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Anstifter 2, 2021 der Stiftung Liebenau

Stiftung Liebenau Bewegte und bewegende Geschichten Unter den Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt findet sich ein besonderes Buch: Ein Buch, das die Tür zu einer neuen und vielen unbekannten Welt öffnet. Es ermöglicht Begegnungen mit anderen Menschen, ihren Erlebnissen und Perspektiven. Die Autorinnen und Autoren sind Menschen mit Behinderungen. Obwohl sie in unserer Nachbarschaft leben, ist ihre Lebenswelt vielen von uns fremd: In dem Buch „So vieles, was mein Herz bewegt“ geben Menschen mit Behinderungen persönliche Einblicke, manchmal unscheinbar, manchmal schwelgerisch. Mit ihren Erinnerungen, Gedichten, Interviews, Gedankensplittern lassen sie andere an ihrer Welt teilhaben. Den Impuls für dieses Buch gab ein kreatives Schreibseminar in der Stiftung Liebenau. Nach drei intensiven Tagen merkten die zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Es waren längst nicht n Herz? Wie schaue ich auf von träume ich? Mit ihren utorinnen und Autoren mit nblicke in ihre Lebenswelten, ihre Interessen, Geschichten e. Die eigene Person rückt in kt, Erlebtes, Empfindungen te finden einen Ausdruck und deren zur Kenntnis genommen. Ich habe etwas zu sagen. ig! alle Worte gesagt. Sie hatten noch mehr mitzuteilen, mehr zu schreiben. Sie trafen sich weiterhin in einer Schreibwerkstatt. Die Freude darüber, dass sie ein Forum für ihre Geschichte und ihre Geschichten gefunden einmal zu mir, dass lbsterschaffenen Kunstwird. Diese Sammlung ten trägt diese Energie macht für uns die Menschen Es sind diese besonderen s wert sind, erzählt zu nderschönen Erzählungen Was hat dies mit n? Rein gar nichts! haben, war bei allen groß. Über mehrere Monate fanden Erinnerungen, Kummer, Freuden, Wünsche und Sehnsüchte ihren Weg aufs Papier. Einige haben selbst geschrieben, andere haben ihre Gedanken diktiert. Dabei wurde viel gelacht. Aber auch r des Dokumentarfilms Menschsein So vieles, was mein Herz bewegt Brock, Hofmann, Oschwald (Hg.) Tränen des Schmerzes waren bei manchen Erinnerungen nicht zu verhindern. Das waren Momente, die die Teilnehmenden besonders berührt haben. Die Fähigkeit, auch in unangenehmen Erlebnissen das Positive zu sehen, trat immer wieder zutage. Geprägt war die Arbeit immer von großem Respekt füreinander und von vertrauensvoller Offenheit. „Die Schreibwerkstatt war für mich optimal. Da konnte ich schreiben, was ich fühle und denke. Was gerade in meinem Kopf herumschwirrt. Schreiben liegt mir am Herzen und macht mir sehr viel Freude“, sagt etwa Johanna Stumpfögger. Michael H. F. Brock, Ruth Hofmann, Anne Oschwald (Hg.) So vieles, was mein Herz bewegt Menschen mit Behinderungen schreiben über sich und die Welt Parallel zu den Werkstatt-Texten entstanden weitere Texte, manche ganz eigenständig daheim, andere bei Gruppenarbeiten, begleitet von engagierten Fachkräften. Auch wenn manche Autorinnen und Autoren nicht namentlich genannt werden möchten: Alle sind stolz auf das Geschaffene und blicken mit Freude und Staunen auf das gemeinsame Buch. Und das zu Recht. Die Leser erfahren die Welt mit dem Blick von Menschen mit Behinderungen. Dabei werden sie merken: Wir sind uns alle ähnlich. Und es ist noch lange nicht alles gesagt. Mehr über das Buch, eine Leseprobe und eine digitale Buchvorstellung finden sich hier: www.stiftung-liebenau.de/ buch-mein-herz Buchtipp: So vieles, was mein Herz bewegt; Menschen mit Behinderungen schreiben über sich und die Welt; Patmos Verlag; 2021; ISBN 978-3-8436-1320-0 4 anstifter 2 | 2021

Stiftung Liebenau Auf dem Weg von Prälat Michael H. F. Brock Erst als es wirklich nicht mehr zu schaffen war, beschlossen wir, Oma ins Pflegeheim zu geben. Rund um die Uhr uns zu kümmern, hatten wir versucht. Waschen, Essen reichen, anziehen, den Tag gestalten: All das wollten wir so lange wie möglich gemeinsam und zuhause tun. Zeit war eine Grenze und Kraft. Wir konnten die Zeit nicht aufbringen, nicht in der Fülle, wie Oma sie gebraucht hätte. Und sie im Bett zu wenden, damit sie nicht immer in gleicher Lage auf der Matratze liegen musste, sie gar zu mobilisieren und in den Rollstuhl zu setzen, dafür wurde sie zu schwer, oder uns selbst ging die Kraft aus. Schweren Herzens riefen wir im Heim an. Dort stand Oma schon lange auf der Warteliste. Es ist so weit, sagte ich der Heimleitung, und tatsächlich hatte sie für die darauffolgende Woche ein Zimmer frei. Aber wie würde Oma aufgenommen werden von Pflegekräften, Hilfskräften, hauswirtschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und wie würde Oma sich fühlen an einem fremden Ort mit fremden Menschen. Ich spürte Trauer hochkommen, und ich rang ein wenig nach Luft. Frau W., die Heimleiterin des Pflegeheimes, schien es zu spüren. Kaffee? Gerne! Wir tranken Kaffee. Ich bekam den Heimvertrag, die Hausordnung, konnte mir das Zimmer ansehen. Zwanzig Quadratmeter, Nasszelle, Einbauschrank, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett, ein Fernseher. Sieht ein wenig nach Hotelzimmer aus, dachte ich. Herr B., sagte Frau W., heute fangen zwei neue Pflegekräfte bei uns an. Ich möchte sie gerne mitnehmen, Herr B., zur Begrüßung. Ich war überrascht, wie Frau W. die neuen Pflegekräfte begrüßte. Wenn ihr ab heute miteinander Dienst tut, sagte sie, versteht euch immer als Team. Und es geht immer und ausschließlich um das Wohl unserer Gäste. Ich möchte, dass ihr euch immer vor Augen führt: Menschen, die bei uns wohnen, sind auf der Reise. Sie haben ihre Koffer gepackt und sind von zuhause aufgebrochen. Hier bei uns im Pflegeheim machen sie noch einmal Rast vor dem Sterben. Und unser ganzes Bemühen muss es sein, ihnen die Rast so geborgen wie möglich zu gestalten. Ich weiß, wir werden für jeden einzelnen wenig Zeit haben. So vieles muss geleistet werden. Wecken, Medikamente richten, waschen, anziehen, pflegen, den Tag gestalten. Ihr wisst schon, was alles zu tun ist. Das Entscheidende aber ist, mit welcher Haltung wir es tun. Denkt immer daran. Die Bewohner sind unsere Gäste auf einer der wichtigsten Reisen ihres Lebens. In ihrem Gepäck ist ihr ganzes Leben. Erinnerungen. Glück und Schmerz. Jeder trägt sein ganzes Leben mit sich. Manchen müssen wir tragen helfen, andere gehen unbeschwert, manche freuen sich auf diese Reise, andere haben Angst. Wir wissen nicht, wann sie wieder aufbrechen von hier. Aber wie sie sich fühlen hier bei uns, dafür stehen wir ein: Wir behandeln unsere Gäste mit großem Respekt und würdevoll. Erst wenn sie sich geborgen fühlen, sind wir zufrieden. Gäste auf ihrer wichtigsten Reise, dachte ich. Ja, so ist es und so darf es sein. Und so werde ich es Oma sagen können, dass sie auf dem Weg in eine neue Heimat noch einmal Herberge bezieht und Gast sein darf. anstifter 2 | 2021 5

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