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Anstifter 3, 2016 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Pflege, Teilhabe, Bildung, Gesundheit, Familie und Service.

Mit größter Sorgfalt

Mit größter Sorgfalt bei der Sache Foto: © stockpics - fotolia.com Mitarbeiter der Colorus GmbH im Arbeitsintegrationsprojekt (AIP) mittendrin von Lioba Scheidel WANGEN-SCHAUWIES – Die Firma Colorus in Amtzell bedient einen internationalen Markt mit Profi-Malerbedarf. Vor drei Jahren hat Colorus die Lagerlogistik samt Team in das AIP integriert. Das AIP ist eine Werkstatt der Liebenauer Arbeitswelten, mitten im Gewerbegebiet Wangen-Schauwies. Die Kooperation überzeugt: Mitarbeiter von Colorus kommissionieren unter einem Dach mit Beschäftigten der St. Gallus-Hilfe und Azubis des Berufsbildungswerks Adolf Aich (BBW). Sieben Vliesbestellungen sind über Nacht eingetroffen. Diese Picklisten reicht Tanja Heraucourt, Lagerleiterin bei Colorus, direkt an Josef Rittler weiter. Der Beschäftigte der Liebenauer Arbeitswelten im AIP Gemeinsam verantwortlich für die Lagerlogistik der Colorus GmbH: (v.l.) Marina Brode (Colorus GmbH), die Azubis Oliver Kramer und Andreas Szep vom BBW mit Helga Venohr und Josef Rittler, Werkstatt-Beschäftigte der Liebenauer Arbeitswelten. Foto: Scheidel ist für die ganz großen Aufträge zuständig. Sein Betreuer Ralf Späth, Fachkraft für Arbeit und Bildung, begleitet ihn ins Lager. Denn Josef Rittler tut sich schwer mit dem Lesen. Doch im Lager kennt er sich aus, steuert zielstrebig die zweite Regalreihe an, stapelt drei Rollen Malervlies auf den Wagen, faltet den passenden Karton und verpackt mit größter Sorgfalt die großen, schweren Rollen. Nebenan schiebt Lucas Koch seinen Wagen am Hochregallager entlang. Für jede Pickliste hat er eine Kiste aufgeladen, stellt je nach Auftrag Malerwalzen, Farben und Klebebänder zusammen. Die Artikelnummern sind lang. Leise liest der angehende Fachlagerist die Zahlenreihen, vergleicht, nickt zufrieden. In der Morgenrunde mit Ausbilderin Uschi Büchele vom BBW hat sich der Azubi für das Kommissionieren entschieden. Wenn es schwierig wird, kann er sich jederzeit an die Ausbilderin wenden. Sie steht selbst in der Packstation und unterstützt die Azubis. Wird es eng in der Auftragserledigung, ist das im AIP kein Problem. Viele Beschäftigte mit Behinderung sind mit der Lagerlogistik vertraut. Colorus verfügt über ein Sortiment von 1250 Artikeln und hat 300 Stellplätze im Hochregallager des AIP angemietet. Jeder Auftrag, der das Lager verlässt, wird kontrolliert. Lucas Koch hat sein Okay bekommen und fährt die Ware zur Packstation. Beständig füllt sich der Postwagen. Am späten Vormittag sind die ersten Bestellungen, die über Nacht eingetroffen sind, unterwegs zum Kunden. Die Zusammenarbeit von Kollegen mit und ohne Behinderung und die kurzen Wege der Kommunikation sind zukunftsweisend für Isabella Burgey-Meinel, Leitung im AIP. Die innovative Kooperation wurde mit den Colorus-Geschäftsführern Jürgen Feiner und David Hegele ins Leben gerufen. Die professionelle Lagerlogistik ermöglicht es ihnen, den internationalen wachsenden Markt schnell und effektiv zu bedienen. Die Kompetenz und Flexibilität in der Arbeit, das moderne Hochregallager, die große Werkstatt und die Lage nahe der Autobahn tun ihr Übriges dazu. 24 Menschen mit Behinderung

Ein guter Tag heißt, mittendrin zu sein Abwechslung und Tagesstruktur im Förder- und Betreuungsbereich (FuB) von Anne Oschwald LIEBENAU – An verschiedenen Standorten bietet die St. Gallus-Hilfe Förder- und Betreuungsbereiche (FuB): Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf erhalten hier eine Tagesstruktur mit individuellen Angeboten und damit Abwechslung im Alltag. Marlene Kriszke kommt jeden Tag in den FuB in Liebenau. Und ist dort mittendrin. Marlene Kriszkes blaue Augen wirken ausgesprochen lebendig: Offenbar nehmen sie vieles wahr, was in der Umgebung passiert. Meist erzählt ihr Gesichtsausdruck vom eigenen Befinden. Manchmal ihre Gesten. Verbal kann sich die durch ihre Behinderung stark eingeschränkte Frau nicht mitteilen. Wenn Marlene Kriszke morgens in der Wohngruppe in Liebenau abgeholt wird, hat sie nicht selten schon mehrere leichte epileptische Anfälle erlebt. Dann bleibt offen, wie ihr Tag verlaufen wird. Nach der Begrüßung im FuB hebt ihre Betreuerin mit Hilfe einer Kollegin die junge Frau mit dem Lifter in das Pflegebett. Das Bett steht zentral in der Beschäftigungsgruppe, wo tagsüber zehn Menschen betreut und gefördert werden. Über Marlene Kriszkes Bett hängt ihr persönlicher Sinnesbaum. Mit eigenen Bewegungen verschafft sie sich anregende Reize, bringt die farbenprächtigen Blumen zum Hüpfen und die Glöckchen zum Klingen. Manchmal schaut sie auf dem Tablet-Computer Filme oder Fotos an. Kurz vor Mittag bekommt Marlene Kriszke fein passiertes Essen. Wenn es ihr schmeckt, ist ihr Teller in Windeseile leer. Dank Smoothfood kann sie auch unterschiedliche Zwischenmahlzeiten essen, abwechslungsreiche Geschmackserlebnisse inbegriffen. Nach dem Mittagessen sondieren die Mitarbeiter Marlene Kriszke mit Flüssigkeit, wegen ihren Schwierigkeiten beim Schlucken. Später, während die anderen nebenan zu Mittag essen, ist es still um sie. Sie kann die Mittagsruhe genießen. Scheint nachmittags die Sonne, wird Marlene Kriszke im Pflegebett auf die Terrasse geschoben. Ihr Blick ist dann gebannt vom tanzenden Schatten der Laubblätter auf der Markise. Ihre Betreuerin spricht mit ihr und massiert ihr die Hände. Der Duft verschiedener Öle ist zu riechen. Marlene Kriszke scheinen die vertrauten Menschen, Geräusche und Abläufe am wichtigsten. Selbstverständlich ist in der Gruppe immer was geboten. Für Marlene Kriszke gilt: je lebhafter, desto besser. Eine Stunde vor Feierabend muss sich die junge Frau noch einmal richtig anstrengen. In einem Stehständer gesichert, soll sie etwa 20 Minuten mit dem Aufrechtstehen durchhalten. Das Training hilft, die Muskulatur zu erhalten, die aufrechte Haltung zu schulen, eine andere Perspektive einzunehmen und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Marlene Kriszkes Gesicht verrät: Dies ist harte Arbeit. Wenn Marlene Kriszke abgeholt wird, verabschiedet die Gruppe sie bis zum nächsten Tag. Alle zusammen ermöglichen ihr, dass sie jeden Tag wie selbstverständlich dabei sein kann. Und dass viele Tage gute Tage werden. Marlene Kriszke kann sich verbal nicht mitteilen. Aber ihr Gesicht verrät Mitarbeiterin Melanie Kraus viel. Foto: Oschwald Menschen mit Behinderung 25

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