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Anstifter 3, 2019 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Schwerpunkt Das erste

Schwerpunkt Das erste Lächeln verrät viel Autismus: eine andere Art der Wahrnehmung Menschen mit Autismus nehmen die Welt anders wahr, haben häufig Probleme in der sozialen Interaktion und ein hohes Bedürfnis nach klaren Strukturen und gleichbleibenden Abläufen. Warum das so ist, erklärt Dr. Brian Fergus Barrett im Interview. Er ist Chefarzt in der St. Lukas-Klinik und leitet dort die Abteilung für Stationäre Psychiatrie und Psychotherapie des Erwachsenenalters. Herr Dr. Barrett, was ist Autismus? Es handelt sich um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich meist im frühen Kindesalter manifestiert. Die Ursachen sind multifaktoriell. Eindeutig widerlegt ist die Vermutung, dass Autismus durch Erziehung oder Impfungen verursacht sein könnte. Es besteht aber ein genetischer Zusammenhang, so gibt es familiäre Häufungen. Welche Gene dabei eine Rolle spielen, ist Gegenstand der Forschung. Etwa ein Prozent der Bevölkerung hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Ungefähr zwei Drittel davon sind Männer. Wenn autistische Störungen in früher Kindheit beginnen, worauf sollten dann Eltern achten? Ein Baby zeigt ab einem Alter von circa sechs Wochen ein soziales Lächeln: Es lächelt zurück, wenn zum Beispiel die Mutter es anlächelt. Autistische Kinder tun das nicht. Später haben sie wenig Interesse am Spiel mit Gleichaltrigen, sitzen in sich versunken da und beschäftigen sich stundenlang mit derselben Sache. Sie suchen kaum Körperkontakt, es gibt wenig geteilte Emotionen und die Sprachentwicklung kann verzögert sein. Die Ursache von solchen Auffälligkeiten sollten Eltern abklären lassen. Wie kommt es zu autistischen Störungen? Es spricht einiges dafür, dass im Hirn bestimmte Areale, die zum Beispiel für die Einordnung einer Wahrnehmung zuständig sind, anders miteinander vernetzt sind, man spricht von atypischer Kon- 16 anstifter 3 | 2019

Schwerpunkt nektivität. Deshalb haben Menschen mit Autismus sehr detailbezogene Wahrnehmungen, können sie aber nur schwerlich in einen Gesamtkontext setzen. Viele können etwa bei einem Gespräch Hintergrundgeräusche wie Vogelgezwitscher oder Motorengeräusche nicht herausfiltern. Deshalb fällt es ihnen schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und sie sind gefährdet, von den einströmenden Reizen überflutet zu werden. Welche Formen von Autismus gibt es? Früher unterschied man zwischen frühkindlichem Kanner-Autismus und dem Asperger-Syndrom. Diese Reinformen sind aber eher selten. Deshalb spricht man heute von einer Autismus-Spektrum-Störung mit einer großen Bandbreite an individuellen Ausprägungen. Zwei Drittel der Menschen mit Autismus haben eine geistige Behinderung. Ein Drittel ist normal begabt und nur wenige Prozent sind hoch begabt. Wie äußert sich Autismus? Ein Kernproblem ist die fehlende Fähigkeit zu emotionaler, kognitiver und sozialer Empathie. Deshalb haben Autisten große Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion mit anderen Menschen. Oft können sie Blickkontakte nicht halten, nonverbale Signale nicht verstehen und Mimik nicht interpretieren. Ihre Auffassung ist häufig konkretistisch, Ironie wird nicht verstanden. Das alles führt zu Missverständnissen und Stress im Umgang mit anderen Menschen und letztlich häufig dazu, dass sich der Autist sozial zurückzieht und „wie in seiner eigenen Welt“ zu leben scheint. offene Fragen und eine hohe Dichte an Umgebungsreizen, wie beispielsweise Lärm. Ehrgeizige Förderpläne können für Autisten Stress bedeuten. Auch Ausflüge empfinden sie häufig nicht als Erholung, weil sie mit dem Wegfall von vertrauten Strukturen und mit hohen sozialen Anforderungen verbunden sind. Weniger ist hier häufig mehr. Warum ist das richtige Milieu so wichtig? Wenn das Milieu nicht passt, können autistische Menschen immer mehr unter Anspannung geraten, bis es zu Auto- oder Fremdaggressionen kommt, ein sogenanntes Hyperarousal. Man kann es verhindern oder wieder abbauen, indem man diese Menschen einfach mehr in Ruhe lässt. Es ist wichtig, ihr Bedürfnis nach sozialem Rückzug zu akzeptieren. Wenn jemand zum Beispiel nicht in einer Tischgemeinschaft essen möchte, dann soll er die Möglichkeit haben, seine Mahlzeiten alleine zu sich zu nehmen. Wir sollten also nicht unsere eigenen Bedürfnisse nach sozialer Interaktion in autistische Menschen hineininterpretieren. Wenn wir dies beachten, dann können wir alle ein Stück zufriedener sein. (rue) Was können Medizin und Psychotherapie tun? Die Möglichkeiten sind je nach Ausprägung der Autismus-Spektrum-Störung sehr verschieden. Für hochfunktionale Autisten gibt es mittlerweile etablierte Psychotherapien. Dabei trainieren sie, sich möglichst „neurotypisch“ zu verhalten, um nicht aufzufallen. In der St. Lukas-Klinik haben wir es vor allem mit Menschen mit niedrigfunktionalem Autismus und geistiger Behinderung zu tun. Für sie ist es am wichtigsten, das Setting autismusgerecht anzupassen. Medikamentös ist Autismus nicht beeinflussbar; man kann höchstens versuchen, die Reizoffenheit mit Medikamenten etwas zu regulieren. Welches Setting, also welche Umgebung und welche Art des Umgangs, brauchen die Betroffenen? Autisten haben ein hohes Bedürfnis nach Struktur und können sich nur schwer auf einen Situationswechsel einstellen. Deshalb brauchen sie ein berechenbares Milieu und einen klaren Tagesablauf. Auf Änderungen müssen sie vorbereitet werden. Wir dürfen von ihnen keine höhergradigen sozialen Fertigkeiten erwarten. Vermieden werden sollten auch ungefragter Körperkontakt, Ironie, Dr. Brian Fergus Barrett, Chefarzt in der St. Lukas-Klinik und Leiter der Abteilung für Stationäre Psychiatrie und Psychotherapie des Erwachsenenalters. anstifter 3 | 2019 17

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