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Anstifter 3, 2021 der Stiftung Liebenau

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Schwerpunkt Erfahrungen

Schwerpunkt Erfahrungen fürs Leben Was ein FSJ in der Stiftung Liebenau bringt Das FSJ half Leon Moll bei der Berufsfindung: Er macht die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. War es eine gute Entscheidung? „Definitiv“, sagt Leon Moll. Er hatte sich im August 2020 zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) entschlossen – so wie rund 80 weitere Männer und Frauen, die fast zeitgleich mit ihm ein FSJ oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) bei der Stiftung Liebenau machten. Leon Moll arbeitete etwa ein Jahr lang in der Erwachsenenpsychiatrie der St. Lukas-Klinik. Er fand, was er suchte: ein klares Berufsziel und viele Erfahrungen fürs Leben. Zum Nachtisch gab es heute Apfelkompott. Die leeren Schälchen stehen noch auf dem Tisch, in der Küche klappert Geschirr, die Atmosphäre auf der Station ist entspannt. Einige Patientinnen und Patienten haben sich zur Mittagsruhe auf ihr Zimmer zurückgezogen, andere sind gerade in der Physiotherapie oder gehen spazieren. Leon Moll sitzt mit vier jungen Erwachsenen am Tisch und ist ein gefragter Gesprächspartner. Maria* erzählt von ihrer Familie. Felix* erkundigt sich, wo er einen Taxischein für die Heimfahrt bekommen kann. Und Daniel* bittet um einen Rat: Er überlegt, ob er noch länger in der Klinik bleiben soll. Leon Moll wirkt wie ein ruhender Pol, geht auf jedes Anliegen ein und fragt schließlich: „Wollen wir noch was spielen?“ Begeistert holt Thomas* die Uno-Karten. Ein FSJler wie Leon Moll ist für das Stationsteam eine große Bereicherung. Er unterhält sich mit den Patientinnen und Patienten, spielt mit ihnen, nimmt sie auf Spaziergänge mit und achtet auch auf mögliche Besonderheiten in ihrem Verhalten. Er packt in der Küche mit an, hilft bei der Essensausgabe, übernimmt Botengänge und ist in fast alle Stationsabläufe eingebunden. Und vor allem: Er ist da. So einfach dies auch klingen mag, so wichtig ist seine aufmerksame Präsenz für die Menschen auf der Station und ihre Begleitung im Alltag. „Mir gefällt es, mit Menschen zu arbeiten, ihnen zu helfen und etwas zu bewirken. Diese Arbeit ist vielseitig und anspruchsvoll“, sagt Leon Moll. Dass ihn sein Weg in den sozialen Bereich führen würde, war nicht vorgegeben. Er machte zwar als Schüler mal ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung, begann aber nach dem Realschlussabschluss eine Schreinerlehre. Bald stellte er fest, dass dies nicht das Richtige für ihn ist, und entschied sich für ein FSJ – in erster Linie zur Berufsorientierung. Im Laufe der Monate in der St. Lukas-Klinik nahm seine zunächst vage Idee immer deutlichere Konturen an, bis ihm klar war: „Ich will Heilerziehungspfleger werden.“ Wenn die Entscheidung anders ausgefallen wäre, würde er das FSJ trotzdem als wertvolle Zeit betrachten. „Ein FSJ ermöglicht gute Erfahrungen. Da passiert so viel, was man für sein Leben mitnehmen kann“, erklärt Leon Moll, der zuvor nur wenige, flüchtige Kontakte zu Menschen mit Assistenzbedarf hatte. Im FSJ lernte er dagegen ständig neue Menschen mit ihren Eigenheiten kennen und begleitete sie ein paar Wochen lang – je nachdem, wie lange sie in der Klinik waren. „Das ist ein Einblick in eine fast andere Welt“, sagt er. Die Sympathien der Patientinnen und Patienten sind dem 21-Jährigen gewiss. „Ich bin der Uno-König“, verkündet Thomas*, als er die Karten-Runde gewinnt. Dann zeigt er gut gelaunt auf Leon Moll und sagt: „Er ist voll cool!“ (rue) * Name geändert 12 anstifter 3 | 2021

Stiftung Liebenau Viel mehr als ein Geschenk Ehrenamtliche bereichern das Haus der Pflege St. Sebastian in Wittenhofen Ein Luftbild zeigt das Haus der Pflege St. Sebastian perfekt eingebettet in die 1300-Seelen-Gemeinde im Deggenhausertal im Bodenseekreis. Sinnbildlich gilt dies auch für die soziale Einbindung: Ins Haus in Wittenhofen mit seinen 30 Bewohnerinnen und Bewohnern kommen Ehrenamtliche, um sich zu engagieren. Wenn es richtig klemmt, kann die Einrichtungsleitung Yvonne Denzler mit ihrem Team auf das örtliche bürgerschaftliche Engagement setzen. Mehr dazu im Gespräch mit Anne Oschwald. Frau Denzler, in welchen Bereichen engagieren sich Menschen in Ihrem Haus ehrenamtlich? Das ist sehr unterschiedlich: Ins Haus kommt eine Frau, die mit ihrem ausgebildeten Hund tiergestützte Therapie anbietet. Eine andere kümmert sich regelmäßig um die Wäsche, verteilt sie an die Bewohnerinnen und Bewohner, bei Bedarf flickt sie sie sogar. Regelmäßig zweimal im Monat kommt auch ein Klavierspieler und unterhält mit seiner Musik. Eunise, die Mutter von zwei Kindern, wartet bedingt durch Corona auf einen Deutschkurs. Die junge Frau aus Nigeria will die Zeit sinnvoll nutzen und kommt seit vergangenem November zuverlässig Montag bis Freitag zur Mittagszeit, um in Küche und Hauswirtschaft Aufgaben zu übernehmen. Wie entsteht die Verbindung zwischen Ihrem Haus und den Ehrenamtlichen, welche Beweggründe haben Ehrenamtliche, sich zu engagieren? Wir haben das Glück, dass die Leute uns finden: Eine Ehrenamtliche wollte etwas tun, was ihr auch guttut. Sie kommt zweimal die Woche und das alles neben vier Kindern mit Homeschooling und Co. Vergangene Weihnachten sind Frauen aus dem Ort regelmäßig über die Feiertage ins Haus gekommen und haben für Abwechslung gesorgt. Sie sind einem Aufruf von uns gefolgt. Fünf Personen vom DRK übernehmen regelmäßig die Coronatests. Was bedeutet bürgerschaftliches Engagement? Unlängst vermissten wir einen Bewohner, der abends nicht von seinem Spaziergang zurückkam. Nach der Vermisstenmeldung bei der Polizei hat der Hubschrauber über dem Dorf nach ihm gesucht. Die Wittenhofer waren aufgeschreckt, kamen und fragten, wie sie helfen könnten. Es halfen so viele Leute. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ein ortansässiger Landwirt hat den Vermissten anderntags glücklicherweise unversehrt und lediglich hungrig auf einer seiner Wiesen gefunden. Wie stärkt man als Einrichtung das Ehrenamt und die Menschen, die sich engagieren? Ehrenamt läuft nicht von allein. Mein Plädoyer für ein gelingendes Ehrenamt ist, eine Person aus dem Team zu benennen, die für das Thema verantwortlich ist. Wichtig sind verlässliche Absprachen, Anerkennung und Wertschätzung: Man sollte Ehrenamtliche zu Beginn ihres Engagements nicht nur im Haus, bei den Mitarbeitenden und den Bewohnern vorstellen, sondern auch in Prozesse im Haus einbinden. Das wird besonders deutlich in schwierigen Situationen, wie den Trauerphasen um verstorbene Bewohner, die auch die Ehrenamtlichen betreffen. Man darf sie auch hierbei nicht sich selbst überlassen. Freiwillig Engagierte wie Maria Walker bereichern das Leben und Arbeiten in den Häusern der Pflege. Was bedeutet Ehrenamt für die Akteure? Die Menschen wollen ein Feld finden, in dem sie wirksam sein können. Sie sind von einer inneren Motivation getrieben. Ehrenamtliche begleiten zum Markt, setzen sich mal mit Bewohnern auf eine Bank. Durch solche Aktivitäten sind wir – wieder – Teil des Ortsbildes. Für die Bewohner ist es eine willkommene Abwechslung. Es geht immer um das Geschenk der Zeit. anstifter 3 | 2021 13

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