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Anstifter 3, 2019 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Schwerpunkt Das Umfeld

Schwerpunkt Das Umfeld passend gemacht IT-Ausbildung von jungen Autisten im Berufsbildungswerk Beliebte Berufswahl von Jugendlichen mit einer Autismus- Spektrum-Störung: ein Job in der IT-Branche. Im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau finden diese jungen Menschen ein geeignetes Umfeld, um mit der nötigen Unterstützung den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu schaffen. Ganz ähnlich ging es seinem Azubikollegen Jan. Schon in der Schule habe er Schwierigkeiten gehabt, selbstständig zu arbeiten, erzählt der 25-Jährige. Nach dem Abitur startete er dann zwei vergebliche Anläufe zu studieren. Doch: „Mir hat da die Struktur gefehlt.“ In der fünften Klasse hatte man ihm zwar ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bescheinigt. Doch die Probleme blieben: „Ich bin überall immer wieder angeeckt.“ „Die darf da eigentlich noch gar nicht sichtbar sein.“ Leander deutet auf die Mauer am Fuße eines Bergs auf seinem Bildschirm. Die virtuelle Landschaft ist Teil eines Computerspiels, das der angehende Fachinformatiker gerade im Rahmen eines Ausbildungsprojektes programmiert. Er stoppt den Ablauf, ein anderes Fenster auf dem zweiten Monitor öffnet sich. Hier im Quellcode, vielleicht irgendwo zwischen den Zeilen 550 und 650, müsste sich der Fehler verstecken. „Probleme erkennen, Lösungen finden“ – das mache ihm Spaß, sagt der 22-Jährige. Seine Leidenschaft für Computer und Technik entdeckte Leander schon im Kindesalter. Was ihn auf seinem Weg in die berufliche Zukunft aber mehrfach zurückwarf, blieb lange unklar. Immer wieder gab es Ärger. Er flog von der Schule, kam über das Jugendamt dann in ein Internat, wo er seinen Werkrealschulabschluss machte. „Ich wusste schon, dass irgendwas mit mir ist, aber ich konnte es nicht betiteln.“ Erst im BBW in Ravensburg, wohin es ihn zunächst zur Berufsvorbereitung verschlug, erhielt er dann den Befund: Er ist von Asperger-Autismus betroffen. Für ihn sei die Diagnose eine Erleichterung gewesen, berichtet er. Kompetenzzentrum Autismus Seit gut 15 Jahren macht das Berufsbildungswerk der Stiftung Liebenau auch Menschen mit Autismus fit für den Einstieg in den Job. Der Anteil dieser Auszubildenden ist in dieser Zeit stark gestiegen. So werden im BBW aktuell rund 130 Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung beschult, ausgebildet und betreut – unterstützt unter anderem durch spezifisches Coaching und Training des BBW-eigenen Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung. Um diese Qualität auch extern bestätigen zu lassen, befindet sich das BBW gerade in einem Zertifizierungsprozess und bewirbt sich um das Gütesiegel „Autismus gerechtes Berufsbildungswerk“. Die entsprechenden Kriterien und Qualitätsstandards wurden vom Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus (Autismus Deutschland e. V.) in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke e. V. (BAG BBW) erarbeitet. 18 anstifter 3 | 2019

Schwerpunkt Im Kreise seiner Kommilitonen fand er keinen Anschluss, bekam Depressionen. „Man scheitert, aber man weiß nicht warum.“ Vor vier Jahren erhielt er schließlich die Diagnose Autismus. Eine Befreiung. Denn: „Nun hatte ich endlich einen Namen für alles.“ Mit dieser späten Gewissheit ist Jan kein Einzelfall, wie Dr. Stefan Thelemann, Leiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung im Berufsbildungswerk, erklärt: „Es gibt hochfunktionale Autisten, die im Abi oder auch im Studium zunächst noch ganz gut klarkommen. Erst, wenn es um komplexe soziale Aufgaben geht, wenn die in Schule und Uni vorgegebenen Strukturen verloren gehen, gibt es Probleme. Und dann landen solche Menschen nach Abbruch ihres Studiums unter anderem im BBW, um hier eine Ausbildung zu machen – in einem Umfeld, das ihnen das ermöglicht.“ Und dieses Umfeld bietet Autismus-gerecht ausgestattete Arbeitsplätze mit reizarmer Atmosphäre, kleine Berufsschulklassen, genügend Auszeiten, geschulte Ausbilder, professionelle psychologische Begleitung durch den Fachdienst und ein behutsames Heranführen an den allgemeinen Arbeitsmarkt über Praktika in Partnerbetrieben, die in engem Austausch mit dem BBW stehen. Gute Vermittlungschancen Unter diesen Bedingungen gelingt dann auch der Einstieg ins Berufsleben. So haben fast alle Fachinformatik-Absolventen des Sommers 2019 – die Hälfte davon Autisten – gleich nach ihrem Abschluss eine Beschäftigung gefunden, freut sich Ausbilder Uwe Weißenrieder. Sowieso sind IT-Berufe unter Autisten sehr beliebt. „Nicht jeder Mensch mit Autismus ist gleich“, betont Dr. Thelemann. „Aber es gibt natürlich ein paar Berufe, die vielen von der Struktur her besser liegen als andere.“ Dazu zählt zum Beispiel der Lagerbereich oder eben die Fachinformatik. „Ich konnte mich sehr früh für technische Sachen begeistern“, erinnert sich auch Jan und erzählt von Experimenten mit Legosteinen und Fischertechnik, von selbst gebauten Getränkeautomaten, der Zeit in der Oldtimer-Werkstatt des Vaters oder ersten Programmiererfahrungen in der Computer-AG seiner Schule. Im BBW hat der Abiturient nun endlich den geeigneten Platz gefunden, um aus seinen Talenten einen Beruf zu machen. „Es geht darum, das Umfeld an die Menschen anzupassen und nicht die Menschen an das Umfeld“, betont Dr. Thelemann. Insbesondere gilt es darauf zu achten, die Azubis nicht zu überfordern. Der Grund: Autisten bewegen sich – ohne es rechtzeitig zu merken – oft an ihrer Belastungsgrenze und überschreiten diese – mit entsprechenden negativen Folgen für den Betroffenen und das Umfeld. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Pausen wichtig. So haben Jan und seine Kollegen jeweils am Vor- und Nachmittag zusätzlich zur Frühstücks- und Mittagspause noch eine weitere Fünf-Minuten-Auszeit zur freien Verfügung. „Dann geht man zum Beispiel raus auf den Balkon, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Leander – und kehrt anschließend wieder mit neuer Energie zurück an die Bildschirme. Vielleicht findet sich ja heute noch der fehlerhafte Code im Computerspiel – irgendwo zwischen Programmierzeile 550 und 650. Ein starkes Netzwerk Das Berufsbildungswerk engagiert sich auch als Mitglied des Kompetenznetzwerkes Autismus Bodensee-Oberschwaben und ist in dieser Funktion Gastgeber eines jährlichen Fachtages. Mit spannenden Themen aus Theorie und Praxis, namhaften Referentinnen und Referenten und zahlreichen Gästen aus Nah und Fern gilt die Veranstaltung als etabliertes Forum in Sachen Autismus und als wichtige Kommunikationsplattform insbesondere für Experten und Fachkräfte. Der nächste Fachtag Autismus findet am 25. Januar 2020 im Ravensburger BBW statt. Nähere Infos zum Programm und zur Anmeldung gibt es rechtzeitig auf: www.stiftung-liebenau.de/bildung/aktuelles/fachtagautismus anstifter 3 | 2019 19

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