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Anstifter 3, 2016 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Pflege, Teilhabe, Bildung, Gesundheit, Familie und Service.

Der erste Schritt Foto:

Der erste Schritt Foto: © GTeam - fotolia.com von Prälat Michael H. F. Brock Menschen in Typen einzuteilen fällt mir schwer. Im Grunde will ich es auch gar nicht. Schon gar nicht möchte ich Menschen festlegen. Menschen können sich verändern. Aber wenn ich mit einzelnen ins Gespräch komme, fangen sie meist selber an über sich selbst in Typbeschreibungen zu sprechen. „Ich bin eher ein Gewohnheitstier“ schmunzelt einer. „Ich brauche immer den gleichen Trott. Da weiß ich was ich habe, und andere Menschen wissen auch immer, wo und wie sie mich finden.“ Zuverlässigkeit – das verbinden manche Menschen mit ihrem immer gleichen Trott. Manche fühlen sich aber auch selbst festgelegt. Von sich selbst oder von anderen. Und ich treffe den eher neugierigen Menschen, der immer auf der Suche ist nach neuen Wegen, neuen Eindrücken, neuen Menschen. Menschen, die immer unterwegs sind, sehe und spüre ich aber auch ihre Einsamkeit an. Meistens sind es Menschen, die viele Menschen kennen. Aber in ihrer Unbeständigkeit auch nirgends verweilen können. Zuweilen sind sie sprunghaft. Sie erleben sich abenteuerlustig, aber oft sind es gerade diese Menschen, die sich nach Heimat sehnen. Und ich erlebe Menschen, die sich als ordnungsliebend beschreiben, die immer Orientierung brauchen, immer Halt in Systemen, Meinungen, und ihre Ordnung ist quasi das Geländer, an dem sie sich festhalten durchs Leben. Ich glaube, wir könnten noch unendlich mehr Men- schen beschreiben mit ihren Eigen-Arten. Ich beobachte, wo immer Menschen zu sehr in einem Typ zuhause sind, fällt ihnen der erste Schritt hin zu Veränderung ausgesprochen schwer. Manchmal sind es äußere Anlässe, die ein anderes Verhalten fordern: der Wechsel an einen neuen Arbeitsplatz, der Umzug an einen anderen Wohnort. Manchmal besteht die Herausforderung auch darin, eine scheinbar unlösbare Aufgabe auf eine neue Weise anzugehen oder im Umgang mit anderen Menschen einen unvertrauten Weg auszuprobieren. Ein Mensch, der zuverlässig, aber eben auch festgelegt immer in der gleichen Regelmäßigkeit lebt, wird einen solchen ersten Schritt ins Abenteuer neugierig nur schwer gehen können. Dann kann eine an sich durchaus gesunde Regelmäßigkeit zur Belastung werden. Ein guter Gradmesser im Leben ist die Fähigkeit zum ersten Schritt, wenn – aus welchen Gründen immer – neue Wege zu beschreiten sind. Ich empfehle, dass wir einen gesunden Mix finden zwischen Ordnung und Abenteuerlust, Neugierde und Zuverlässigkeit, sodass der jeweils anstehende erste Schritt nicht zu einer „Typ-Frage“ wird, sondern zur Bereitschaft, die Wege zu finden und zu suchen, die im Leben anstehen. Es sind Wege, die mich reifen lassen und als Mensch reich machen. Ein Reichtum nicht nur für mich selbst, sondern in der Begegnung auch für andere Menschen. 18 Stiftung Liebenau

Buchvorstellung: „Was bleibt“ von Roland Weiß, Schwäbische Zeitung Tettnang LIEBENAU – „Zusammen entfalten sie die Seligpreisungen des Lukasevangeliums.“ So schreibt Prälat Michael H. F. Brock im „Wort voraus“, mit dem er sein neues Buch „Was bleibt. Begegnungen mit Jesus“ einleitet. Gemeint sind damit Jesus und „Maria, die von Magdala“. Maria von Magdala ist dabei exemplarisch zu sehen, quasi als Stellvertreterin. „Ihre Fragen sind die der Menschen“, erklärt Brock seinen Ansatz. Mit ihren Fragen begleitet und fördert sie eine Entwicklung des Mannes aus Nazaret, der in allen drei Büchern und „Begegnungen mit Jesus“ eines ist – zutiefst Mensch. „Was bleibt – Begegnungen mit Jesus“ Michael H. F. Brock Verlagsgruppe Patmos ISBN 978-3-8436-0804-6 „Wenn ich die Menschwerdung Jesu ernst nehme“, dann ergibt sich für Brock, dass Jesus seine Erkenntnisse und Weisheit nicht von Anfang an und per se in sich trug. Sondern, dass er sie entwickelt hat. Was nicht ohne Gegenüber geht: Die Begriffe „Beziehungserzählung“ und „Beziehungsverhältnis Gott- Mensch“ benutzt Brock und gibt damit die Antwort auf die Frage, die ihn selbst beschäftigt hat: „Wie bringt man die Seligpreisungen mit ihrer Sprengkraft in eine beschreibbare Handlung?“ Indem Maria von Magdala und Jesus „im vertrauenden Gespräch die Themen entwickeln“. Was für Brock Ausdruck von Entwicklung ist: „Je näher sie sich als Menschen kommen und je mehr Verständnis sie füreinander haben, desto näher sind sie bei Gott.“ Womit sich der Kreis schließt – denn schließlich handelt es sich um keine von Gott fertig formulierte Botschaft, sondern um Entwicklung und Reifeprozesse. „Der Weg eines Menschen ist immer ein Reifen, ein Suchen, ein Finden“, beschreibt es der 55-Jährige. Was auch die Prioritäten setzt: „Wir sollen nicht anbeten lernen, wir sollen das Menschsein lernen“, ist der Prälat sich sicher. Und auch wenn er keine Pauschalierungen mag, nennt er als Grundeinvernehmen: „Für mich heißt es nicht: Gott ist Gesetz. Für mich heißt es: Gott ist Beziehung.“ Nicht abstreiten will Brock, dass den Seligpreisungen „eine politische Dimension“ zukommt – finden doch alle Hoffnungen der Menschen auf eine veränderte Welt hier ihren Ausdruck, sei es als Zukunft für die Armen, Hungernden, Weinenden. Ihnen allen begegnet Jesus mit heilsamer und vergebender Nähe und paart dabei für Brock „den Anspruch auf Gerechtigkeit mit dem Aspekt der Barmherzigkeit“. Was Jesus nicht tut: Er vertröstet nicht. Was bedeutet, dass es auch Jesus um eine weltliche Gerechtigkeit geht. Was für den Prälaten einem Auftrag gleichkommt – „sich im Hier und Jetzt nicht mit Ungerechtem abzufinden“, etwa in der Frage der Armut. Nicht ausschließen will Brock, dass er nach den Begegnungen mit Jesus nicht auch anderen Figuren der Bibel in Buchform begegnet, denn: „Wir haben in der Bibel viele Quellen, die uns heute helfen können.“ Ein Ansatz, den Michael H. F. Brock auch mit „Was bleibt“ und dessen Vorgängern verfolgt. Deshalb hat es Tagungen mit Mitarbeitern gegeben, die in ganz praktischen, alltagstauglichen Haltungen und Umgangsweisen münden sollen. Stiftung Liebenau 19

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