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Anstifter 3, 2019 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Jörg Pohle hat viele

Jörg Pohle hat viele Worte im Kopf. Oft bleiben sie aber in seinem Hals stecken. Über das Schreibbrett und auch mit Hilfe des Computers kann er sich mitteilen. Evi Müllerschön unterstützt ihn dabei. Von einem, der die Worte fühlt Scheu und nervös wandert Jörg Pohles Blick durch den Raum, gleichzeitig auch wach und neugierig. Um die eigene Aufregung vor dem erwarteten Besuch abzubauen, läuft er hin und her. Sein „atypischer Autismus“ macht es ihm schwer, Blickkontakt zum Gast aufzunehmen und zu halten. Aber: Er schafft es. Beim Gespräch für den Anstifter hilft ihm die Mitarbeiterin Evi Müllerschön. Zu ihr hat Jörg Pohle über viele Jahre tiefes Vertrauen aufgebaut. „Ich habe alles im Kopf, aber die Wörter stecken im Hals fest“, entschuldigt sich der 36-Jährige zu Beginn. Jörg Pohle beherrscht die deutsche Sprache sehr gut. Aber er kann sie kaum sprechen. Um sich mitzuteilen, nutzt er Medien wie den Computer oder ein Schreibbrett aus Holz, das ähnlich wie eine Tastatur mit allen Buchstaben und wichtigen Zeichen aufgebaut ist. Nutzt er dieses Brett, kreist seine rechte Hand – geführt von Evi Müllerschön – wie unabhängig vom restlichen Körper. Sein Zeigefinger tippt zielsicher Buchstaben, die verblüffende Worte und Sätze ergeben. Dabei schweift sein Blick unruhig umher, seinem Mund entrinnen einzelne Worte und Laute. Trifft er auf fremde Menschen, hat er Angst davor, ausgelacht zu werden. Das liest Evi Müllerschön vor, während er schreibt. Und noch mehr: „Wenn ich etwas sagen will, dann hilft mir Evi zu reden. Sie hält mich in unterschiedlicher Weise: mal fest, mal gar nicht und oft zu wenig, weil sie denkt, ich bin sicher.“ Diese sogenannte Facility Communication (FC) ist Teil der Unterstützten Kommunikation. Im Kopf von Jörg Pohle kommen viele Gedanken und Reize auf einmal an. Er kann sie kaum kanalisieren. Schaut er ein Bild an, sieht er auf Anhieb die einzelnen Bestandteile. Den gesamten Zusammenhang erfasst er nicht. Um die Wahrnehmungen zu fokussieren, benötigen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen Hilfe. Evi Müllerschön erklärt, dass sie Jörg Pohle Sicherheit gibt, weil er die Grenzen und den Widerstand beim Halten spürt, wenn er schreibt. Die beiden kennen sich seit elf Jahren. Viele Jahre haben sie miteinander gearbeitet, bis es Jörg Pohle möglich war, einen freien Text zu schreiben. Er schreibt: „Evi hat nie aufgehört, bestimmt vier Jahre. Genau das ist, was ich gebraucht habe. Von jemandem ernst genommen zu werden. Wir gehen jeden Tag schreiben. Versuche die Worte zu finden: gegen den Strom meiner Gedanken, gegen all die Gefühle, gegen all die Erwartungen, gegen all die Ideen, die für mich gemacht wurden. Hören, Denken, Fühlen ist mein Leben.“ Es gibt vereinzelt noch Situationen, in denen Jörg Pohle der Umweltreize nicht Herr wird. Dann kommt es vor, dass er sich selbst wehtut, manchmal auch anderen. Doch meistens schafft er es, sich rechtzeitig zurückzuziehen, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu entziehen. Dann geht er zum Beispiel in die Toilette. Die Überschaubarkeit des Raums hilft ihm. Auch ein starker Geruch – etwa von Desinfektionsmittel an seinen Händen – kann ihn dann beruhigen. In der Förderwerkstatt der Stiftung Liebenau in Rosenharz verteilt er Post und Pakete und betätigt den Aktenvernichter. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Etikettieren von Grußkarten, die in der Werkstatt hergestellt werden. Seine Aufgaben werden jeweils am Morgen mit ihm besprochen. Diese Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit geben ihm Vertrauen. Vertrauen – dazu gehört für ihn auch die Leberkässemmel, die es dienstags gibt. Immer. Jörg Pohle kann viel erzählen. Und er reflektiert: „Menschen, die mich nicht kennen, sind oft überrascht von meinen Fähigkeiten.“ Seine Wahrnehmung täuscht ihn nicht. (ao) 20 anstifter 3 | 2019

Schwerpunkt TIPPS Buchtipps und Links Lust, mehr über das Thema Autismus und das Asperger-Syndrom zu erfahren? Aus der Vielzahl an Fachliteratur empfehlen die Autismus-Experten des Berufsbildungswerks unter anderem diese drei Bücher: Mit „AUT IST IN“ zwar etwas arg plakativ betitelt, bietet das schön aufgemachte, reichhaltig bebilderte und gut zu lesende Großformatbuch von Heike Drogies (Lebenskünstler-Verlag) jedoch einen spannenden Einstieg in das weite Feld einer Autismus-Spektrum-Störung. Neben einer kurzen Abhandlung grundlegender Fragen zu Formen, Diagnostik und Förderung stehen auf den 100 Seiten dann aber vor allem die betroffenen Menschen selbst – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – und ihre individuellen Geschichten im Mittelpunkt. Und so nimmt das Buch seine Leserinnen und Leser tatsächlich mit auf eine Entdeckungsreise, bei der es – wie es im Klappentext heißt – nicht darum gehen sollte, ob jemand „normal“ oder „anders“ ist. Denn: „Normal ist, dass alle Menschen unterschiedlich sind.“ Einen kompakten wissenschaftlichen Überblick – fachlich auf höchstem Niveau, aber dennoch gut verständlich – über Ausprägungen, Diagnostik und Therapie von „Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen“ findet man in dem gleichnamigen Buch (Psychiatrie Verlag) von Andreas Riedel und Jens Jürgen Clausen. Sie gewähren darin einen praxisnahen Zugang zu den Lebenswelten von Autisten und helfen so mit, diese Menschen im Alltag besser zu verstehen. Riedel ist auch einer der Autoren des von Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst herausgegebenen Sammelbandes „Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen“ – ein umfangreiches Praxisbuch mit Beiträgen von Wissenschaftlern und auch autistischen Experten. Es spannt inhaltlich den Bogen von Grundlagenwissen über Diagnostik und neue Therapiekonzepte bis hin zum sozialen Umfeld und der Arbeitswelt (Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft). Weitere Literatur: Der Junge, der zu viel fühlte – Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern; Lorenz Wagner Elf ist freundlich und Fünf ist laut – Ein genialer Autist erklärt seine Welt; Daniel Tammet Früher war ich falsch ... heute bin ich anders – Eine Asperger-Autistin und Mutter von vier ebenfalls betroffenen Kindern berichtet aus ihrem Leben; Regine Winkelmann (E-Book) Ich, Birgit, Autistin und Psychotherapeutin; Birgit Saalfrank Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing. Das Asperger-Syndrom aus der Sicht einer Betroffenen; Nicole Schuster Videos: Leben mit Autismus – Zu Besuch in Timos Welt; Nachrichtenmagazin neuneinhalb ARD Mediathek Unter uns - Nicole Schuster (Asperger-Autistin); youtube Kein Smalltalk, keine Lügen - Leben mit Autismus; ZDF Mediathek, 37 Grad anstifter 3 | 2019 21

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