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Anstifter 2, 2023 der Stiftung Liebenau

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Stiftung Liebenau Neue Wege der Erinnerungskultur Fotografieren, schreiben und interviewen: Mit diesen Mitteln näherten sich 46 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit und ohne Behinderuneng an die Ermordung von über 501 Liebenauern in den Jahren 1940/41 an. Sie besuchten verschiedene inklusive Workshops, die von Profis geleitet wurden und über das ganze Jahr 2023 verteilt stattfanden. Fahrten nach Grafeneck und zum Goldbacher Stollen bei Überlingen vertieften die Auseinandersetzung. Die Workshops sollten den Erwerb von Kompetenzen, die über die Beschäftigung mit dem Thema hinaus wirksam im Sinne der Inklusion sind, fördern und den Teilhabegedanken stärken. Die Reihe wurde von Aktion Mensch gefördert. Am 25. Januar 2024 ab 15 Uhr werden die Ergebnisse der Workshops in Liebenau öffentlich präsentiert. Erstmals sind so Menschen mit Behinderungen aktiv in die Erinnerungskultur zum Nationalen Gedenktag für die Opfer der Nationalsozialisten einbezogen. Dr. Janina Loh erhält Honorarprofessur Dr. Janina Loh hat von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg die Honorarprofessur für „Ethik der Technik und ihre sozialen Kontexte“ erhalten. Die Professur gehört zum „Zentrum für Ethik und Verantwortung“ der Hochschule. Der Präsident der Hochschule Prof. Dr. Hartmut Ihne (rechts) übergab ihr am 11. Mai in St. Augustin die Ernennungsurkunde. „Ich liebe die Lehre, die Erwachsenenbildung ist eine meiner Leidenschaften“, freute sie sich. Dr. Janina Loh promovierte in Philosophie. Seit September 2021 hat sie die Stabsstelle Ethik bei der Stiftung Liebenau inne. Dass sie nun zusätzlich an einer Hochschule lehren und sich auch wissenschaftlich mit ethischen Fragen auseinandersetzen wird, sieht Stiftungsvorstand Prälat Michael H. F. Brock als großen Glücksfall für beide Seiten. „Wir freuen uns sehr, dass Dr. Janina Loh die Honorarprofessur erhalten hat, und sehen darin auch die Chance, dass sich Theorie und Praxis gegenseitig befruchten.“ Mitarbeitende der Stiftung Liebenau können Prof. Dr. Janina Loh bei ethischen Fragen kontaktieren. Beispiele für solche Fragen und die Antworten darauf veröffentlicht sie regelmäßig unter dem Titel „Ethik im Alltag der Stiftung Liebenau“ in den internen Stiftungsmedien. 8 anstifter 2 | 2023

Stiftung Liebenau Zurück ins Leben von Prälat Michael H. F. Brock Für die vielen Leser, die ich nicht persönlich kenne, für die ich sehr gerne schreibe und meine Gedanken teile, und für jene, die ich die Ehre habe zu kennen, ein Wort voraus: Ich war lange krank. Hirnaneurysma, Intensivstation, Reha, viele Wochen und Monate. Und neben ausgezeichneter Betreuung haben mich viele wirklich gute Ratschläge erreicht. Sie stimmen mich allesamt dankbar. Es tröstet so ungemein, dass Menschen an Menschen denken und ich mich aufgehoben wissen darf in den Herzen von Freunden. In der schwierigsten Phase meiner Krankheit habe ich eine Zeit lang nicht mehr an mich geglaubt und ich hatte mein Leben auch nicht mehr in der eigenen Hand. Ich weiß heute: Es war ein Lebenskampf an der Schwelle des Todes. Krankenschwestern, Pflegerinnen und Pfleger, Ärzte und Freunde haben den Kampf für mich gewonnen als ich nur noch Angst empfand: mein Delir – verwirrt – festgebunden ans Bett – schreiend voller Angst. Da haben schließlich jene die Oberhand behalten, die für mich ans Leben glaubten, mir den Schweiß von der Stirn wischten und an meinem Leben festhielten, als ich mich längst vor Angst aufgegeben hatte. Die ersten Wochen erlebte ich im Koma und hatte keinerlei Zeitgefühl, auch keine Wahrnehmung für Menschen um mich herum. Aber was wäre gewesen, wenn sie nicht da gewesen wären. Zuerst am Telefon mit dem dringenden Rat, den Krankenwagen zu holen. Das Glück, dass in der Notaufnahme gerade nichts los war, das CT frei war und die Notoperation unverzüglich eingeleitet werden konnte. Für mich waren es wenige Tage in meiner Wahrnehmung. In Wirklichkeit waren es über fünf Wochen. Ich hatte Träume, Albträume, Angst. Ich empfand Verzweiflung und sah in den Abgrund. Menschen um mich herum sahen das Leben. Mein Gott, bin ich dankbar, dass es solche Menschen gibt, die sich dem Leben verschrieben haben, wo wir selbst nur noch dem Sterben ins Gesicht schauen. Ich bin vorsichtig mit großen Worten, schon immer gewesen, aber ich traue mich zu schreiben, dass ich eine Spur demütiger geworden bin in den letzten Monaten. Und dankbar. Ja, die guten Wünsche, die ich hören durfte, lesen durfte, sie sind angekommen. „Nimm dir Zeit“, stand in einer Karte. Und ja, ich brauche Zeit. Ich kann schon wieder laufen, ich kann alles bewegen wie früher. Ja, Denken geht auch. Manchmal vergesse ich noch einiges, aber es geht immer besser mit der Zeit. Ob es wieder wird wie früher? Mit der gebotenen Demut sage ich heute: hoffentlich nicht! Das ewige Rennen, im Kreis. Überall dabei sein wollen. Alle Entscheidungen drei Mal prüfen. Heute weiß ich: Es geht auch ohne mich. Und das ist eine beruhigende Erkenntnis. Denn das bedeutet, wir haben gute Leute in Verantwortung. Gute Leute! Sie brauchen Führung, aber nicht jeden Tag. Und andere Menschen haben auch Ideen, gute Ideen. Ich muss nicht alles kontrollieren. Seit meiner Krankheit weiß ich, es ist nicht alles kontrollierbar. Vieles wird nicht durch mich bewirkt, vieles ist einfach Geschenk. Ich habe auch den Rat bekommen, möglichst keine Schwäche zu zeigen. Ich solle einfach so lange wegbleiben, bis ich wiederder Alte“ wäre. Aber, ich sprach schon darüber, das geht gar nicht und ist für mich auch nicht erstrebenswert. Warum soll ich verschweigen, dass alle Menschen, auch Führungskräfte, verletzbare Wesen sind. Es gibt nicht die Einteilung in Menschen, die Fürsorge brauchen, und andere, die sie durchgehend spenden könnten. Welch unmenschlicher Gedanke. Wir alle sind Menschen. Und auf eine Weise bin ich auch froh, mich schwach erlebt zu haben. Es bringt mich Menschen näher, die wie ich, schwach sind. Und es steigert nochmals mehr meinen Respekt für jene mir unbekannten Pflegerinnen und Pfleger, FSJler und Ärzte. Respekt und Dank für eure Hände, Gedanken, euer Dasein für mich, damit ich zurückfinden konnte ins Leben. Danke. Hoffentlich kann ich ein wenig davon zurückgeben. anstifter 2 | 2023 9

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