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Anstifter 2, 2021 der Stiftung Liebenau Österreich

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Schwerpunkt Gedanken zum Glück im Alter Ein Essay von Prof. Dr. Bernd Seeberger Was ist Glück? Ein ausgewogener Cocktail aus den Botenstoffen Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Endorphin – sagt die Medizin. „Das, was gelungen ist“, sagt die Etymologie, die den Begriff bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt. Damals sprach man von „Gelucke“ oder „Gelücke“, was sich von „gelingen“ ableitet und die individuelle Sichtweise auf das eigene oder fremde Glück zur weiteren Analyse für Philosophen und Psychologen ins Spiel gebracht hat. Demnach hat jeder Mensch seine persönliche Definition von Glück. Oder mehrere, wenn er sie dem Lauf seines Lebens bis ins hohe Alter anpasst. Das heißt: Falls man überhaupt von Glück im Alter sprechen kann. Im nachfolgenden Essay hat Prof. Dr. Bernd Seeberger, Alternsforscher mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialgerontologie an der Universität UMIT Tirol, Belege und Gedanken zum Glück im Alter aus eigenen und fremden Forschungen, aber auch aus Werken von Dichtern und Philosophen gesammelt. 4 anstifter ÖSTERREICH 2 | 2021

Schwerpunkt In der Altersforschung stellen wir uns die Frage: Bleiben wir ein Leben lang die gleiche Person? Nein, wir verändern uns ständig. Unser Körper und Äußeres, unsere Einstellungen, unsere Wahrnehmungen und auch unsere Erinnerungen an uns und frühere Erlebnisse sind stets im Wandel. Was bleibt, ist ein gewisser Trommelschlag, ein Takt, der uns begleitet, man könnte auch sagen eine Identität, die uns trägt. In uns ist nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch die Erinnerung an unsere Zukunft. Geglückte Selbstwahrnehmung Eine Untersuchung in Österreich über die Selbst- und Fremdwahrnehmung zum Alter zeigt, dass sich ältere Menschen selbst eher als jünger einschätzen, von anderen aber als älter gesehen werden. Die älteren Menschen sahen sich selbst etwas positiver, als sie von den anderen beurteilt wurden. Ein Altersbild unserer Gesellschaft gibt es nicht. Jeder einzelne hat eine innere Vorstellung, wie er altern möchte. Die psychologische Bedeutung von solchen individuellen positiven Altersbildern kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Persönlichkeitspsychologe Hans Thomae hat das Altern nicht nur als ein biologisches, sondern vor allem auch als ein soziales Schicksal beschrieben. Somit ist der Mensch zu einem erheblichen Teil für seine Wahrnehmung des Alters verantwortlich, die wiederum von seiner Lebenseinstellung und bisherigen Lebensführung abhängt. Sorge begleitet das Glück – auch im Alter Das menschliche Glück wird immer auch von der Sorge begleitet. Es ist die Sorge um die schon längst erwachsen gewordenen Kinder und nahe Familienangehörigen oder gute Freunde. Man muss sich sein ganzes Leben lang (um sich selbst) kümmern, so der französische Philosoph Michel Foucault. Worüber sorgt sich der älterwerdende Mensch? Er bereitet sich auf sein Alter vor, auf die Vollendung seines Lebens in jenem Alter, in dem das Leben selbst so langsam zu Ende geht. Epikur über das Glück im Alter Wenn man über das Glück nachdenkt, sollte man sich auch bei dem griechischen Philosoph Epikur (ca. 340 – 270 v. Chr.) umschauen, der sich mit Glück und Glückserwartungen auch für das Alter beschäftigt hat. Hier nun seine wichtigsten Aussagen dazu: Für ihn ist Glück ein innerer Frieden. Die Freude an Freundschaft meint heute: gute Beziehungen zu haben. Die rechte Einstellung zu Göttern und zum Tod bedeutet heute, einen Glauben zu haben, der trägt und Hoffnung und Trost vermittelt. Glück im Alter heißt für Epikur auch Schmerzfreiheit; schmerzfrei an Körper, Geist und Seele. Glückserwartungen, die bis heute noch Wert und Gültigkeit besitzen. Es handelt sich großteils um Tugenden, die uns helfen sollen, unsere Ziele zu erreichen. Prof. Dr. Bernd Seeberger, Alternsforscher Glück bleibt ein flüchtiges Gut Die moderne Glücksvorstellung sollte nach dem Wunsch vieler Menschen eine Mischung aus sinnlichem Glück, materiellem Glück und sozialem Glück sein. Der Zustand des Glücks bleibt jedoch eine innere Vorstellung des Menschen. Ein Zustand oder eine Phase von kurzer Dauer. Denn Glück ist ein äußerst flüchtiges Gut, das uns nicht überall und immer zur Verfügung steht. Der Wiener Arzt und Begründer der Psychotherapie Sigmund Freud sagt dazu: Das Glück war in der Schöpfung nicht vorgesehen! Die römische Glücksgöttin Fortuna mit ihrem Füllhorn war eben eine launige Göttin und verteilte Glück und Unglück unabhängig von der Person. Der Dichterfürst Goethe erkannte dies mit seiner Aussage: Es gibt nur wenige Tage und Stunden im Leben, wo ich glücklich war. Glücklich ist, wer vergisst Die Ataraxie wiederum (altgriechisch: Unerschütterlichkeit) stellt den seelischen Zustand der Gelassenheit Schicksalsschlägen und ähnlichen Außeneinwirkungen gegenüber, die das Glück gefährden. Der österreichische Komponist und Kapellmeister Johann Strauß hat diese Fähigkeit in seiner Fledermaus-Operette verewigt. Viele ältere Menschen kennen die Melodie als kleines Trostpflaster im Alltag: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Er bezog sich mit diesem Satz auf die Wiener Börsenkrise um 1873. Glück im Dauerzustand Zufriedenheit im Alter meint, ich habe mich mit meiner Lage oder auch Schicksal arrangiert oder angefreundet und finde, anstifter ÖSTERREICH 2 | 2021 5

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