett“-Maßnahme hilft insbesondere Müttern ab 25 Jahren beim Einstieg in einen Beruf – dank Teilzeitausbildung. Und so funktioniert‘s: Das erste Lehrjahr machen die Azubis im BBW, danach sollen sie möglichst von einem Betrieb übernommen werden. Gelächter klingt aus den „Kojen“ in der Lehrwerkstatt für angehende Raumausstatter im BBW. In einem dieser kleinen Übungsräume sind Olga Bosche-Krasavina und Maja Pawlowa zugange. Mit der Kleisterbürste in der Hand bringen sie die Wände auf Vordermann. Professionelles Tapezieren will ebenso gelernt sein wie das Verlegen von Bodenbelägen, Polsterarbeiten oder das Dekorieren von Fenstern. Die beiden sind mit Begeisterung und guter Laune bei der Sache und haben ganz offensichtlich ihren Traumjob gefunden. Auf Umwegen. Wie viele andere Frauen waren sie in einer beruflichen Sackgasse gelandet. Über 25, noch keine Ausbildung und trotz Motivation nur schlechte Karten auf dem Ausbildungsmarkt. Zum Beispiel weil sie es schwer haben, die Kinderbetreuung für einen kompletten Arbeitstag zu organisieren. Damit eine Ausbildung daran nicht scheitern muss, gibt es „Sprungbrett“ – eine Maßnahme des Jobcenters im Landratsamt Ravensburg in Zusammenarbeit mit dem BBW. „Sprungbrett“ richtet sich an Alleinerziehende ohne verwertbare Berufsausbildung, an Wiedereinsteigerinnen nach der Familienphase oder Pflege sowie an Frauen mit Migrationshintergrund. Das „Schade, dass ich das nicht schon früher gemacht habe“: „Sprungbrett“-Teilnehmerin Aysim Ermin hat mit der Tischlerlehre ihre Berufung gefunden. Besondere: Die Azubis machen ihre Ausbildung in Teilzeit, haben also nur eine 30-Stunden-Woche. Optimal, um Lehre und Familie gut unter einen Hut zu bringen. Zunächst ist ihr Arbeitsplatz im Ravensburger Berufsbildungswerk. „Wir vermitteln hier im Haus die Inhalte des ersten Ausbildungsjahres im jeweiligen Berufsbild“, erklärt BBW-Bildungsmanagerin Monika Kordula. „Und wir unterstützen die Teilnehmer bei der Ausbildungsplatzsuche für das zweite Ausbildungsjahr.“ Dann – so sieht es das „Sprungbrett“-Programm vor – soll die Ausbildung in einem Betrieb fortgesetzt werden. „Hobby und Beruf in einem“ Maja Pawlowa ist froh, dank „Sprungbrett“ den Einstieg in die Ausbildung geschafft zu haben. Der kreative und gestaltende Aspekt als Raumausstatterin habe sie schon immer fasziniert. „Aber ohne dieses Teilzeitmodell hätte es überhaupt nicht funktioniert“, sagt die 26-Jährige. Zumindest nicht, solange ihr Sohn noch so jung ist. Ihre Kollegin Olga Bosche-Krasavina nickt zustimmend. Erst vor zwei Jahren war die alleinerziehende Mutter aus Russland hier her gekommen. Die verschiedensten beruflichen Erfahrungen hat sie schon gemacht, aber 8 | Auf Kurs 1-2015

eben keine Ausbildung. Und eine solche ist nach wie vor die Eintrittskarte schlechthin ins Berufsleben, wie sie rasch erfahren musste: „Ohne Ausbildung ist es in Deutschland schwer.“ Auch sie landete schließlich im Büro von Monika Kordula. Schnell zeichnete sich im Beratungsgespräch ihr Berufswunsch ab: Raumausstatterin. Renovieren und dekorieren, das sei schon immer eine Herzensangelegenheit gewesen. „Und jetzt ist es sozusagen Hobby und Beruf in einem“, freut sich die 30-jährige. Auch für viele andere dürfte im Rahmen von „Sprungbrett“ das richtige dabei sein. So stehen die verschiedensten Berufe zur Wahl: zum Beispiel in der Gastronomie, im Verkauf, Lager oder in den Bereichen Holz, Bau, Kfz und Metall. Traum vom Tischlerjob erfüllt Im Schreinerzentrum des BBW steht eine weitere „Sprungbrettlerin“ an der Werkbank. Und man merkt gleich: Das hier ist genau ihr Metier. „Schade, dass ich das nicht schon früher gemacht habe“, meint Aysim Ermin. „Aber manchmal braucht es halt etwas länger, bis man den Beruf findet, der zu einem passt.“ Dabei habe sie der Werkstoff Holz ja schon immer fasziniert. Doch sie als Frau in einem Handwerkerberuf? „Das stand bei uns zuhause nie zur Debatte.“ Mit ihren Arbeitszeiten seien Ausbildung und Familie nun gut zu vereinbaren, meint die 33-jährige Türkin in Hinblick auf ihre Aufgaben als alleinerziehende Mutter. Über eine Infoveranstaltung war sie auf „Sprungbrett“ aufmerksam geworden: „So lange mein Kind noch kleiner ist, wäre das eine sehr gute Option“, dachte sie und nutzte die Chance. Zudem erfüllte sie sich mit dem Start in eine Tischlerlehre einen alten Traum. Vor Jahren schon habe sie eine ganze Reihe von Schreinereien auf der Suche nach einer Lehrstelle abgeklappert – ohne Erfolg. Nun hat es also doch noch geklappt. Und Aysim Ermin schwärmt von ihrem Job, der für sie alles andere ist als ein reiner Männerberuf. Kreativität sei gefragt, auch ihr Gespür für Details und ihre weibliche Intuition könne sie in der Arbeit zur Geltung bringen. Und ihre Zuverlässigkeit sowieso: „Als Alleinerziehende weiß man, was Verantwortung heißt.“ Was denkt sie denn über Ihre Zukunftschancen? Die schätzt sie als ziemlich gut ein. Schließlich sei das BBW ein „starker Partner“ und schaffe im ersten Lehrjahr eine gute Basis. „Die Schreinerei, die uns danach einstellt, bekommt gut geschulte Auszubildende“, meint sie selbstbewusst: „Das sind Argumente, die für uns sprechen.“ Fast alle werden weitervermittelt Monika Kordula kann das angesichts der Erfolgsbilanz von „Sprungbrett“ bestätigen: „Von unseren 13 Teilnehmerinnen des vergangenen Jahres konnten zwölf weitervermittelt werden.“ Eine davon ist die angehende Tischlerin Tanja Lange. Sie ist im September 2014 von der Schreinerei Thaler in Aulendorf zu Beginn des zweiten Lehrjahres übernommen worden. Anstrengend sei dieser Übergang schon gewesen, berichtet sie. Und nach wie vor sei viel Organisationstalent gefordert, um Familie und Ausbildung wirklich immer unter einen Hut zu bekommen – gerade wenn bei den Kindern zum Beispiel Klassenarbeiten anstehen und zugleich auch auf der Arbeit viel zu tun ist. Aber es geht voran: Tanja Lange hat inzwischen schon die Hälfte ihrer Ausbildung gemeistert und betont: „Ich würde diesen Weg wieder einschlagen.“ Christof Klaus Auf Kurs 1-2015| 9

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