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Anstifter 2, 2022 der Stiftung Liebenau Österreich

Praxis aus Vorarlberg

Praxis aus Vorarlberg Praxis aus Vorarlberg spielen. Als ich wiederkam, sah sie, wie ich das Mühlespiel aus meiner alten Aktentasche zog. Wir spielten, bis sie genug hatte. Sie war überglücklich und sagte am Abend zu den Pflegekräften: ‚Stellen Sie sich vor: Der Arzt hat sich über zwei Stunden Zeit genommen, um mit mir Mühle zu spielen!‘ Da sie mich wegen meiner Aktentasche für einen Arzt hielt und Ärzte ja eigentlich nie Zeit haben, hatte meine Zeit noch an Wert gewonnen. Kurz darauf ist sie verstorben. Ich bin sehr froh, dass ich ihr noch ein paar schöne Stunden bereiten konnte. Das ist rührend, klingt aber doch mehr nach Besuchsdienst als nach Hospizbegleitung… „Wir geben viel“, sagt Hospizbegleiterin Barbara Stocker (links), hier mit Bewohnerin Käthe Engstler, „bekommen aber auch viel zurück.“ Barbara Stocker: Ja, das stimmt. Wenn die Leute gut beieinander sind, leisten wir Gesellschaft und unternehmen etwas mit ihnen. Wenn es ans Sterben geht, kommt mehr und mehr die psychologische Komponente hinzu. Geschenkte Zeit für lebendige Stunden Hospizbegleitung BARTHOLOMÄBERG / SCHRUNS – Aufgabe von Hospizbegleiterin Barbara Stocker und Hospizbegleiter Günter Benzer ist es, das Leben von einsamen oder sterbenden Menschen zu bereichern und den Angehörigen zur Seite zu stehen. Beide arbeiten seit rund vier Jahren abwechselnd im Haus St. Anna und Haus St. Josef. Im folgenden Interview berichten sie von ihren Erfahrungen und ermutigen Angehörige, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Günter Benzer: Warum soll man warten, bis jemand stirbt, wenn man vorher schon für diese Person da sein kann? Dabei baut sich auch eine Beziehung zum Pflegepersonal und den Angehörigen auf. Man kennt sich dann einfach und es fällt ihnen leichter, uns auch im Ernstfall zu rufen. Welchen Tipp möchten Sie Angehörigen geben? Barbara Stocker: Sie sollten das Gefühl der Einsamkeit durch häufige Telefonate und Besuche mildern, dabei Freude und Interesse zeigen. Günter Benzer: Angehörige wollen und sollen sich kümmern, dürfen aber auch ohne Bedenken unsere Hilfe annehmen. Vielen Dank für das Gespräch! Einfach zum Lachen: Die Kurzfilme der Reihe „Dick und Doof“ kommen gut an. Sommerkino im Erzählcafé ST. GALLENKIRCH – Kinoatmosphäre schnuppern, beim Knuspern von Popcorn gemeinsam lachen und sich hinterher über die besten Momente austauschen: Im Haus St. Fidelis hat Anfang August im Rahmen des wöchentlichen Erzählcafés ein Kinoabend stattgefunden. Rund 30 Kinogäste aus dem Pflegeheim und den heimgebundenen Wohnungen, Mitarbeitende und Ehrenamtliche haben sich am späten Nachmittag in der Aula des Hauses eingefunden. Auf Wunsch der Seniorinnen und Senioren wurden Kurzfilme aus der 70er-Jahre-Serie „Dick und Doof“ mit Stan Laurel und Oliver Hardy gezeigt. „Diese kurzen Filmgeschichten garantieren nicht nur Lacher und nostalgi­ Warum erzählen gut tut Das Erzählcafé ist eine Form der Biografiearbeit: Hier können die Seniorinnen und Senioren in entspannter Atmosphäre ihre Erlebnisse zu einem bestimmten Thema im Gespräch mit den anderen reflektieren. „Über diese kleinen, spontanen Erzählungen kann sich die oder der Einzelne mit der Lebensführung und dem Lebensverständnis anderer vergleichen und die eigenen Erfahrungen neu einordnen“, erklärt Betreuerin Klaudia Hofmann. Um Anreize zum Erzählen zu schaffen, bringt sie jeweils passende Materialien zum Anschauen, Anfassen, Riechen oder Schmecken mit. Was ist das Wichtigste bei der Hospizbegleitung? Barbara Stocker: Das Wichtigste ist Zuhören und Anteil nehmen. Es braucht Geduld und Aufmerksamkeit, um liebevolle Anteilnahme vermitteln zu können. Günter Benzer: Man muss sich einlassen können, seine Barbara Stocker war als Pharmazeutin tätig. Aus persönlichem Interesse absolvierte sie bereits im Jahr 1988 einen Kurs zur Hospizbegleiterin, fand damals allerdings noch keine Zeit, das Ehrenamt auszuüben. Seit zehn Jahren ist sie in Pension, hat im Jahr 2018 einen weiteren Kurs besucht und arbeitet seitdem in der Hospizbegleitung. Die 72Jährige lebt in Partnerschaft, hält sich gerne in der Natur auf und beschäftigt sich unter anderem mit Fotografie, Musik und ihrer Katze. sche Gefühle, sondern sind aufgrund ihrer Kürze und Bekanntheit auch für Menschen mit Demenz leichter verständlich als ein moderner Kinofilm“, sagt Erzählcafé-Betreuerin Klaudia Hofmann. Zum Film gab es Popcorn in den „guten, alten Tüten“ wie eine Bewohnerin angesichts der Verpackung im Retrostil begeistert feststellte, dazu Cola. Auf das Kinoerlebnis hatten sich die Gäste bereits vorher bei einem gemeinsamen Abend­ eigenen Ideen, Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen. Einfach Zeit geben, Zeit für den anderen, in jeder Situation. Wie kann das konkret ausschauen? Günter Benzer: Im Haus St. Josef hat eine Seniorin bedauert, niemanden zum Spielen zu haben. ‚Was möchten Sie denn spielen?‘, habe ich gefragt. ‚Halma oder Mühle‘, sagte sie und ich versprach, bei meinem nächsten Besuch mit ihr zu Günter Benzer hat 36 Jahre Englisch und Latein am Gymnasium unterrichtet. Im Ruhestand suchte er nach einer sinnvollen Beschäftigung und folgte dem Rat eines Freundes, sich bei der Hospizbegleitung zu melden. Günter Benzer absolvierte den Kurs beim Hospizverein Vorarlberg im Jahr 2015 und ist seitdem aktiv. Der 74Jährige ist verheiratet, spielt Klavier, hört klassische Musik, wandert gerne und lernt nach eigenen Angaben Jahr für Jahr in der Gartenarbeit dazu. essen mit Gegrilltem und verschiedenen Salaten eingestimmt. „Da war schon eine große Vorfreude mit am Tisch“, berichtet Klaudia Hofmann, „die sich anschließend rundum bestätigt hat: Der Kinoabend ist so gut angekommen, dass sich alle eine baldige Wiederholung wünschen.“ (eb) Der Kinoabend beginnt mit einem gemeinsamen Abendessen. 16 anstifter ÖSTERREICH 2 | 2022 anstifter ÖSTERREICH 2 | 2022 17

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